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07.Juli 1998 | Jungle World |
Wer von Auschwitz nichts wissen will, sollte die Klappe halten Ohne Erkenntnis der deutschen Vernichtungspraxis sind auch die deutschen Zustände der Gegenwart nicht zu verstehen
Arbeit und Antisemitismus
Zur Aktualität von Auschwitz Pogrome, Neonazis, Goldhagen-Debatte: Es ist schwer, in Deutschland die Gegenwart des Holocaust zu verdrängen |
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Auf dem Schlachtfeld der gemordeten BegriffeDie Diskurs- und Wertanalytiker handeln über die Shoah, ohne deren Realität an sich heranzulassen In ihrem ersten Dossier "Goldhagen und die antinationale Linke" (Jungle World, Nr. 2 / 98) hatten Regina Berendt, Werner Fleischer, Günther Jacob und Nicola Meißner unser Buch, das sie als "bemerkenswert" bezeichneten, durchaus differenziert besprochen: Begrüßt wird darin unsere Auseinandersetzung mit der traditionsmarxistischen, der "adornitischen" und der ableitungstheoretischen Position. Kritisiert werden wir, weil wir - im Gegensatz zu Goldhagen und der Diskurstheorie - auch auf das ideologiekritische Instrumentarium zurückgreifen, durch das "der Antisemit nur als Träger von falschem Bewußtsein identifiziert werden (kann)". Darüber hinaus wird uns vorgeworfen, daß wir - in Übereinstimmung mit Goldhagen, aber im Gegensatz zum Postmodernismus - nicht davon ablassen, auch hinsichtlich des Holocaust "nach letzten Instanzen, Ursprüngen und Kausalitäten zu fahnden". Wir stimmen mit Berendt et al. insofern überein, als es für dieses Verbrechen in der Tat keine logische Notwendigkeit, keine vom Weltgeist im Hegelschen Sinne affizierte Determinante gibt. Auch aus den Gesetzen der kapitalistischen Akkumulation ist Auschwitz nicht einfach ableitbar. Wir gehen weiterhin davon aus, daß sich in dem unmittelbaren Verbrechen an den Juden ein gesellschaftliches Bewußtsein materialisiert hat, das mit den Glaubenssätzen "Die Juden sind unser Unglück" und "Arbeit macht frei" auf eine Kurzformel gebracht werden kann. Die Differenz um das Ganze beginnt dort, wo Berendt und Co. es kategorisch ablehnen, den Ursprüngen dieser Brandsätze (und damit den Voraussetzungen für die Shoah) auf den Grund zu gehen (Jungle World, Nr. 2 / 98 und 15 / 98). Ebenso wenig interessiert sie, warum gerade von Deutschland aus der Holocaust betrieben worden ist. Schon diese Fragestellungen werden als eine Form von Geschichtsmetaphysik denunziert. Gerade nach der Erfahrung der Shoah könne es, so schreiben sie in der Jungle World, "nicht mehr darum (gehen), was wahr oder falsch, wissenschaftlich oder ideologisch, wirklich oder illusorisch ist". Gerade die "vollendete Sinnlosigkeit von Auschwitz" stelle "die wissenschaftlichen Objektivierungsverfahren, das Phantasma vom 'objektiven Befund' radikal in Frage". Mit anderen Worten: Die vollendete Sinnlosigkeit wird als Alibi genommen, sich jedwede Erklärung, wie es dazu kam (und was der Nationalsozialismus eigentlich war), zu ersparen. Kann diese Erkenntnisfeindlichkeit etwas anderes als Ausflucht sein? Entsprechend beliebig fällt ihre Definition des Antisemitismus aus: "Antisemitismus", heißt es in ihrem Dossier, "ist weder 'falsches Bewußtsein' noch eine essentialistische Identität, sondern entsteht durch die Koppelung verschiedener Diskurse, die an ganz bestimmte Voraussetzungen gebunden ist." Die Zuordnung ist eindeutig: Die Verkoppelung der verschiedenen Diskurse ist an Voraussetzungen gebunden, ob dies auch für die Diskurse selbst gilt, bleibt unklar. Hinter dieser Ungenauigkeit steht ein Grundaxiom der Diskurstheorie, das Berendt et al. auf die folgende Formel gebracht hatten: "Alle Fakten bestehen letztlich in ihrer erzählenden Rekonstruktion." Wir halten diese Annahme für falsch, da