Party im Pop-Sarg
Zehn Mal Love Parade: Liebe und Freiheit
haben Spuren hinterlassen. Eine Umschau von Jürgen Kiontke
Heiko geht hin, Annette auch und Rainald:
Die Zukunft hat vor zehn Jahren begonnen. Und auch das noch: Endspiel der
Fußball-Weltmeisterschaft. Oje, Deutschland hat es nicht geschafft.
Für Fußball interessieren sich kulturinteressierte Linke natürlich
schon. Zur Love Parade aber wird dieses Jahr merkwürdig geschwiegen.
Sogar Pop-Papst Diederichsen sagt uns nichts über den Rave selbst,
sondern wendet seine Gesetze lieber gleich in der Linken an: Kuschelt Euch!
Zurück zur Gegenwart: Dr. Motte, Mutter
der Love Parade, hat wieder einmal sein Herz geöffnet. Auf dem Land
lebt er jetzt, in der Lausitz. Raus aus Kreuzberg, wie so viele, hat er
sich auf einen 180-Quadratmeter-Heuboden zurückgezogen, erzählt
er im Interview. Gekauft von dem Geld, das er mit der Love Parade nie verdient
haben will:
"Hat dich die Love Parade reich gemacht?"
"Sehr. Sie hat mir viel Freude gegeben.
Und Energie. Und das Bewußtsein, daß jeder Mensch einen Beitrag
zum Frieden leisten kann. Mit sich, der Natur und anderen." Und bestimmt
den Juden, denen er ja einmal geraten hatte, sie mögen endlich eine
andere Platte auflegen.
"Mal langsam, wir meinen schon das Geld."
"Ach so. Nein, das würde ich nicht
reich nennen."
Rückenbeschwerden hat er, vom vielen
Plattenauflegen. "Wir müssen dankbar sein, daß wir leben", sagt
er, "denn das Leben ist schön." Wie begonnen, so gewonnen. "Diese
Jahr werden am Rande der Love Parade sogar Leute heiraten." Und: "Drogen
sind natürlich kein Weg."
Zehn Jahre Love Parade - das sind auch
Jahre der Klopperei darum, ob der "El Ni-o der Pop-Kultur" (B.Z.) Demo
oder Revolte ist oder gleich Politik. Linke Diskurs-Forscher, immer auf
der Suche nach revolutionärem Pathos, wollten sich in die Rave Nation
nur zu gern integrieren. Als sie dann nicht fanden, was sie hineininterpretierten,
gab es was auf die Löffel. Annette Weber, 1996: "Mädchen mit
riesigen Rehaugen, festen Kugelbrüsten und kleinem biegsamen Hardbody
als Weiblichkeitsideal" habe die Love Parade hervorgebracht. "Nicht die
Riot-Girrrl-Taktik des Zurückeroberns fremdbestimmter Zuschreibungen,
sondern die Einlösung patriarchal-maskulinistisch dominierter Geschlechterphantasien
steht bei der Rave Nation auf dem Programm."
Das haben sich die Raver wohl dahingeschrieben.
Aber gesagt haben sie das immer anders bzw. gar nicht. Das ließ natürlich
immer eine Menge Raum für Spekulationen wie die oben angeführte.
Bei der Interpretation der Slogans "We are one family" und "Friede, Freude,
Eierkuchen" tat man sich bisweilen allerorten schwer.
Dieses Jahr tanzt man übrigens zu
"One World, One Future" und legt dazu mehrheitlich Bums-Techno der älteren
Version auf. Für die echte Millionen-Party ist Drum & Bass einfach
zu frickelig.
Der Slogan ist toll. Er wäre auch
als Wahlkampf-Spruch der CDU der "Roten-Hände"-Kampagne haushoch überlegen.
Gleichzeitig ist er der sozialistischste, den es je gegeben hat. Eine Welt,
eine Zukunft - das erinnert stark an Öffnung der Hochschulen, Entwicklung
des einzelnen in der Gemeinschaft und linkes Lehrertum. Kurz: an die siebziger
Jahre. Wer heute 20 ist, hat die aber womöglich gar nicht mitbekommen.
