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Lebensform Sozialhilfe
Tüchtig statt süchtig!
Da wird die "Reformwerkstatt" zum Drogenlabor:
"Macht Sozialhilfe süchtig?" lautet die einigermaßen frivole
Titelfrage des Zeit-Dossiers vom 21. Mai. Aus der Lamäng heraus können
wir antworten: In Einzelfällen vermutlich schon. Schließlich
gibt es ja auch andernorts Maso-Fetischisten, die sich gern erniedrigen
lassen, oder Leute, die auf Scheißefressen stehen. Das Gros der Sozialhilfeempfänger
würde vermutlich nichts lieber machen, als den Ämter-Spießrutenlauf
gegen einen lässigen Acht-Stunden-Job beispielsweise hinter einem
Behördenschreibtisch tauschen und tagaus, tagein den Gummibaum gießen.
Sozialhilfe-Beziehen hingegen ist heutzutage
ein echter Fulltime-Job; wer es tatsächlich noch schafft, den Ämtern
eine Summe aus den Lenden zu leiern, von der man einen Monat lang, womöglich
noch mit einer mehrköpfigen Familie, leben kann, ist damit auch einen
Monat lang beschäftigt und hat gleichzeitig nebenbei mindestens die
berufliche Qualifikation für einen nach Tarif B-7 besoldeten Posten
im Staatsdienst erworben. Das Suchtpotential dieser Betätigung ist
also - und jetzt können wir den Kreis unserer Risikogruppe erweitern
- ungefähr gleich dem einer normalen Berufstätigkeit, der ja
auch immer mehr "Workoholics" suchttechnisch verfallen. Und das wär's
dann auch schon. Frage beantwortet.
Anders sieht das Englands Sozialminister
Frank Fiedel, der dabei ist, den britischen Sozialstaat auf die Müllhalde
der Geschichte zu werfen. Seine Arbeitshypothese von der vorherrschenden
"Abhängigkeitskultur", die es auszudünnen und trockenzulegen
gelte, andernfalls man es mit reformresistenten Milieus der Abhängigkeit
zu tun bekomme, wo man sich derer nicht mal mehr schäme, ist den Zeit-Autoren
Anlaß genug zu einer grundlegenden Revision auch des deutschen Sozialsystems.
Ein Hildesheimer Professor mit dem Namen
Heinz Strang darf zu Wort kommen, der Sozialhilfe nicht nur für suchtfördernd,
sondern auch für erblich hält; ihm zufolge bilden sich regelrechte
"Sozialhilfe-Clans" bzw. "Dynastien" heraus, in denen die "Lebensform-Sozialhilfe"
sozusagen von einer Generation an die nächste weitergegeben werde.
Die Entdeckung des "Sozialhilfe-Gens" mußte der Wissenschaftler allerdings
bislang schuldig bleiben.
So winden sich auch die Autoren des Zeit-Dossiers"
schließlich darauf hinaus, die Suchtgefahr der Sozialhilfe niedriger
einzustufen als zunächst provokant formuliert. Irgendwie schwant ihnen,
daß das Bild schief hängt; daß der Cold Turkey und andere
Entzugserscheinungen in diesem Zusammenhang nicht viel mehr sind als schlichte
und nackte Bedürftigkeit. Daß jemand, der den nächsten
Schuß braucht, nicht mit dem zu vergleichen ist, der den nächsten
Zuschuß braucht.
Am Ende plädieren sie lauwarm für
mehr Hilfe für Selbsthilfe in den Sozialämtern und insgesamt
wohl auch für weniger Bürokratie und mehr - wie sagt man? - "Menschlichkeit".
Und meinten damit doch wohl eher den modern gewendeten und flexiblen Bürokraschismus
mit lächelndem Antlitz, der die "soziale Hängematte zum Trampolin"
aufpeppt. Wenn Sozialhilfe süchtig macht, dann macht im Umkehrschluß
Arbeit frei. Und das spätestens sollte uns doch irgendwie bekannt
vorkommen.
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