der "Fakt", also die gesellschaftliche Realität, die "Erzählung" erzeugt und nicht umgekehrt. Wir gehen davon aus, daß das gesellschaftliche Bewußtsein mit dem gesellschaftlichen Sein in einer - durchaus widerspruchsvollen - Verbindung steht und von diesem Sein nicht losgelöst werden kann. Wie wirkt sich diese Differenz hinsichtlich der Betrachtung des Holocaust aus? Ähnlich wie Goldhagen halten auch wir es für evident, daß seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine stringente Entwicklung zum eliminatorischen Antisemitismus und seit 1933 eine geradlinige Entwicklung nach Auschwitz hin nachgewiesen werden kann. Berendt et al. lehnen diese Analyse ab. Wer so argumentiere, behaupten sie, "unterschlägt alle historische Alternativen, die sich unter den denselben Voraussetzungen auch entwickelt haben." Dieser Begriff von Geschichte, der bei "gleichen Voraussetzungen" eine schillernde Vielzahl "historischer Alternativen" suggeriert, erinnert uns an die Ziehung der Lottozahlen: Man kennt die Voraussetzungen (49 Kugeln bzw. Diskurse), ohne irgendeine Aussage darüber machen zu können, welche der strikt gleichberechtigten Zahlen-Kominationen (sprich: "Alternativen") am Ende zum Zuge kommt. Derartige Konstruktionen laufen auf eine Entlastung der VollstreckerInnen im Sinne der Argumentation von Hans Mommsen hinaus, wonach die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden kein planmäßig verfolgtes Ziel des Nationalsozialismus, sondern das zufällige Ergebnis improvisierter bürokratischer Initiativen und Entscheidungsprozesse gewesen sei. Auch bei Berendt et al. erscheint die Vernichtung der Juden als das Ergebnis einer weitgehend willkürlichen Konstellation, bei der die diversen, zufällig vorhandenen Diskurse "wie Atome im Elektronensynchronotron" aufeinandergeprallt seien: "Die Pointe am Kapitalismus", schreiben sie über Goldhagen und den Holocaust, bestehe gerade darin, "daß unter den durch ihn gesetzten Umständen bewußt handelnde, mit Willen und Vernunft ausgestattete Personen aufeinanderprallen wie Atome im Elektronensynchronotron und dabei etwas Neues erzeugen, das sie so alle nicht gewollt haben." Besser konnte der Kern der Mommsen-Position nicht getroffen werden: Niemand hat sich schuldig gemacht, denn das, was am Schluß herauskam, hat schließlich niemand gewollt. Ausgehend von der These, daß es Fakten nur in der Form erzählender Rekonstruktionen geben könne, bestreiten Berendt et al. jedweden Unterschied zwischen "wissenschaftlicher Objektivität und Fiktion", wozu sie obzönerweise den Holocaust und die Literatur der Überlebenden mißbrauchen, deren Texte sie als "Fiktionen" denunzieren, während sie zugleich die "Holocaust Studies" auf "Erzählungen" reduzieren. Ihre ebenso fälschliche wie fortlaufende Berufung auf James E. Young dient dem Zweck, diesen "Setzungen" den Anschein von Seriosität zu verleihen. Ohne hier die Auseinandersetzung mit dem Buch "Beschreiben des Holocaust" von Young führen zu können, müssen wir ihn zumindest gegen Berendt et al. in Schutz nehmen. Bei Young wird nicht nur zwischen den fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten zum Holocaust sorgfältig unterschieden. Es geht ihm auch ausdrücklich um das, was Berendt et al. als "Phantasma vom objektiven Befund" diffamieren: um die "adäquate Darstellung der Wahrheit". "Niemand kann heutzutage noch behaupten, die Wahrheiten des Holocaust, und zwar die faktische, ebenso wie die interpretative, könnten uns nicht verständlich werden." Aus diesem Grunde grenzt sich Young von all den "Aspekten der Dekonstruktion und der semiotischen Analyse" ausdrücklich ab, "die uns von den historischen Realitäten ablenken". Youngs Realitätsbegriff ist zwar ebenfalls am postmodernistisch-diskursiven Paradigma orientiert. Mit