Dr. Motte tut also gut daran, an die schöne Zeit zu erinnern, als
es noch Utopien gab. Eine Welt, eine Zukunft - das war Anti-Vietnam-Demo,
Anti-Atom und Anti-Raketen. Und heute: Fall der Mauer, Titanic, Lady Diana
und das ganze Aids - kurz: "One world, one future." Oder "Techno, Titten
und Tabletten" (Zitty). Perlen der hiesigen Pop-Sprache. Fast so gut wie
"Schwein oder Mensch" und "Hoch die internationale Solidarität". Damit
also tritt nun seit zehn Jahren die (Party-)Familie an. Groß entstanden
ist daraus nichts. Aber überall wird abgebaut. Mit Liebe. Sozialleistungen,
Lehrerkollegien, andere Arbeitsplätze auch.
Der Konflikt sei der Vater aller Dinge.
Alles Gute komme vom Dissens. Dagegen habe sich hierzulande Love-Terror
etabliert, beklagen führende Kommentatoren dieses Landes. Bild-Mann
Graf Nayhauß zum Beispiel staunte kürzlich, als er eine Auswertung
mehrerer FAZ-Fragebögen vornahm, daß für die wenigsten
Prominenten eine herausragende militärische Leistung bewundernswert
sei. Nicht mal "die Invasion der Alliierten in der Normandie"!
Gustav Seibt, der Feuilletonist von der
Berliner Zeitung, sieht den "Love"-Gedanken etwas anders: "Die Love Parade
als Massierung einer kleinbürgerlichen Enthemmung verliert gerade
durch diese Massenhaftigkeit das Spießige des Kleinbürgerlichen;
die Enthemmung bekommt etwas Großartiges durch die Wucht ihrer Einförmigkeit."
Energie gleich Masse mal Geschwindigkeit - das ist etwas wie 50 Jahre Luftbrücke,
von der die Eltern so gern erzählen.
Die Love Parade begeistere nur noch die
Touris, "die wie Saatkrähen in Busladungen einfallen" bzw. "biersaufende
Spanner", die "geil aufs Provinzfrischfleisch" seien, meckert die kürzlich
von Deutschlands schnarchigstem Pressekonzern Holtzbrinck aufgekaufte Zitty.
"Die halbe Jugend Deutschlands freut sich auf den ersten Vollrausch, den
ersten Sex, die erste Drogenerfahrung und die Begegnung mit dem ersten
Fernsehteam ihres Lebens."
Die Basis schimpft ebenfalls. Wer öfter
mal selbst auf die Love Parade gegangen ist, wird indes auch mit kritischen
Stimmen konfrontiert worden sein. "Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt",
hört man oft. Eingesessene Prominenz macht sich ihren eigenen Reim
auf den Umzug. Dem Sänger Funny van Dannen geht das Spektakel einfach
am Arsch vorbei: "Ich habe genug anderes zu tun und kriege davon wenig
mit, höchstens im Fernsehen."
Aber überzeugen ist jederzeit drin.
Kultusenator Peter Radunski freut sich auf die Flyer-Party von Marc Wohlrabe.
Er will dort "ins Gespräch mit den Ravern aus aller Welt kommen".
Angewandte alte linke Killertechnik: labernlabernlabern. Endlich eine Gelegenheit,
auch als speckiger Politiker ein bißchen hop zu sein. Das hat er
bestimmt von Axel Wallrabenstein: Schließlich verkörpert niemand
besser als der Sprecher des Kultursenators das Crossover-Outfit von Skin-
und Technohead.
Nachdem also die großen Kulturdebatten
um die Love Parade geschlagen und verloren sind, reißen sich in den
Printmedien eigentlich nur noch die Ressorts Innenpolitik und Wirtschaft
um das freudige Ereignis. "Neben dem Müll soll auch die Stimmung nicht
zu kurz kommen." (Berliner Kurier) Die Mülltruppe heißt dieses
Jahr "Love Parade Power Team". Pop-Industrie in den Wirtschaftsteil? Da
steht sie natürlich schon längst, man lese nur die FAZ.
Aber diskutiert wurde in der Jungle World
auch darüber, wo's hingehört. Über die Love Parade sollte
dieses Jahr was auf der Hauptstadt-Seite geschrieben werden. |