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Markt für Mytheme
Wie authentisch ist die deutsche Rechte?
Von Georg Seeßlen
Rechtsextreme Straftaten, eine neofaschistische
Subkultur, die sich neuer und neuester Medien bedient, Faschismus in der
Bundeswehr, der Wahlerfolg der Potemkinschen DVU in Sachsen-Anhalt - das
ist den Medien schon eine Schrecksekunde wert. Man skandalisiert die Existenz
neofaschistischer Strömungen in der Gesellschaft, deckt das Grauen
aber sogleich mit wohlfeiler Mythisierung ab. Die Antwort der rechtspopulistischen
Mitte ist nur allzu bekannt: Man möchte dieses Potential für
sich gewinnen. Also kommt man der neofaschistischen Klientel so weit als
möglich entgegen (man grenzt gleichsam die Form aus, um sich den Inhalt
anzuverwandeln) und hysterisiert im Gegenzug eine imaginäre Gefahr
von links.
Aber auch jenseits dieser ebenso durchschaubaren
wie offenkundig wirksamen Manöver scheint die politische Öffentlichkeit
in Deutschland mit ihrer nicht mehr zu verbergenden neofaschistischen Subkultur
anders umzugehen als das in den europäischen Nachbarländern der
Fall ist, die ja mitnichten von derlei verschont sind. Was sich da herausbildet,
ist eine gefährliche Mischung aus Hysterisierung und Verdrängung,
eine Form der psychotischen Blindheit. Eine Reihe von Mythemen befinden
sich auf dem Markt der Meinungen, die uns zugleich aufregen und beruhigen
sollen:
Mythem 1: Der Einzeltäter. Neofaschistische
Gewalt geht von irregeleiteten, psychisch defekten einzelnen Menschen aus.
Mythem 2: Der Protestwähler. Die Wahlerfolge
einer Partei wie der DVU (wie vordem der Republikaner oder der NPD) sind
auf eine tiefe Enttäuschung der Menschen zurückzuführen,
die nur nach einer Möglichkeit suchen, es denen da oben symbolisch
einmal zu zeigen.
Mythem 3: Der Vereinigungsverlierer. Wer
als Jugendlicher arbeitslos, perspektivlos, in einer Plattenbausiedlung,
in einer kaputten Familie aufwächst, der muß doch Nazi-Skin
werden. Ist doch logisch, oder?
Mythem 4: Der Ordnungsverlust. Wer in einer
Gesellschaft wie der DDR aufgewachsen ist, in der zwar eine Menge verboten,
aber ansonsten alles geregelt und gesichert war, muß nach dem Sturz
in die deregulierte Gesellschaft der freien Marktwirtschaft nach einer
Wiederholung jener festen Strukturen suchen, die er verloren hat, und wenn
er sie nicht in den Strukturen von Karriere und Konsum finden kann, dann
ist der Neofaschismus (neben der "Ostalgie") der einzige Halt.
Mythem 5: Der Phänotyp. Die sozialistische
Gesellschaft produzierte als Mehrheit den autoritätshörigen,
sich eingliedernden und ideologisch formelhaft starren Menschen, der bei
den Neofaschisten am ehesten Zeichen und Ritualität wiederkehren sieht.
Und hinter der humanistischen und sozialistischen Fassade lauerte auch
in der DDR eine zweite Kultur der muffigen, gehässigen Spießigkeit:
nicht der sozialistische Mensch wurde da erzogen. sondern der Konformist,
der seine aggressiven und bösartigen Impulse nur verbergen lernte,
um auf den Augenblick zu warten, in dem sie freigelassen werden durften.
Mythem 6: Weder ökonomisch noch politisch,
noch kulturell, und auch nicht was die Alltagsrealität anbelangt,
ist die Vereinigung Deutschlands wirklich vollzogen. Das neue Deutschland
wird vor allem durch die Medien und durch das repräsentiert, was an
Ritualität in der Idee der "Nation" steckt. So ist der Rechtsextremismus
eine Art, gleichsam gewaltsam "Deutschland" denkbar zu machen, das Widersprüchliche,
Virtuelle und Irrationale des Vereinigungsprozesses zu negieren.
Mythem 7: Die Politikverdrossenheit. Die
Vertreter der Volksparteien reden nur, reden alles schön, aber sie
tun nichts, daher wendet man sich nur allzu leicht den Neofaschisten zu,
die eine Politik des Handelns versprechen.