der Vermengung von "Fakten und Fiktionen", die Berendt et al. nicht nur konstatieren, sondern auch betreiben, hat er dennoch wenig zu tun. Ihr Ansatz, der von "objektiven Befunden" nichts wissen will, führt aber zu einer Aporie, die in ihrem Dossier mit geradezu atemberaubender Offenheit auch ausgesprochen wird: "Was hält man den Auschwitz-Leugnern entgegen, wenn man einräumen muß, daß die Fakten über den Holocaust (Ö) erzählende Rekonstruktionen sind?" Allein schon wegen der Kälte, die dieser Fragestellung eigen ist, hört unsere Diskussionsbereitschaft an dieser Stelle auf. Wir haben nichts gegen einen Aufsatz über "Verschiedene Erzählweisen" - dem eigentliche Thema ihres zweiten Dossiers (Jungle World, Nr. 15 / 98) - einzuwenden. Warum aber wollen sie "die Frage der Konstruktion von Wirklichkeit" ausgerechnet "im Zusammenhang mit der Goldhagen-Debatte aufwerfen"? Warum wird für dieses Thema die Shoah instrumentalisiert? Die kalt-distanzierte Penetranz, mit der Kühnl und Konsorten stets versuchten, aus dem Holocaust "Kapital gegen das Kapital zu schlagen" (Café Morgenland) begegnet uns auch hier in dem Versuch, die Shoah und die Zeugnisse der Überlebenden zum Spielmaterial für Diskurstheorien zu mißbrauchen. Die wertformanalytische Position steht zu der bisher kritisierten Position im schroffen Gegensatz: Den einen erscheint der in Massenvernichtung sich austobende Antisemitismus als ein diskurs-gekoppelter Zufall, den anderen als gesellschaftliche, unmittelbar aus der Wertvergesellschaftung abzuleitende Notwendigkeit. Anstelle der diskursiven Beliebigkeit werden von der Freiburger Initiative Sozialistisches Forum und der Bahamas alles Denken und Handeln der Subjekte allein aus der Struktur der kapitalistischen Ökonomie abgeleitet. Auschwitz und der Vernichtungsantisemitismus werden als die notwendige Folge der wertförmig organisierten Gesellschaft interpretiert. Im Beitrag des Bahamas-Autors Uli Krug (Jungle World, Nr. 8 / 98) sind alle Verheerungen dieses Ansatzes dokumentiert. Zunächst ist offenkundig, daß er sich für den realen Verlauf von Geschichte überhaupt nicht interessiert. Auschwitz ist für ihn nur als eine Erscheinungsform des allgemeingültigen Wertgesetzes von Belang. Von Deutschland oder den Deutschen will dieser Autor weder etwas wissen noch etwas schreiben. Nicht die Ideologie eines deutschen Vernichtungsantisemitismus, sondern die "mörderische Dialektik des fixen Kapitals" habe sich - ihm zufolge - in Auschwitz ihren adäquaten Ausdruck verschafft. Keineswegs wurden die Juden von den Deutschen umgebracht, sondern "der Kapitalismus ist in sinnlose Vernichtung umgeschlagen". Für ihn, wie für die Bahamas insgesamt, ist Auschwitz "keine Abweichung von der kapitalistischen Normalität, sondern deren äußerste Konsequenz". Und da die simple Ursache der Massenvernichtung somit der weiteren Untersuchung nicht bedarf, sondern als geklärt abgehakt werden kann, ist das Interesse auf eine andere Frage konzentriert: "Erklärungsbedürftig wären vielmehr die Umstände, die in anderen autoritären Staaten die mörderische Dialektik des fixen Kapitals daran gehindert haben, sich einen derart adäquaten Ausdruck zu verschaffen, wie es Auschwitz war." (Zitate aus Jungle World, Nr. 8 / 98) Das hätten wir denn doch auch einmal gerne gewußt: Welche Umstände bisher die Niederländer und Italiener daran "gehindert" haben, ganz "adäquat" einige Hunderttausend Kinder zu vergasen oder einfach abzuknallenÖ Die Ernsthaftigkeit, mit der einige Postmoderne darüber nachdenken, wie die Auschwitz-Lüge eigentlich widerlegt werden kann, und die Besorgnis, mit der der Wertanalytiker sich fragt, warum die Menschen eigentlich nicht überall vergast werden, haben einen gemeinsamen Kern: Man läßt die Realität der Shoah nicht an