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07.Juli 1998 | Jungle World |
Wer von Auschwitz nichts wissen will, sollte die Klappe halten Ohne Erkenntnis der deutschen Vernichtungspraxis sind auch die deutschen Zustände der Gegenwart nicht zu verstehen
Auf dem Schlachtfeld der gemordeten Begriffe Die Diskurs- und Wertanalytiker handeln über die Shoah, ohne deren Realität an sich heranzulassen
Zur Aktualität von Auschwitz Pogrome, Neonazis, Goldhagen-Debatte: Es ist schwer, in Deutschland die Gegenwart des Holocaust zu verdrängen |
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Arbeit und AntisemitismusWir möchten an einem Beispiel illustrieren, wie weitgehend die mit Goldhagens Studie verbundenen neuen Erkenntnisse unseren Blick auf den Holocaust und den Nationalsozialismus verändert haben. Als wir vor wenigen Jahren das Buch von Rainer Trampert und Thomas Ebermann, "Die Offenbarung der Propheten" (Hamburg 1995) lasen, war keiner von uns (und auch keine Rezension) über folgende Passage gestolpert: "Vor allem aber steckte den Deutschen der Untertan in den Gliedern, und die Nationalsozialisten verstanden es, sein Angst- und Unsicherheitsgefühl wachzuhalten. Das Abtransportieren der Juden vor aller Augen und die öffentliche Jagd auf Kommunisten riefen selbst bei denen, die keine überzeugten Nazis waren, Erleichterung hervor, nicht zu den Verfolgten zu gehören. (...) Ein solches Leben in Unsicherheit erzeugt bei den Untertanen den Wunsch nach Anlehnung an die Mächtigen, die allein zu schützen vermögen und den Drang, das von ihnen Verlangte überzuerfüllen." Die Vorstellung der von Angst und Unsicherheit geplagten Deutschen und die Behauptung, daß jeder und jede ein potentielles Opfer der NS-Herrschaft gewesen sei, weshalb Erleichterung vorgeherrscht habe, als es gegen die Juden ging, sind durch Goldhagen und andere widerlegt. Die Schwachstellen dieser Textpassage, die die antisemitische Ideologie ebenso unterschätzt wie die Wirkung, die die Bevölkerungsstimmung auf die Entscheidungen der Eliten ausübte, sind heute evident. Dennoch sind auch die derzeit vorliegenden theoretischen Fragmente für die Analyse des exterminatorischen Antisemitismus der Deutschen nicht ausreichend. So fehlt zum Beispiel bis heute eine umfassende Untersuchung über den Gehalt der Parole "Arbeit macht frei". Weder ist die Relevanz dieses verinnerlichten Glaubenssatzes der Deutschen für die spezifische Prägung des Antisemitismus bisher geklärt, noch seine Bedeutung im Kontext der destruktiven Dialektik deutscher Vergesellschaftung. Seine Schlüsselrolle aber ist evident. Hitlers Antisemitismus war unmittelbar aus dem Begriff der deutschen Arbeit abgeleitet. "Ich könnte nicht ohne Arbeit sein", rief er in einer grundlegenden Rede ("Warum sind wir Antisemiten?") im Münchner Hofbräuhaus 1920 aus. "Hundertausende und Millionen würden vielleicht 3-5 Tage, 10 Tage aushalten, könnten aber nicht 90 oder 100 Tage leben ohne Tätigkeit. (...) Wir suchen unbedingt eine Möglichkeit zur Betätigung und wenn der Deutsche keine andere Möglichkeit hat, so schlägt er sich zum mindesten zeitweilig gegenseitig den Schädel ein. (Heiterkeit)." Ariertum bedeute, so Hitler weiter, "sittliche Auffassung der Arbeit und dadurch das, was wir heute so oft im Mund führen: Sozialismus, Gemeinsinn, Gemeinnutz vor Eigennutz - Judentum bedeutet egoistische Auffassung der Arbeit und dadurch Mammonismus und Materialismus, das konträre Gegenteil des Sozialismus. (Sehr richtig!)." Im Hakenkreuz, schrieb Hitler später in "Mein Kampf", "sehen wir die Mission des Kampfes für den Sieg (Ö) des Gedankens der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird." Es liegt auf der Hand, daß eine Untersuchung des Topos "Deutsche Arbeit" zugleich beliebte Parolen der deutschen Linken ("Arbeit, Arbeit, Arbeit", "Arbeitsplätze für Millionen" usw.) in ihrem Kerngehalt kenntlich machen könnte. |
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