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38. Die tugendhafte Gräfin
Es war vor dreiundvierzig Jahren, am Neujahrstag
1950, etwa gegen ein Uhr morgens, als die Bewohner von Hofacker in Bewegung
gesetzt wurden durch den rasenden, auf dem holperigen Pflaster laut widerhallenden
Galopp eines Pferdes. Wer schon geschlafen hatte, eilte ans Fenster, wer
noch feierte, ebenfalls, und spähte in die frostklirrende Nacht. Bei
der Dunkelheit ließ sich nur undeutlich ein gedrungener, kahlköpfiger
Mann mit einem großen Buckel und in Hemdsärmeln erkennen, der
eine weiße Stute, die er ohne Sattel ritt, mit wütenden Hieben
antrieb.
Beim Haus des Bürgermeisters, eines
Futtermittelhändlers namens Elias Wurz, angelangt, ergriff der Bucklige,
noch ehe er abgestiegen war, die Klingel und begann so heftig zu läuten,
daß die halbe Stadt aufwachte. Ein Fenster wurde geöffnet, in
dem ein Mann im Nachthemd erschien, der eine weiße Zipfelmütze
trug.
"Was wollt ihr von mir zu einer Stunde,
da alle anständigen Menschen zu Bette sind?" sprach der Mann mit der
Zipfelmütze in mißvergnügtem Ton.
"Ich komme, um euch zu sagen, daß
ihr uns die Feuerwehr schicken mögt", antwortete Albert Kramuschke,
genannt Quasimodo, denn er war es tatsächlich.
"Die Feuerwehr?" - "Ja, sogleich, beeilt
euch!"
Herr Wurz schüttelte den Kopf. "Hm",
sagte er verblüfft. Es war bei ihm die Kundgebung der äußersten
Verblüfftheit. "Hm, hm."
Und wer wäre nicht an seiner Stelle
verblüfft gewesen? Um die Feuerwehrleute zu rufen, mußte Alarm
geschlagen werden. Das war nicht so einfach. Die jungen Leute waren noch
auf den Silvesterbällen, die Arbeiter in Kleinschmidts Saal, die Beamten
und Angestellten im Deutschen Kaiser, die High Society begrüßte
im Tennisclub das neue Jahrzehnt, alle Wasserstellen weit und breit waren
zugefroren, sogar die Ilse, die gleich neben dem Gutshof floß, und
betrunken waren vermutlich auch alle, die wußten, wie man zwei Schläuche
zusammenschraubt.
"Handelt es sich um eine ernste Feuersbrunst?"
fragte Herr Wurz. "Wie sollte es anders sein?" rief Quasimodo. Das war
eine Anspielung auf das zurückliegende Silvesterfeuerwerk. Der eine
nahm seine Jagdflinte, um die Geister der vierziger Jahre zu verscheuchen,
der nächste eine alte Armeepistole, der dritte Leuchtpatronen, hinterm
Burgberg hatten Lehrer Habermas und seine Jungs sogar eine Panzerfaust
in Stellung gebracht, und seit neuestem gab es auch wieder Feuerwehrskörper
zu kaufen. Wie leicht entstand da ein Schwelbrand, der sich im Laufe der
Nacht in ein Großfeuer verwandelte.
"Hm, hm", machte der Bürgermeister.
War es doch nicht das erste Mal, daß er durch einen Bauernlümmel
aus dem Schlaf geweckt wurde, der in tiefster Nacht mit dem Geschrei "Zu
Hilfe! Es brennt!" unter sein Fenster kam. Was aber fand man vor, wenn
man die Spritze aus dem Schuppen gezerrt, die Pferde vor die Spritze gespannt,
die Saugrohre im Löschteich versenkt, die Schläuche durch die
Gassen gerollt hatte und atemlos schweißtriefend die Brandstelle
erreichte? Einen kokelnden Misthaufen, kaum 50 Mark wert, der eben am Verlöschen
war.
"Nun, guter Mann", sagte Herr Wurz beruhigend,
"wo brennt es eigentlich?" Außer sich vor Wut über all den Aufschub
riß der Bucklige abermals an der Klingel, so daß Wurz zurückschreckte.
"Muß ich euch nochmals wiederholen,
daß bald alles in Flammen steht? Die Scheuern, die Ställe, die
Gesindehäuser, das Schloß, alles, wenn kein Wunder geschieht!
Der Schafstall brannte schon lichterloh, als ich davonritt."
Die Wirkung, welche diese Schilderung hervorrief,
war erstaunlich. "Was?" fragte der Bürgermeister mit erstickter Stimme,
"auf dem Rittergut ist der Brand?" - "Ja." - "Bei dem Grafen von Horwitz?"
- "Ganz recht!"
"Einfaltspinsel! Warum sagst du das nicht
gleich?" rief der Bürgermeister. Er zögerte nicht länger.