sich heran. "Hocherhobenen Hauptes", schrieb Adorno, "wandelt das Subjekt über das Schlachtfeld der gemordeten Begriffe": Die von den WertanalytikerInnen nüchtern eingesetzte "Mega-Theorie" suggeriert Souveränität und wird doch als distanzwahrende Schutzwand zwischen Ereignis und Subjekt dringlich gebraucht. Der Blick - ebenso stur wie genügsam nach innen gerichtet - hakt die Zumutung, das Geschehen gar begreifen zu müssen, erfolgreich ab. Vielleicht ist es auch mehr als nur Nachlässigkeit, wenn in der Bahamas auf das Anführungszeichen beim Begriff "Endlösung" verzichtet und im Editorial der Nazi-Begriff vom "demokratischen Humanitätsgedusel" affirmativ aufgewärmt wird. Hiergegen noch etwas ausrichten zu wollen, ist wie einem Ochsen ins Horn zu kneifen. Die Ableitung von Auschwitz aus dem Wertgesetz erfolgt hier nicht im Stile des Traditionsmarxismus, der auch die Vernichtung noch unter das Profitinteresse subsumiert, sondern sie erfolgt über die unmittelbare Ableitung der nach Auschwitz führenden Denkform aus der Warenform. Die warenförmige Gesellschaft hat demnach nicht nur notwendig die antisemitische Idee, sondern ebenso notwendig ihren Umschlag zur vernichtenden Tat erzeugt. Wer den Widerspruch im Verwertungsprozeß nicht durchschaut, erklärt die Freiburger ISF, "muß ihn im Juden personifizieren, muß den Widerspruch seiner Nichtexistenz überführen, indem er die, die ihn zu verkörpern haben, aus der Welt und aus dem Leben schafft." (Jungle World, Nr. 7 / 98) Dies ist Humbug. Marx hatte die falsche Vorstellung, die sich die Menschen spontan vom Kapitalismus machen, als "objektive Gedankenformen" der kapitalistischen Epoche charakterisiert. Er hat die trügerische Erscheinungsform nicht nur als falschen Schein, sondern als durch die Produktionsverhältnisse selbst hervorgebrachten und insofern "notwendigen Schein" analysiert. Ist aber auch der Rassismus und Antisemitismus eine Denkform, die sich "notwendig" bei jedem Individuum aus der Warenform ergibt? Einen solchen Determinismus haben weder Marx noch Horkheimer / Adorno und auch nicht Moishe Postone konstruiert. Adorno betonte hingegen, "daß die Ideologien rechtsradikaler Bewegungen nicht im eigentlichen Sinn des Begriffs 'notwendig falsches Bewußtsein' darstellen; daß sie überhaupt nicht ihrem politischen Inhalt nach zu verstehen sind, sondern als sozialpsychologische Kalkulationen, (Ö) die Menschen gewinnen, indem sie ihnen Ersatzbefriedigungen vor allem kollektiv-narzißtischer Art verschaffen." (Gesammelte Schriften, Bd. 20.1) Vollständig absurd wird es jedoch, wenn aus dem Marx-Wort von den "objektiven Gedankenformen" eine "objektive" Notwendigkeit zur Vernichtung von Jüdinnen und Juden abgeleitet wird, um den Holocaust doch noch mit der Warenform erklären zu können. Schon die Ermordung eines einzigen jüdischen Kindes aus der Warenform ableiten zu wollen, ist respektlos und zynisch zugleich. Dies gilt um so mehr, wenn von der Vernichtung von sechs Millionen die Rede ist. Bedarf der Kapitalismus tatsächlich "keiner äußerlichen mysteriösen Zutat, um in sinnlose Vernichtung umzuschlagen", wie Krug in Bahamas beteuert? "Müssen" tatsächlich "alle warenproduzierenden Gesellschaften", wie Justus Wertmüller betont, "das am Verwertungsprozeß Unbegreifliche verfolgungswahnsinnig rationalisieren" und die Juden infolgedessen "stellvertretend totschlagen wollen"? Oder erinnert das, was hier als die ultimative Erklärung für den Holocaust daherkommt, nicht doch eher an die These von Dan Diner, derzufolge "angesichts der Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus die alles unmittelbar auf den Kapitalismus zurückführende Begriffsmagie mit einem kollektiv erzeugten Verdrängungszusammenhang korrespondiert"? Die willigen VollstreckerInnen kommen bei dieser