Das sicherste Kraftwerk der Welt
Aus Protest gegen ein AKW-Projekt im Erdbebengebiet
wird in der Türkei zum Siemens-Boykott aufgerufen
Nach dem jüngsten Castor-Skandal scheint
endgültig klar zu sein, daß deutscher Boden bis auf weiteres
zu heiß ist für AKW-Neubauten. Da das Gesetz des Marktes aber
unverändert weiter gilt und auch Reaktor-KonstrukteurInnen keinen
Stillstand erlaubt, muß das Geschäft anderswo weitergehen. Die
Siemens AG mit ihrer Kraftwerkstochter KWU hat sich fit für den Weltmarkt
gemacht und sich mit dem französischen Staatsbetrieb Framatome sowie
Hochtief zur NPI (Nuclear Powers International) zusammengeschlossen. Zweck
des Konsortiums: Ein Auftrag für die Errichtung des ersten türkischen
Atomkraftwerks.
Ende Juni protestierten in Gießen
die Anti-Atom-AktivistInnen der "Internationalen ÄrztInnen für
die Verhinderung des Atomkriegs" (IPPNW) sowie der Arbeitskreis "Leben
nach Tschernobyl" gegen das Vorhaben und forderten dazu auf, das Projekt
des deutschen AKW-Monopolisten mit einem Boykott von Siemens-Produkten
zu sanktionieren.
Das AKW sei möglicherweise der Grundstock
für ein türkisches Atomwaffenprogramm. Erst im Mai habe ein türkischer
General im Nachrichtensender n-tv erklärt, daß angesichts der
Waffenpotentiale in Indien, Pakistan und Israel eine "eigene nukleare Politik"
entwickelt werden müsse. Zudem soll der Hot spot an der türkische
Südküste liegen, in der Bucht von Akkuyu, etwa 350 Kilometer
östlich von Antalya. Dieses Gebiet gilt als höchst erdbebengefährdet.
Eine tektonische Bruchlinie verlaufe unter der Bucht, teilte IPPNW mit.
Kurz nach der Gießener Aktion schüttelte sich die Erde in Adana,
gerade 130 Kilometer östlich von Akkuyu, und ebnete ganze Stadtviertel
ein.
Für Siemens-Sprecher Wolfgang Breyer
ist das Beben kein Grund, von der Bewerbung zurückzutreten. Das geplante
Kraftwerk werde Erdstöße bis zu 8,5 Punkten nach der Richter-Skala
überstehen und habe damit einen ausreichenden Sicherheitsvorsprung.
Das Risiko sei kalkulierbar, sagt Breyer und verweist auf die 30 Reaktoren
im geologisch aktiven Japan. NPI-Präsident Ulrich Fischer geht mit
dem Risiko noch charmanter um: Er erklärt, man werde in Anbetracht
der Lage in Akkuyu "das sicherste Kraftwerk der Welt" bauen.
Von Sicherheit zu sprechen, wenn es um
Erdbeben geht, scheint dem Gießener Geologie-Professor und Tektonik-Experten
Mark Handy unangebracht. Zu ungenau seien die vorliegenden Daten, als daß
man mit ihrer Hilfe genaue Vorhersagen treffen könne. "Ein prognostisches
Modell über die Kausalitäten gibt es überhaupt nicht", sagt
Handy.
Zuverlässige Daten über Erdbewegungen
gebe es erst seit der Jahhundertwende, für die Zeit davor müsse
man sich auf Augenzeugenberichte verlassen. Für die Anlage des Reaktors
in Akkuyu will Siemens - Bedingung des Auftraggebers - auf bewährte
Technik zurückgreifen: Der 1 300 Megawatt-Druckwasserreaktor Neckarwestheim
II, seit 1989 in Betrieb, soll Modell stehen. Auch die beiden Konkurrenzunternehmen,
die kanadische AECL (Atomic Energy of Canada Ltd.) und die US-amerikanische
Westinghouse Electric Corporation bieten Bewährtes an, den Candu-6
Druckröhrenreaktor.
Doch ebenso, wie das Bundesministerium
für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit über eine Reihe
meldepflichtiger Vorfälle in Neckarwestheim berichten mußte,
gibt es in den USA Kritik am Candu. Der kanadische Graswurzel-Aktivist
David H. Martin hat in seinem Bericht "The Candu Syndrome" eine Reihe von
Gründen gegen den Reaktor-Export aufgelistet, die von technischen
Mängeln über Korruption bei der (öffentlich finanzierten)
AECL bis hin zum Hinweis auf die unstabile politische und - durch den Kurdistan-Krieg
- auch wirtschaftliche Lage reichen.
Die ist in der Tat zum Heulen: Der Reaktorpreis
von drei Milliarden US-Dollar beträgt immerhin knapp ein Zehntel des
türkischen Haushaltsbudgets von 1996. Deshalb hatte die Regierung
in Ankara einen "built operate transfer" angestrebt: Die Auftragnehmer
bauen das Werk auf eigene Kosten, betreiben es eine Zeitlang und übergeben
es dann an den Staat; ein Modell, das am türkischen Verfassungsrecht
scheiterte. Es bliebe also nichts anderes übrig, als das AKW schlüsselfertig
zu kaufen, auf Pump natürlich.
Obwohl die türkische Atomenergiebehörde
das Gebiet um Akkuyu noch 1993 für erdbebensicher erklärt hat,
sogar die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) den Platz für
gut hält und der türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz
davon überzeugt ist, daß Atomkraft die einzig mögliche
Lösung sei, um den Energiebedarf seines Landes zu decken, regt sich
beträchtlicher Widerstand in der Bevölkerung.
Auch ohne Unfall werden negative Auswirkungen
auf die Landwirtschaft und den devisenbringenden Tourismus in der beliebten
Region von Antalya befürchtet. Und die türkische Kammer der Elektroingenieure
hält, im Einvernehmen mit Greenpeace, den Reaktor schlicht für
überflüssig: Nutzung von erneuerbaren Energien und Ausbau der
Wasserkraft könnten den Mehrbedarf gut decken.
Eine Folge des Reaktor-Projekts könnte
Siemens daher schon bald zu spüren bekommen: Der Deutsche Koordinationskreis
Siemens-Boykott meldet, daß sich die türkische Anti-Atom-Bewegung
am Boykott von Siemens-Produkten aller Art beteiligen will - bis zum Ausstieg
aus dem Atomgeschäft.
Ralph C. Wildner |