Mythem 8: Die Arbeitslosigkeit. Wenn ein
Engländer arbeitslos wird, geht er zum Fischen. Wenn ein Deutscher
arbeitslos wird, geht er zu den Faschisten. Bis in die Linke hinein ist
man sich einig, daß es einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit
und Neofaschismus gibt, schließlich haben wir im Geschichtsunterricht
gelernt, daß auch 1933 die Arbeitslosigkeit am Faschismus schuld
war.
Mythem 9: Die mediale Verwahrlosung. Vor
was fürchten wir uns in der Videothek? Vor Gewaltverherrlichung, Naziparolen
und Pornographie. Vor was fürchten wir uns im Internet? Vor Kinderpornographie
und Naziparolen. Was gibt's Neues bei den Computerspielen? Nazi-Propaganda
und Kinderpornographie. Kurzum: Neofaschismus hat was mit jener Schmuddelecke
im medialen Supermarkt zu tun, über die wir uns fortwährend beschweren,
und zu der wir hinspurten, sobald keiner herguckt. So ist der Neofaschismus
auf eine merkwürdige, negative Weise erotisiert.
Mythem 10: Die verlorenen Kinder. Neofaschisten
sind Rattenfänger, die die Kinder in ihren Szenen sammeln. Im Zweifelsfall
müssen wir glauben, daß Kinder, die keine Jugendzentren, keine
Discos und keine Sportplätze haben, automatisch zu Faschisten werden.
(Und umgekehrt träumen wir vom guten Sozialarbeiter, der aus Skinheads
und Junkies gute Boxer und damit nützliche Mitglieder der Gesellschaft
macht.)
Mythem 11: Neofaschismus als Pop-Phänomen.
Rechts sein ist in breiten Segmenten der Jugendkultur ungefähr so
angesagt, wie es ein paar Generationen zuvor einmal das Links-Sein gewesen
ist. Es "bedeutet" freilich keine ausformulierte Idee noch gar den Willen,
eine faschistische Gesellschaft zu errichten, sondern beschränkt sich
auf Gestus und Lebensgefühl (Gewalt eingeschlossen). Der jugendliche
Fascho genießt vor allem sein Anderssein, weil er in seiner Provokation
wahrgenommen wird, und er findet in seinem tribe Identität und Geborgenheit.
Mythem 12: Deregulationen, ökonomischer
wie moralischer Art, produzieren automatisch ihre fundamentalistischen
Gegenbewegungen. So wird der Werteverfall (was immer das sein mag; wahrscheinlich
hat es damit zu tun, daß die Kinder nicht mehr gehorchen und der
Nachbar vor meiner Einfahrt parkt), eine komplizierte und dynamische Ethik,
eine Art, sich über Taten und Worte Rechenschaft abzulegen, die man,
in ihrer formalisierten Weise als "political correctness" sehr wohlfeil
auch von Seiten verspottet, denen man den einen oder anderen zweiten Gedanken
zutraute, mit der Rekonstruktion ebenso tautologischer wie martialischer
Werte beantwortet, die sich letzthin auf einen einzigen Super-Wert reduzieren
lassen, der zugleich alles und ganz und gar nichts aussagt: "deutsch".
Mythem 13: Die Modernisierungsverlierer.
Die Politik des Neoliberalismus hat zur offenkundig durchaus eingeplanten
Erosion des Kleinbürgertums geführt, und zwar nicht nur als ökonomischer
und kultureller Klasse, sondern auch als Idee. Einerseits ist die kleinbürgerliche
zur universalen Kultur geworden, andrerseits hat die Klasse ihre Mitte
verloren. Das neue Sub-Proletariat der neoliberalen Rekonstruktion des
Kapitalismus in seiner barbarischsten Form entstammt zu einem nicht geringen
Anteil verschiedenen Fraktionen des auch gehobeneren Kleinbürgertums.
Die latente Angst dieser Klasse, ins Proletariat zurückzusinken, und
die manische Hoffnung, den Aufstieg zu schaffen, ist nun, als Überlebensfrage,
manifest geworden.
Anders als etwa in den USA gibt es für
das neue Sub-Proletariat kaum eine Hoffnung, einen Wiederaufstieg zu schaffen,
und vor allem gibt es, wiederum anders als in anderen Gesellschaften, nicht
die geringste kulturelle Repräsentanz. Es ist nicht nur aus dem Wirtschaftsleben
und aus den Konsumzyklen, sondern z.B. auch aus dem Fernsehprogramm ausgeschlossen.