Betrachtung ganz gut davon. Die bei Goldhagen so detailliert beschriebene Einzigartigkeit der VernichterInnen, jene "Tiere in Menschengestalt", die keine Strapaze und körperliche Entbehrung scheuten, um bei Razzien und Judenjagden auch noch den letzten versteckten Juden aufzuspüren und zu quälen, sind in der Bahamas schon längst wieder zu "Wertanhängseln" mutiert, die ihre "nur allzu begründete Existenzangst" dann eben an den Juden "gerächt" haben. Sie werden uns als "panische Gemeinschaften" präsentiert, die die Juden und andere nur deshalb vernichtet hatten, "weil sie das am Verwertungsprozeß Unbegreifliche verfolgungswahnsinnig rationalisieren müssen." Müssen: Der so behauptete Determinismus wischt die Freiwilligkeit, die dem Judenmord zugrunde lag, und die mit den Schriften von Browning und Goldhagen überhaupt erst diskutierbar gemacht wurde, mit energischer Geste wieder vom Tisch. "Die Menschen machen ihre eigene Geschichte", hatte Marx im "18. Brumaire" erklärt, "aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen." Die der deutschen Arbeiterbewegung immanente Tendenz, die von Marx noch betonte Dialektik von Freiheit und Notwendigkeit auf das Element der Notwendigkeit zu reduzieren, erhält nach den Massenverbrechen der Deutschen eine notwendig apologetische Tendenz. Nicht zufällig gilt das von Ulrich Enderwitz verfaßte und auch von Jürgen Elsässer in dieser Zeitung empfohlene Buch "Antisemitismus und Volksstaat" hinsichtlich einer Erklärung der Grundlagen des Holocaust als die Bibel der wertformanalytischen Position. Die Existenz empirischer Subjekte, die eigenverantwortlich handeln und die Vernichtung der Juden betreiben oder auch ablehnen konnten, wird hier gänzlich dementiert. Einzig "das Kapital", bestenfalls noch "der Staat" gelten Enderwitz als geschichtsmächtige Subjekte. "Daß sich, um handeln zu können, dies systematische Subjekt Kapital wiederum empirischer Subjekte bedient und daher auf Agenten (Ö) angewiesen ist, versteht sich von selbst", räumt Enderwitz ein. "Das ändert aber nichts daran", fährt er fort, "daß nicht diese Funktionäre, deren es sich bedient, handelnde Subjekte sind, sondern daß es sein eigener objektiver Wille und logischer Charakter ist, der durch jene empirischen Charaktermasken hindurch agiert." Wenn dies kein erstklassiger Freispruch für die VollstreckerInnen ist! Der millionenfache Mord an den Juden, fährt Enderwitz - dieser Logik folgend - fort, sei "akzidentiell", also zufällig gewesen, "weil er einer wahnhaften Ersatzhandlung des faschistischen Staats entspringt, deren Umfang und Erscheinung keiner inneren Gesetzmäßigkeit unterliegt, sondern eine variable Funktion äußerer Anlässe ist." Hans Mommsen läßt auch hier grüßen! Enderwitz' objektivistischer Ansatz klammert die Bedeutung der völkischen Ideologie und der utopischen Elemente dieser Ideologie für die Disposition und das Handeln deutscher Subjekte vollständig aus. Bei ihm entspricht die Subjektivierung des Kapitals einer Objektivierung des vernichtungswütigen Impulses. Mit derartiger Ableitungsakrobatik ist die Vernichtung der europäischen Juden in der Tat nicht zu erklären; da hat die Gruppe um Berendt et al. vollkommen recht. Und da sich auch die Rede vom "objektiven" Interesse der Arbeiterklasse mittlerweile erledigt hat, kann der analytische Blick auf die "überlieferten Umstände" (Marx), auf Sprachcodes und kulturelle Prägungen, nur hilfreich sein. Die nationalsozialistische Gesellschaft war "nicht allein geprägt von der Ökonomie", schreibt Helmut Woll ("Wirtschaftslehre des deutschen Faschismus", München 1988), "sondern von einem spezifischen Spannungsverhältnis von Ökonomie und Rassebegriff." Geschichtliche Prozesse, Ideen und Weltanschauungen sind also zunächst für sich selbst zu analysieren. Für