Spekulant in Fesseln
Mit der Tobin-Steuer könnte die Politik
wieder die Kontrolle über die Finanzmärkte erlangen.
Von Harald Klimenta
Die Finanzmärkte sind außer
Kontrolle geraten. Doch erst politische Entscheidungen machten das Kapital
"scheu wie ein Reh". Und die Folgen des Deregulierungswahns können
sich sehen lassen: Ob Mexiko-Krise, Zerbrechen des EWS oder die Südostasien-Krise
- stets sind die Ursachen auch darin zu suchen, daß Hunderte Milliarden
von Dollars nicht für nötige Investitionen eingesetzt, sondern
kurzfristig in Finanzpapiere oder Devisen angelegt und wieder abgezogen
werden können.
Spekulanten könnten schon wegen ihres
Berufes frühzeitig Fehlentwicklungen in Volkswirtschaften - zu hohe
oder zu niedrige Wechselkurse - erkennen, lautet das wirtschaftspolitische
Credo. Sie könnten einen "glaubwürdigeren" Wechselkurs erzwingen,
der den volkswirtschaftlichen Realitäten (z.B. die Leistungsfähigkeit
der Exportindustrie) besser entspricht, als es z.B. durch politische Eingriffe
der Notenbanken möglich wäre. Inzwischen wurde diese Hypothese
jedoch durch Tatsachen widerlegt.
Sowohl die extrem teure DM im Sommer 1995
sowie die übertriebenen Währungsabwertungen der südost-asiatischen
Schwellenländer lagen ausnahmslos in kollektiven Attacken von Devisenspekulanten
begründet. Falls politische Entscheidungen falsch gewesen sein sollten,
profitieren von der Korrektur der Wechselkurse stets Spekulanten. Den Schaden
trägt die Bevölkerung der jeweiligen Länder. Nicht die flexiblen
Wechselkurse sind daher schädlich, sondern der Korrekturmechanismus
"Spekulant". Dieser dient nicht den Volkswirtschaften, sondern nur dem
Geldbeutel der Anleger.
So werden täglich weltweit für
2 200 Milliarden DM Devisentransaktionen durchgeführt; 99 Prozent
davon mit dem Zweck, durch Wechselkursveränderungen Geld zu verdienen.
Bei kurzfristigen Umtauschaktionen (in der Größenordnung weniger
Stunden oder Tage) erhoffen sich Spekulanten Wechselkursveränderungen,
wobei sie nach Abschluß der Transaktion beispielsweise 0,1 Promille
Gewinn gemacht haben: Der Tausch von 100 Millionen US-Dollar in Mark innerhalb
von sechs Stunden hätte für jeden Normalsterblichen deutliche
Verluste wegen der Wechselgebühren zur Folge; nicht aber für
professionelle Spieler, die auf ihrem Konto neben ihrem ursprünglichen
Einsatz 10 000 Dollar Gewinn vorfinden können.
Problematisch ist die Menge des Geldes,
das für Spekulationszwecke eingesetzt wird, auf Bankkonten bleibt
und nicht für Investitionen zur Verfügung steht. Genau hier greift
eine Tobin-Steuer oder Devisenumtausch-Steuer ein. Werden Devisentransaktionen
mit winzigen Steuern belegt (etwa 0,5 Prozent pro Tauschvorgang), wird
sich die Attraktivität des Devisenmarktes dadurch erheblich reduzieren.
Kurzfristige Wechselkursgewinne resultieren aus geringen Kursschwankungen;
die erzielten Gewinne würden komplett durch die Steuer aufgehoben.
Die Einnahmen aus dieser sozial völlig unbedenklichen Steuer - deren
Einführung ein reines Softwareproblem ist - wären beachtlich.
Selbst bei einem Steuersatz von 0,05 Prozent erwartet die Entwicklungsabteilung
der UN Einnahmen von weltweit jährlich 100 Milliarden US-Dollar, bei
einem Steuersatz von ein Prozent sogar 720 Milliarden.
Bei diesen Schätzungen ist bereits
ein weiterer Effekt berücksichtigt, den die Steuer hat: Die Geldmenge,
die für Devisenspekulationen zur Verfügung steht, würde
sinken. Dadurch erhielten Volkswirtschaften wieder die Möglichkeit,
ihre Wechselkurse kurzfristig stabil zu halten. Die Währungsreserven
der zehn wichtigsten Industriestaaten betragen derzeit ein Zehntel der
täglich umgesetzten Devisen. Deshalb haben Zentralbanken keine Chancen,
gegen den Willen von Spekulanten viel auszurichten. Dazu müssen die
spekulativen Devisenumsätze erst wieder auf ein erträgliches
Maß fallen.
Durch kurzfristig mobiles Kapital geben
Volkswirtschaften ihre Zinshoheit auf. Binnenwirtschaftliche Sonderentwicklungen
können daher nicht mehr mit einem im Vergleich zum Ausland erhöhtem
oder erniedrigtem Zinsniveau ausgeglichen werden. Denn die von Zentralbanken
angepeilten Zinsniveaus müssen sich auf den Binnenmärkten auch
durchsetzen - was derzeit nur bedingt der Fall ist. Die Tobin-Steuer bewältigt
dies über zwei Mechanismen: durch eine Entschleunigung der Märkte
und eine Verteuerung der kurzfristigen Transaktionen.
Nicht zuletzt lautet eine von James Tobin
(auf den dieser Vorschlag zurückgeht) genannte Begründung für
die Steuer, daß sich im internationalen Wettbewerb die Preise von
Gütern und die Arbeitskosten nur wesentlich langsamer ändern
können als Wechselkurse oder Zinssätze. Weil das so ist, entwickeln
Spekulanten von sich aus eine Abneigung, ihr Kapital längerfristig
zu binden, denn woanders hätte es bereits wesentlich höhere Renditen
"erwirtschaften" können.
Die Tobin-Steuer ist zwar kein Allheilmittel
für die krankhaft deregulierten Finanzmärkte, doch könnte
sie der Anfang ihrer Reregulierung - und vor allem ihrer Entschleunigung
- sein. Und das ist unabdingbare Voraussetzung, möchte man die Vorteile
eines Marktsystems allen Menschen zugänglich machen.
Der Autor hat kürzlich zusammen mit
Gerald Boxberger bei dtv "Die zehn Globalisierungslügen. Alternativen
zur Allmacht des Marktes" veröffentlicht. |