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  07.Juli 1998 Jungle World
 

Das sicherste Kraftwerk der Welt 

Aus Protest gegen ein AKW-Projekt im Erdbebengebiet wird in der Türkei zum Siemens-Boykott aufgerufen 

Nach dem jüngsten Castor-Skandal scheint endgültig klar zu sein, daß deutscher Boden bis auf weiteres zu heiß ist für AKW-Neubauten. Da das Gesetz des Marktes aber unverändert weiter gilt und auch Reaktor-KonstrukteurInnen keinen Stillstand erlaubt, muß das Geschäft anderswo weitergehen. Die Siemens AG mit ihrer Kraftwerkstochter KWU hat sich fit für den Weltmarkt gemacht und sich mit dem französischen Staatsbetrieb Framatome sowie Hochtief zur NPI (Nuclear Powers International) zusammengeschlossen. Zweck des Konsortiums: Ein Auftrag für die Errichtung des ersten türkischen Atomkraftwerks. 

Ende Juni protestierten in Gießen die Anti-Atom-AktivistInnen der "Internationalen ÄrztInnen für die Verhinderung des Atomkriegs" (IPPNW) sowie der Arbeitskreis "Leben nach Tschernobyl" gegen das Vorhaben und forderten dazu auf, das Projekt des deutschen AKW-Monopolisten mit einem Boykott von Siemens-Produkten zu sanktionieren. 

Das AKW sei möglicherweise der Grundstock für ein türkisches Atomwaffenprogramm. Erst im Mai habe ein türkischer General im Nachrichtensender n-tv erklärt, daß angesichts der Waffenpotentiale in Indien, Pakistan und Israel eine "eigene nukleare Politik" entwickelt werden müsse. Zudem soll der Hot spot an der türkische Südküste liegen, in der Bucht von Akkuyu, etwa 350 Kilometer östlich von Antalya. Dieses Gebiet gilt als höchst erdbebengefährdet. Eine tektonische Bruchlinie verlaufe unter der Bucht, teilte IPPNW mit. Kurz nach der Gießener Aktion schüttelte sich die Erde in Adana, gerade 130 Kilometer östlich von Akkuyu, und ebnete ganze Stadtviertel ein. 

Für Siemens-Sprecher Wolfgang Breyer ist das Beben kein Grund, von der Bewerbung zurückzutreten. Das geplante Kraftwerk werde Erdstöße bis zu 8,5 Punkten nach der Richter-Skala überstehen und habe damit einen ausreichenden Sicherheitsvorsprung. Das Risiko sei kalkulierbar, sagt Breyer und verweist auf die 30 Reaktoren im geologisch aktiven Japan. NPI-Präsident Ulrich Fischer geht mit dem Risiko noch charmanter um: Er erklärt, man werde in Anbetracht der Lage in Akkuyu "das sicherste Kraftwerk der Welt" bauen. 

Von Sicherheit zu sprechen, wenn es um Erdbeben geht, scheint dem Gießener Geologie-Professor und Tektonik-Experten Mark Handy unangebracht. Zu ungenau seien die vorliegenden Daten, als daß man mit ihrer Hilfe genaue Vorhersagen treffen könne. "Ein prognostisches Modell über die Kausalitäten gibt es überhaupt nicht", sagt Handy. 

Zuverlässige Daten über Erdbewegungen gebe es erst seit der Jahhundertwende, für die Zeit davor müsse man sich auf Augenzeugenberichte verlassen. Für die Anlage des Reaktors in Akkuyu will Siemens - Bedingung des Auftraggebers - auf bewährte Technik zurückgreifen: Der 1 300 Megawatt-Druckwasserreaktor Neckarwestheim II, seit 1989 in Betrieb, soll Modell stehen. Auch die beiden Konkurrenzunternehmen, die kanadische AECL (Atomic Energy of Canada Ltd.) und die US-amerikanische Westinghouse Electric Corporation bieten Bewährtes an, den Candu-6 Druckröhrenreaktor. 

Doch ebenso, wie das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit über eine Reihe meldepflichtiger Vorfälle in Neckarwestheim berichten mußte, gibt es in den USA Kritik am Candu. Der kanadische Graswurzel-Aktivist David H. Martin hat in seinem Bericht "The Candu Syndrome" eine Reihe von Gründen gegen den Reaktor-Export aufgelistet, die von technischen Mängeln über Korruption bei der (öffentlich finanzierten) AECL bis hin zum Hinweis auf die unstabile politische und - durch den Kurdistan-Krieg - auch wirtschaftliche Lage reichen. 

Die ist in der Tat zum Heulen: Der Reaktorpreis von drei Milliarden US-Dollar beträgt immerhin knapp ein Zehntel des türkischen Haushaltsbudgets von 1996. Deshalb hatte die Regierung in Ankara einen "built operate transfer" angestrebt: Die Auftragnehmer bauen das Werk auf eigene Kosten, betreiben es eine Zeitlang und übergeben es dann an den Staat; ein Modell, das am türkischen Verfassungsrecht scheiterte. Es bliebe also nichts anderes übrig, als das AKW schlüsselfertig zu kaufen, auf Pump natürlich. 

Obwohl die türkische Atomenergiebehörde das Gebiet um Akkuyu noch 1993 für erdbebensicher erklärt hat, sogar die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) den Platz für gut hält und der türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz davon überzeugt ist, daß Atomkraft die einzig mögliche Lösung sei, um den Energiebedarf seines Landes zu decken, regt sich beträchtlicher Widerstand in der Bevölkerung. 

Auch ohne Unfall werden negative Auswirkungen auf die Landwirtschaft und den devisenbringenden Tourismus in der beliebten Region von Antalya befürchtet. Und die türkische Kammer der Elektroingenieure hält, im Einvernehmen mit Greenpeace, den Reaktor schlicht für überflüssig: Nutzung von erneuerbaren Energien und Ausbau der Wasserkraft könnten den Mehrbedarf gut decken. 

Eine Folge des Reaktor-Projekts könnte Siemens daher schon bald zu spüren bekommen: Der Deutsche Koordinationskreis Siemens-Boykott meldet, daß sich die türkische Anti-Atom-Bewegung am Boykott von Siemens-Produkten aller Art beteiligen will - bis zum Ausstieg aus dem Atomgeschäft. 

 Ralph C. Wildner 

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