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  03.June.98  Jungle World 
 

Lebensform Sozialhilfe 

Tüchtig statt süchtig! 

Da wird die "Reformwerkstatt" zum Drogenlabor: "Macht Sozialhilfe süchtig?" lautet die einigermaßen frivole Titelfrage des Zeit-Dossiers vom 21. Mai. Aus der Lamäng heraus können wir antworten: In Einzelfällen vermutlich schon. Schließlich gibt es ja auch andernorts Maso-Fetischisten, die sich gern erniedrigen lassen, oder Leute, die auf Scheißefressen stehen. Das Gros der Sozialhilfeempfänger würde vermutlich nichts lieber machen, als den Ämter-Spießrutenlauf gegen einen lässigen Acht-Stunden-Job beispielsweise hinter einem Behördenschreibtisch tauschen und tagaus, tagein den Gummibaum gießen. 

Sozialhilfe-Beziehen hingegen ist heutzutage ein echter Fulltime-Job; wer es tatsächlich noch schafft, den Ämtern eine Summe aus den Lenden zu leiern, von der man einen Monat lang, womöglich noch mit einer mehrköpfigen Familie, leben kann, ist damit auch einen Monat lang beschäftigt und hat gleichzeitig nebenbei mindestens die berufliche Qualifikation für einen nach Tarif B-7 besoldeten Posten im Staatsdienst erworben. Das Suchtpotential dieser Betätigung ist also - und jetzt können wir den Kreis unserer Risikogruppe erweitern - ungefähr gleich dem einer normalen Berufstätigkeit, der ja auch immer mehr "Workoholics" suchttechnisch verfallen. Und das wär's dann auch schon. Frage beantwortet. 

Anders sieht das Englands Sozialminister Frank Fiedel, der dabei ist, den britischen Sozialstaat auf die Müllhalde der Geschichte zu werfen. Seine Arbeitshypothese von der vorherrschenden "Abhängigkeitskultur", die es auszudünnen und trockenzulegen gelte, andernfalls man es mit reformresistenten Milieus der Abhängigkeit zu tun bekomme, wo man sich derer nicht mal mehr schäme, ist den Zeit-Autoren Anlaß genug zu einer grundlegenden Revision auch des deutschen Sozialsystems. 

Ein Hildesheimer Professor mit dem Namen Heinz Strang darf zu Wort kommen, der Sozialhilfe nicht nur für suchtfördernd, sondern auch für erblich hält; ihm zufolge bilden sich regelrechte "Sozialhilfe-Clans" bzw. "Dynastien" heraus, in denen die "Lebensform-Sozialhilfe" sozusagen von einer Generation an die nächste weitergegeben werde. Die Entdeckung des "Sozialhilfe-Gens" mußte der Wissenschaftler allerdings bislang schuldig bleiben. 

So winden sich auch die Autoren des Zeit-Dossiers" schließlich darauf hinaus, die Suchtgefahr der Sozialhilfe niedriger einzustufen als zunächst provokant formuliert. Irgendwie schwant ihnen, daß das Bild schief hängt; daß der Cold Turkey und andere Entzugserscheinungen in diesem Zusammenhang nicht viel mehr sind als schlichte und nackte Bedürftigkeit. Daß jemand, der den nächsten Schuß braucht, nicht mit dem zu vergleichen ist, der den nächsten Zuschuß braucht. 

Am Ende plädieren sie lauwarm für mehr Hilfe für Selbsthilfe in den Sozialämtern und insgesamt wohl auch für weniger Bürokratie und mehr - wie sagt man? - "Menschlichkeit". Und meinten damit doch wohl eher den modern gewendeten und flexiblen Bürokraschismus mit lächelndem Antlitz, der die "soziale Hängematte zum Trampolin" aufpeppt. Wenn Sozialhilfe süchtig macht, dann macht im Umkehrschluß Arbeit frei. Und das spätestens sollte uns doch irgendwie bekannt vorkommen. 

  •  Holm Friebe
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