Entfesselter Spekulant
Tobin-Steuer und keynesianischer Nationalismus:
eine ungenießbare Mischung.
Von Ernst Lohoff
Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften
können definitionsgemäß keinen emanzipatorischen Gedanken
haben. Besonders albern ist der seit langem erfolglos grassierende Vorschlag
des 1981 preisgekrönten Fachidioten James Tobin, durch eine Besteuerung
der Währungsspekulation mit sage und schreibe einem Prozent den abgehobenen
Finanzüberbau im Sinne des guten alten protestantischen Produktionskapitalismus
zu domestizieren und das schöne Geldkapital wieder auf die leerlaufenden
Mühlen fordistischer Arbeitsplatz-Investitionen zu lenken, so daß
der marktwirtschaftliche Helot wie gewohnt sein Bier im Schweiße
seines Angesichts erwirtschaften darf.
Die Konzeptheckerei für die Beschaffung
von "Arbeit" spekuliert immer nur auf die niedrigste Lohnsklavengesinnung,
statt die Krise der "Arbeitsgesellschaft" zum Anlaß für einen
wenigstens verbalen Befreiungsschlag zu nehmen und die ewige Beschäftigungstherapie
für den kapitalistischen Selbstzweck als absurde Zumutung zu denunzieren.
Wir brauchen keine "Arbeitsplätze", sondern jenseits betriebswirtschaftlicher
Rationalität einen grundsätzlich anderen Einsatz der Produktivkräfte,
die längst massenhaft Muße und ein gutes Leben für alle
ermöglichen könnten.
Abgesehen von der Erbärmlichkeit seiner
Zielsetzung ist das finanztechnische Fieselkonstrukt aber auch objektiv
völlig haltlos. Wie alle einschlägigen Taschenrechner-Phantasien
verwechselt der Tobin-Vorschlag systematisch Ursache und Wirkung. Es wird
so getan, als wäre der spekulative Kasino-Kapitalismus der Grund für
mangelnde Realinvestitionen und Massenarbeitslosigkeit. In Wirklichkeit
ist das Verhältnis genau umgekehrt: Weil die Produktivitätssteigerung
der dritten industriellen Revolution seit den achtziger Jahren die Expansion
der Märkte überholt und arbeitsplatzträchtige Realinvestitionen
unrentabel gemacht hat, strömt das Geldkapital in die Finanzmärkte
und treibt immer größere spekulative Blasen.
Das Problem ist also die innere Schranke
des "produktiven" Kapitals selbst, das in seiner blinden, konkurrenzvermittelten
Bewegung die "Arbeit" flächendeckend wegrationalisiert und sich damit
selber ad absurdum führt. Das Spekulationsfieber zeigt diesen manifest
gewordenen Selbstwiderspruch der herrschenden Produktionsweise nur an,
ebenso wie ein körperliches Fieber die Krankheit nur signalisiert
und nicht verursacht.
Als einzelne, sektoral begrenzte Maßnahme
würde deshalb die Besteuerung der Währungsspekulation das Geldkapital
nicht zurück in die Realinvestition locken, sondern nur zu einer Verlagerung
innerhalb der Spekulation selbst führen. Eine weitergehende konzertierte
Aktion zur administrativen Unterbindung der Spekulation überhaupt
müßte dagegen augenblicklich den sowieso fälligen Entwertungskrach
des "fiktiven Kapitals" auslösen. Sogar die Realo-Traumtänzer
des Tobin-Projektchens würden dann merken, daß sich ihre ganze
Konstruktion nicht auf harte Dukaten, sondern auf eine globale Seifenblase
bezogen hat.
Die Tobin-Steuer ignoriert auch völlig
das prekäre Verhältnis von kapitalistischen Zentren und Peripherie
im Kontext der globalen strukturellen Überakkumulation. Osteuropa,
Lateinamerika, Asien und Afrika sind längst auf den permanenten Zufluß
ausländischen Geldkapitals angewiesen, um überhaupt noch ihre
Teilnahme am Weltmarkt simulieren zu können. Der spekulative Druck
auf die Wechselkurse der peripheren Länder ist ebenfalls Wirkung und
nicht Ursache dieser auf die Dauer ohnehin unhaltbaren Situation.
Die Besteuerung der Währungsspekulation
würde nur den Regulationsmechanismus der Wechselkurse außer
Kraft setzen und damit den Zufluß von Geldkapital überhaupt
unterbinden. Das ist offenbar auch beabsichtigt, wenn die Propagandisten
der Tobin-Steuer die Möglichkeit preisen, daß dann die Länder
wieder "unabhängig voneinander" das Zinsniveau senken könnten
zwecks Ankurbelung der Konjunktur. Das würde aber nur für die
Nettokapitalexporteure gelten: Den "deutschen Gläubigern" wird also
nahegelegt, sie sollen gefälligst im Lande bleiben und ihr Geldkapital
redlich patriotisch anlegen.
Dieser letzte Schrei des keynesianischen
Sozialnationalismus verhallt freilich zu Recht ungehört, denn nicht
Menschenfreundlichkeit treibt die Anlagefonds in exotische Gegenden, sondern
der schiere Verwertungsdruck des zu Hause nicht mehr rentabel reinvestierbaren
Geldes. Die Tobin-Steuer wird niemals verwirklicht werden, weil die Finanzmarkt-Akteure
und Notenbanker genau wissen, daß ein derart naiver Eingriff die
unvermeidliche globale Finanzkrise höchstens beschleunigen könnte.
Was den Befürwortern aber nur Anlaß gibt, zusammen mit dem malaysischen
Oberpaten Mahathir die Weltverschwörung der Spekulanten und anderer
Juden auszumalen.
Die eigentliche und bloß ideologische
Bedeutung dieses verdrucksten "Es-ist-genug-Geld-da"-Reformismus und seiner
ökonomischen Grundschulmathematik wird zu einem ganz anderem Ergebnis
führen: das gesellschaftliche Bewußtsein für eine irrationale
Deutung der Krise reif zu machen und dem wildgewordenen heimischen "Arbeits"-Spießbürgertum
aller Klassen die Schuldigen zu liefern.
Der Autor ist Mitarbeiter der Zeitschrift
Krisis |