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  03.June.98  Jungle World 
 

Nachrichten

"120 Tage von Sodom" 

Das auf verschlungenen Wegen in die Schweiz gelangte Originalmanuskript der "120 Tage von Sodom" des Marquis de Sade bleibt, wo es ist. Das Bundesgericht in Lausanne entschied gegen die Herausgabe des in mikroskopischer Schrift 1785 in der Bastille geschriebenen Werks, da der Ankäufer - der als weltweit bekannter Sammler erotischer Kunst gilt - es in "gutem Glauben" erworben habe. Weil ein renommierter Kunsthändler aus Paris das 1982 in Frankreich entwendete Manuskript anbot, habe der Sammler keinen Anlaß gehabt, mißtrauisch zu werden. Die Eigentümer hatten sich wiederholt geweigert, die "120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung" an den Schweizer Sammler zu verkaufen. 

Von dem Lausanner Urteil profitiert allerdings lediglich eine Erbengemeinschaft, der Sade-Liebhaber ist inzwischen verstorben. 

Alte Jauche in alten Schläuchen 

Europa Vorn (EV) hat sich auf seine Ursprünge besonnen und heißt jetzt Signal . Die im 11. Jahrgang erscheinende Zeitschrift der Neofaschisten trägt seit Juni unter Beibehaltung von "Konzept und Inhalt" den alten Namen, der "längst überfällig" gewesen sein soll. Während des Zweiten Weltkrieges propagierten die Nazis mit ihrer in mehreren Sprachen erscheinenden Illustrierten Signal die Germanisierung Europas. 

Sex mit Jüngern 

Eigentlich gibt es sie nicht mehr, dennoch verirrt sich vereinzelt ein Tabu in die Endneunziger, z.B. nach New York. Dort hat ein Theater wegen katholischer Kampagnen und Drohungen ein Jesus-Stück abgesetzt und sich damit einen heftigen Streit mit prominenten Autoren und Regisseuren eingehandelt. Der südafrikanische Schriftsteller Athol Fugard hat aus Protest gegen die nachgiebige Haltung gegenüber den christlichen Fundamentalisten dem Manhattan Theater Club die Aufführungsrechte für seine neues Stück "The Captain's Tiger" entzogen. 

Das Theater hatte das Stück "Corpus Christi" von Terence McNally abgesetzt, nachdem die Katholische Liga für religiöse und Bürgerrechte in einer Briefkampagne gegen die Aufführung mobilisiert hatte. Obwohl der Bühnentext bisher nicht veröffentlicht ist, reichte eine Andeutung in der New York Post, Jesus sei in diesem Stück homosexuell und habe Sex mit seinen Jüngern, die Fundamentalisten in Alarmstimmung zu versetzen. 

Bayernurteil 

Als Schlag gegen die Kinderpornographie will es ein bayrischer Richter verstanden wissen, als Schlag gegen den Technologie-Standort Deutschland faßt es die Medienbranche auf, und Kommentatoren in den USA erkennen einen Schlag gegen die Meinungsfreiheit. Mit der überraschenden Verurteilung des ehemaligen deutschen Compuserve-Chefs Felix Somm zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung wegen Verbreitung von Kinderpornographie im Internet hat sich die bayrische Justiz in jedem Fall lächerlich gemacht, da das Internet-Urteil über die Grenzen des bayrischen Gerichts hinaus für den weltweiten Datenaustausch keinerlei Relevanz hat. Ob das einsame Richterurteil überhaupt rechtskräftig wird, ist fraglich. Laut einem 1997 erlassenen Gesetz sind die Online-Dienste nicht für die Inhalte verantwortlich, zu denen sie lediglich einen technischen Zugriff verschaffen. 

Auch die EU-Kommission sei über den Richterspruch "erstaunt", sagte ein Sprecher des für Telekommunikationsfragen zuständigen EU-Kommissars Martin Bangemann in Brüssel. Es zeige aber die Notwendigkeit, international einheitliche Bestimmungen für die Verantwortlichkeit von Online-Anbietern festzulegen. Die Online-Manager selbst übten scharfe Kritik an dem Münchener Spruch, betonten aber zugleich, daß das lokale Urteil keine Auswirkungen auf die Dienste besitzt. Trotz dieser Versicherungen fürchten sie den Imageverlust der Branche im Ausland. Aus Sicht der USA begeht Deutschland den Fehler, die Entwicklung des Online-Geschäfts zu stark zu reglementieren. 

"Viele sagen, daß Europa generell beim Internet hinterherhinkt. In Deutschland bergen speziell die vielfältigen Regelungen zum Persönlichkeits- und Datenschutz die Gefahr, daß dieses Land ins Hintertreffen gerät." Deutsche Onliner nutzen inzwischen die Diskussion, um für den zügigen Abbau der lästigen Regelungen zu werben. Abschaffen möchte man die sogenannten Piloten, die kontrollieren, ob in den Chat-Räumen Pornographie angeboten wird oder Raubkopien gehandelt werden. Auch die Jugendschutzbeauftragten, die bei AOL oder T-Online über die Einhaltung des gesetzlichen Rahmens wachen, möchten die Onliner vor die Tür setzen. 

Heil Handy 

Wie lange haben die Marketingprofis des Mobiltelefon-Herstellers Nokia wohl gebrütet, bis ihnen die Idee zum neuen Slogan entschlüpfte? Tatsächlich ist die Parole von hohem Wiedererkennungswert und auf dem deutschen Markt bereits bestens eingeführt: "Jedem das seine". Mögliche Varianten sind: "Handy macht frei", "Wollt Ihr das totale Handy" oder schlicht "Heil Handy". 

Chips-Werbung 

Ein TV-Spot, der in Thailand mit Adolf Hitler für Kartoffel-Chips wirbt, hat Proteste in Israel ausgelöst. Dennoch hält die Agentur Leo Burnett an dem Werbefilm fest. Vorerst werde er nicht abgesetzt. Aus Sicht der international tätigen Agentur ist die Chips-Reklame keineswegs anstößig, sondern pädagogisch wertvoll. Zur Kritik der israelischen Botschaft in Bangkok, der Spot sei geschmacklos, erklärte die Marketingfirma, eine Verharmlosung Hitlers sei nicht beabsichtigt, vielmehr solle den Teenagern in Thailand gezeigt werden, daß eine fröhliche Welt eine bessere sei. 

Daß Knabberzeug gegen Faschismus hilft, wird in dem Film so dargestellt: Man sieht Hitler, wie er in Uniform und mit Nazi-Gruß Chips ißt; ruckzuck verwandelt sich das Hakenkreuz auf der Nazi-Flagge in das Logo der Chipsmarke. 

Geri steigt aus 

Verschlankung bei den Spice Girls: "Ginger Spice" Geri Halliwell, die bereits bei drei Auftritten der Band fehlte, will nie wieder mit den andern Mädchen spielen und strebt eine Solo-Karriere an. Nach Darstellung des britischen Boulevardblatts Sun haben die restlichen vier Spice-Girls beschlossen, auch ohne Geri weiterzumachen. Geri leidet nach Darstellung der Plattenfirma Virgin zur Zeit unter nervöser Erschöpfung. 

  •  Die Nachrichten wurden von Runge und Salzborn zusammengestellt 
 
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