Und natürlich hat es keine politische Repräsentanz: Die Volksparteien
und ihre Klientel müssen sich vor dem neuen Sub-Proletariat förmlich
ekeln, denn es erinnert sie an eigene Abstiegssorgen.
Aber auch die Linke hat für das neue
Subproletariat nur ratloses Mitleid, da das zerstörte Kleinbürgertum
ebenso wie das vergessene und zersetzte Proletariat offensichtlich (noch)
nicht in der Lage ist, so etwas wie ein Bewußtsein der eigenen Lage
zu entwickeln. (Viel zögerlicher als etwa in Frankreich kommt es in
Deutschland zu organisierten Handlungen der Arbeitslosen: die kleinbürgerliche
Scham unterdrückt den Zorn, und diese Lähmung wird gewiß
durch die Politik und die Medien verstärkt, die in einer mehr und
mehr arbeitslosen Gesellschaft das Ethos der Arbeit immer noch als gleichsam
religiösen Wert feiern.) Im neuen Subproletariat müssen die psychosoziale
Innenwelt und die reale Situation einander bis zu einer Entladung widersprechen.
Die einzige Kraft, die diesem neuen Subproletariat Klassenbewußtsein,
Identität und Stolz verspricht, ist der Neofaschismus.
Mythem 13: Die Vereinfachung. Das Wissen,
das wir von unserer Welt haben, beschleunigt sich und wird überkomplex.
Der Zugang zum Wissen wird gleichzeitig erschwert und durch digitale Haushaltsgeräte
erleichtert. Die Frage von Zugang und Ausgrenzung wird daher immer bedeutender.
Neofaschismus bietet, so scheint es, beides zugleich: eine Form des Zugangs
und eine radikale Vereinfachung der komplexen Repräsentationen von
Wirklichkeit.
Mythem 14: Die Weiber sind an allem schuld.
Na ja, nicht so direkt, irgendwie. Aber wenn sie es mit der Emanzipation
übertreiben und die Ordnung der Geschlechter verloren geht, dann muß
man dem deutschen Mädel zur Wiedergeburt verhelfen. Und Ausländerfotzen
hassen.
Mythem 15: Schuld am Aufstieg der Rechten
sind die Linken. Oder: Wenn die Grünen fünf Mark für einen
Liter Benzin verlangen wollen, dann wählen wir eben die Neofaschisten.
Oder: Paßt bloß auf, was ihr sagt. Wenn man dauernd an Deutschland
herummäkelt, reizt man damit nur unsere Faschisten.
Mythem 16: Der Neofaschismus ist eine Geschäftsidee.
Er bildet einerseits einen Markt, in dem sich die Grenzen zwischen dem
legalen, dem halblegalen und dem illegalen verwischen. Und andererseits
bildet er eine faschistische Schattenwirtschaft, ein Netzwerk, in dem politische
Inszenierung und ökonomischer Vorteil Hand in Hand gehen. Die DVU,
zum Beispiel, ist eigentlich gar keine Partei, sondern vielmehr die Fortsetzung
neofaschistischer Publizistik mit anderen Mitteln, eine Abo-Kampagne für
Herrn Freys Produkte. Neofaschismus gibt es in Deutschland unter anderem,
weil man damit ziemlich reich werden kann.
Mythem 17: Die europäischen Gesellschaften
rechnen nach den Strukturkrisen der Arbeit mit einem gewissen faschistischen
Potential in ihren politischen Inszenierungen, die man hofft begrenzen
und kontrollieren zu können. Man geht dabei davon aus, daß sich
die jeweils neuesten Wellen der rechtsextremen Manifestationen stets selbst
erledigen, weil sie sich entweder so töricht benehmen oder so schnell
untereinander zerstreiten, daß es nie zu einer Stabilisierung im
öffentlichen Raum kommt. Unappetitliche Populisten wie Le Pen produzieren
eine feste Anhängerschar aber ebensoviel durchaus Mainstream-kompatible
Abscheu. Früher oder später wird jeder neofaschistische Parlamentarier
zur Lachnummer.
(Mythem 17a: Das funktioniert allerdings
nur, solange man mit den Gegenkräften genau so umgeht, und, was sich
als "politische Mitte" definiert, nach beiden Seiten gleich offen - und
in Wahrheit gleich geschlossen - ist. Wenn sich, wie in Deutschland nach
der Vereinigung die politische Mitte nach rechts öffnet und nach links
verschließt, gerät dieses manipulative System in Schieflage.