die Entwicklung einer die Erfahrung des Holocaust einschließenden Gesellschaftstheorie reicht die Tagesordnung der Diskurstheorie jedoch nicht aus. "Die faschistische Bewegung hatte instinktiv die wertgesetzlichen Zusammenhänge in der Gesellschaft erkannt und am radikalsten an ihrer Überwindung mittels des Rassebegriffs gearbeitet", heißt es weiter bei Helmut Moll. Die Tatsache, daß das Marxsche Wertgesetz die ökonomischen Bedingungen und Strukturzusammenhänge des Kapitalismus - relativ unabhängig von den geschichtlichen Zusammenhängen - auf einer abstrakten und konsistenten Theorieebene formuliert, ist kein Grund, es fallen zu lassen, sondern eine Herausforderung, es historisch zu konkretisieren. Marx wäre jedenfalls, schrieb Adorno, "der Letzte gewesen, den Gedanken vom realen Gang der Geschichte loszureißen." Die Kritischen Theoretiker hatten die Notwendigkeit, die Theorie mit dem "Gang der Geschichte", der Shoah also, in Deckung zu bringen, zwar gesehen. Sie hatten diese Herausforderung mit ihrem theoretischen Instrumentarium aber nicht bewältigen können. Zudem hatten auch Horkheimer und Adorno kaum gewußt, was die Shoah konkret wirklich war. "Schon ein flüchtiger Blick auf den Stand der Forschung macht deutlich, daß die Faschismus-Diskussion nicht an einem theoretischen, sondern an einem empirischen Defizit krankt, und zwar eindeutig zum Nachteil der Theorie, die sich (Ö) zunehmend gegenüber ihrem eigentlichen Korrektiv, der Empirie, verselbständigt", hatte der israelische NS-Forscher Avraham Barkai 1977 bereits notiert. Diesem Gedanken gegenüber hat die wertförmige Position sich auch zwanzig Jahre später noch blind gemacht. Gänzlich unreflektiert sprach Joachim Bruhn (ISF Freiburg) im Zusammenhang mit Goldhagen von "Faktenbrei", "Erkenntnisfalle" und dem "Schein der Tatsachen", um schließlich apodiktisch festzustellen: "Was ein Faktum ist, darüber entscheidet die Theorie. (Ö) Keine Empirie vermag das Allgemeine je zu widerlegen." (Bahamas, Nr. 22) Ein Problem liegt darin, daß antinationale Linke derartige Aussagen nicht selten mit gläubiger Ehrfurcht, statt mit Gelächter oder Kritik quittieren. Selbstverständlich hat auch Goldhagen den Widerspruch zwischen Partikularismus und Universalismus, zwischen empirischer Wirklichkeit und theoretischer Durchdringung nicht zu lösen vermocht. Er trennt die Ideologiegeschichte der Deutschen von ihren ökonomisch-historischen Voraussetzungen und läßt dabei außer acht, daß auch in Deutschland die wertförmig ausgerichtete Ökonomie der Boden gewesen ist, der einer spezifischen, vom Vernichtungsantisemitismus durchtränkten "Weltanschauung" zur Durchsetzung verhalf; eine Anschauung, die ihrerseits auf die kapitalistische Entwicklung in Deutschland zurückzuwirken und diese spezifisch zu formen in der Lage gewesen ist. Die Frage lautet: Wie kann die von Marx begonnene Kritik der politischen Ökonomie mit der von Goldhagen gelieferten Empirie synthetisiert werden, ohne daß die Theorie der Empirie in den Rücken fällt? Raul Rojas hat in seiner "Entstehungsgeschichte von Marx' Kapital" (Berlin 1989) gezeigt, daß die Entwicklung der ökonomischen Gedanken bei Marx "nicht als Anhäufung theoretischer Erfolge, sondern als eine Folge wirklicher theoretischer Krisen zu deuten" ist, Krisen, die "für Marx ein schmerzhafter Prozeß" waren, "in dem er die Lösung für manche Probleme erst nach langer Zeit und über viele Umwege finden konnte." Es gibt bis heute, soweit wir sehen, keine überzeugende Antwort auf die Frage, wie das Auseinanderfallen von Empirie und Theorie im Kontext der Shoah verhindert werden kann. Sicher ist nur eines: Die Anerkennung, daß diese Krise der Theorie existiert, ist erste Voraussetzung, sie zu lösen. |
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