"Schnell", sagte er zu seinem Hausknecht,
der inzwischen vor die Tür getreten war, wo sich eine kleine Menge
Schaulustiger versammelt hatte und der sibirischen Kälte und dem schneidenden
Wind mutig trotzte, "du läufst zu Göbel, dem Bauern, du verstehst
mich, dem Trompeter, und befiehlst ihm, in meinem Namen Alarm zu blasen,
augenblicklich, überall ... Alsdann eilst du zu Göbel, dem Hufschmied,
versteh mich richtig, am Blauen Wandstein der, dem Feuerwehrhauptmann,
erklärst ihm, um was es sich handelt, und bittest ihn, aus dem Rathaus
den Schlüssel zum Spritzenhaus zu holen ... Dann zu Angersfors, dem
Gendarm, nein warte! Du kehrst erst hierher zurück, holst den Einspänner
aus der Remise und spannst an und, hörst du: Nimm den Rotfuchs, der
ist schneller und scheut nicht so rasch, wenn er ein Feuer sieht ... Feuer
beim Grafen von Horwitz! Welch entsetzliches Unglück! Ich werde die
Mannschaft selber begleiten!"
Er schien die Leute zu bemerken, die vor
seinem Haus standen und nur auf seine Befehle zu warten schienen und rief:
"Flugs! Lauft! Schlagt an alle Türen! Schreit überall Feuer aus!
Auf dem Marktplatz soll man sich versammeln!"
Als die Leute sich zerstreut hatten, so
schnell ihre Beine sie nur trugen, wandte er sich von neuem an Kramuschke:
"Ihr aber, guter Mann, wendet euer Pferd
und sprengt ins Tal, Herrn von Horwitz zu ermutigen, daß man die
Hoffnung nicht verliere, daß jeder, der auf dem Gutshof zugegen ist,
seine Anstrengungen verdoppele! Die Hilfe ist nah, damit das Feuer nicht
auf das herrliche Schloß übergreife!"
Quasimodo jedoch schüttelte sein mißgebildetes
Haupt und wandte sein Pferd stadteinwärts: "Bevor ich zum Gut zurückkehre,
habe ich noch eine Besorgung zu machen."
"Wie, ihr sagt ...?" - "Ich muß den
Doktor holen, Herrn Senjebos." - "Den Doktor? Ist denn jemand verletzt?"
- "Herr von Horwitz, ja." - "Der Unvorsichtige! Er wird sich nach seiner
Gewohnheit in die Gefahr gestürzt haben." - "O nein, er ist von zwei
Kugeln getroffen worden."
Der Bürgermeister hätte fast
den Kerzenhalten fallengelassen. "Von zwei Schüssen?" rief er. "Wo,
wann, wie, von wem?"
"Alles, was ich sagen kann, ist, daß
man ihn in den Salon getragen hat, wo noch die ganze Gesellschaft beisammen
war. Dort lag er blaß auf einer Ottomane, als ich ihn zum letzten
Mal sah."
"Und die Gräfin?" - "Die Frau von
Horwitz", sagte der Bucklige ehrerbietig, "kniete neben ihm, beschäftigt,
seine Wunden mit frischem Wasser zu waschen. Auch die Comtesse und der
junge Graf waren bei ihm. Nur die Gräfinmutter schlief bereits."
Herr Wurz schauderte. "Sollte hier ein
Verbrechen geschehen sein?" murmelte er. "Das ist gewiß." - "Aber
von wem? Zu welchem Zweck? Der Herr Graf ist sehr heftig, sehr jähzornig,
das ist wahr, aber er ist der beste, rechtschaffenste Mann, den ich kenne."
- "Das ist gewiß." - "Was die Frau Gräfin betrifft ..."
"Oh", rief der Kutscher des Grafen emphatisch.
"Die Frau Gräfin ist eine Heilige. Voller Sanftmut und Tugend."
Der Bürgermeister wiegte sein Haupt,
so daß die Zipfelmütze wackelte. "Der Schuldige", kombinierte
er, "wäre also ein Fremder?" - "Das war auch meine Meinung. Darum
habe ich unterwegs gedacht, daß ich vielleicht gut dran täte,
auch die Gendarmerie zu benachrichtigen."
"Das ist eine Sorge, die mir zufällt",
unterbrach Herr Wurz den anderen. "Ich werde sofort die Landespolizei anrufen,
daß man alle Straßen und Wege um unsere Stadt weiträumig
absperren möge, damit uns der Täter nicht entkommt. Und nun vorwärts,
schont euer Pferd nicht, und sagt der Frau Gräfin, daß wir folgen!"
Während seiner langen Amtstätigkeit
war der Bürgermeister noch nicht so jählings aus seiner Ruhe
aufgerüttelt worden.
Wie es weitergeht mit dieser bedauerlichen
Geschichte, von der sich Herr von Horwitz zum Glück bald erholen sollte,
warum seine Frau Cosima tatsächlich eine so tugendhafte Dame war,
wie es den Anschein hatte, und was sein Freund und Kamerad, Herr Dr. Hontheimer,
dessen ebenfalls von Kugeln verletzte und halb verkohlte Leiche während
des traditionellen Dreikönigstreffen der Liberalen aus den noch dampfenden
Strohmassen des gräflichen Schafstalls, in dem wir als Kinder oft
und gerne gespielt hatten, geborgen wurde, damit zu tun hatte, erfahren
wir in einer der nächsten Folgen, voraussichtlich in Kapitel 97.
Nächste Woche: "Das Jahrhundert der
Deutschen" |