So entsteht die postmoderne Variante des Kapitalismus, der sich den Faschismus
als Kampfhund halten will.)
(Mythem 17b: Deutschland muß nach
Europa, damit es nicht faschistisch wird. Nein: Deutschland muß nach
Europa, damit es lernt, mit seinen Faschisten umzugehen.)
Mythem 18: Der Neofaschist versteht sich
nicht als Provokation, sondern als unterdrücktes Wesen des Volkes.
Er träumt - und wer weiß, mit welchem Recht - daß er der
Traum des Mainstream ist, daß er nur tut und sagt, was die anderen
sich nicht zu tun und zu sagen trauen. Deshalb muß er sich nicht
als jemand fühlen, der "draußen" ist. In seiner medialen Spiegelung
und seiner Alltagspräsentanz bemerkt er, daß er sehr viel mehr
heimliche Bewunderung als Entsetzen auslöst. Es ist offenkundig, daß
die Gegner des Neofaschismus vom Gesetz und von der Polizei härter
angefaßt werden als dieser selbst. So darf sich der Neofaschismus
in Deutschland nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch vom Staat in
gewisser Weise akzeptiert wähnen. Wenn er die Rechte der Demokratie
für sich in Anspruch nimmt, die er abzuschaffen gedenkt, dann tut
er dies längst schon nicht mehr scheinheilig, sondern bereits hohnlachend.
Mythem 19: Der Neofaschismus ist die Reaktion
auf zu viel "Vergangenheitsbewältigung". Hätte man doch den alten
Faschismus endlich ruhen lassen, dann hätte es vielleicht auch keinen
neuen gegeben. Es ist bekannt: Bei jeder Ausstellung über die Verbrechen
der Wehrmacht, bei jeder Diskussion über ein Holocaust-Denkmal, bei
jeder Gedenkfeier, die im Fernsehen übertragen wird, laufen den rechtsextremen
Parteien neue Mitglieder zu. Lehrerinnen und Lehrer, die dem Stundenplan
Information über den Faschismus abtrotzen, produzieren nicht nur Kinder,
die ein klein wenig mehr über die deutsche Vergangenheit wissen, sondern
immer auch zugleich Anfälligkeit für Neofaschismus.
Mythem 20: Der Neofaschismus ist eine Erfindung
der Medien, die dabei rund zwanzig Mytheme verwendet, die sie miteinander
zu einem je nach Bedarf nach rechts oder nach links zu akzentuierenden
Bewegungsbild verbinden. Freilich gibt es auf der anderen Seite ein vernetztes
System von neofaschistischen Impulsen und Gruppierungen, die aber abzubilden
oder gar zu erklären dem System der Abbildungen und Erklärungen
schon strukturell unmöglich ist. Ein anderer großer Mythos,
nämlich der der parlamentarischen Demokratie als humanem Steuerungsinstrument
der freien Marktwirtschaft, würde augenblicklich in sich zusammenbrechen,
könnte denn an irgend einem Ort der Republik "die Wahrheit" über
das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Neofaschismus gesprochen
werden.
(Mythem 20a: Diese Wahrheit über den
Neofaschismus ist in einer Gesellschaft, die auch in ihrem Mainstream ein
durchaus ambivalentes Verhältnis zu ihm entwickelt hat, nicht anders
zu haben, als in der Form einer Paranoia. Man mag seinen Einfluß
unter- oder überschätzen, beides aber ohne ein gesichertes Wissen;
weil aber die wirkliche Gefahr nicht so sehr von den neofaschistischen
Gruppierungen ausgeht als vielmehr vom Verhalten der politischen und gesellschaftlichen
Mitte, ist die Verdrängung bereits Teil der Mainstream-Kultur. Hysterisieren,
Herunterspielen, Wegmythisieren gehört zum kulturellen Leben.)
(Mythem 20b: Die Mitte frißt sich
nach rechts und macht immer mehr "halbextreme" rechte Ideologie Mainstream-fähig.
Dies aber macht es den noch nicht verdauten Teilen der rechtsextremen Kulturen
zunehmend schwer, sich noch "authentisch" zu wähnen. Sie muß
sich in Wort und Tat weiter extremisieren. Ihre Stabilität hat diese
post-demokratische Gesellschaft gefunden, wenn der Mainstream so weit nach
rechts bewegt wurde, daß über seinen rechten Rand hinaus nur
noch sehr wenig Platz ist. Die Wahlen dieses Jahres dienen offensichtlich
dazu, diese Bewegung nach rechts zu forcieren.) |