Kollaps in Athen
Die Pasok-Regierung will das "nationale
Ziel" EU-Beitritt mit einem radikalen Privatisierungsplan erreichen
Die sozialistische Pasok-Regierung in Athen
scheint entschlossen, ihr neoliberales Regierungsprogramm, das Griechenland
endlich in die EU führen soll, unter allen Umständen durchzusetzen.
Auch auf die Justiz kann sie sich dabei verlassen: Das Landgericht Athen
erklärte vergangene Woche den seit über zwei Wochen andauernden
Streik der Angestellten der Ionian-Bank für illegal, verlangte den
sofortigen Abbruch der Aktionen und verbot jede neue Mobilisierung für
die Zukunft. Bei Nichtbeachtung droht nun jedem Mitglied des Streikkomitees
eine Strafe von 400 000 Drachmen (rund 3 500 Mark) pro Tag. Der Vorsitzende
der Vereinigung der Ionian-Angestellten, C. Markakis, sagte daraufhin,
der Streik werde "wie vorgesehen" weitergehen.
Der Konflikt hatte sich zugespitzt, nachdem
auf Beschluß der Regierung das von Streikenden besetzte Rechenzentrum
der Ionian-Bank in Piräus von Sondereinheiten gestürmt wurde.
Seitdem ist das Gebäude von der Polizei besetzt, das wiederum von
mehreren Hundert Streikenden belagert wird. Am 27. Mai erreichten die Arbeitskämpfe
im gesamten öffentlichen und Bankensektor mit einem Generalstreik
den vorläufigen Höhepunkt. Vor allem im Großraum Athen
führten die Aktionen zu einem völligen Verkehrskollaps und zum
totalen Stillstand des Geschäftslebens.
Während des Generalstreiks kam es
sowohl in Athen als auch in Piräus zu Straßenschlachten zwischen
der Polizei und den streikenden Angestellten und Arbeitern. In Athen versuchten
einige Tausend Demonstranten ins Parlamentsgebäude einzudringen, was
mit Schlagstock und Tränengaseinsatz verhindert wurde. In Piräus
eskalierte die Situation nach der Verhaftung zweier Demonstranten, die
versucht hatten, Streikbrecher von einer Baustelle zu vertreiben.
Der neuerlichen Auseinandersetzungen -
bereits Anfang des Jahres gab es wegen der "Sanierung" der staatlichen
Fluglinie Olympik Airlines heftige Auseinandersetzungen - begannen am 13.
Mai mit der Bekanntmachung der Regierung, in den nächsten 15 Monaten
elf Staatsbetriebe ganz oder teilweise zu privatisieren. Das Programm,
das unter anderem die Häfen von Piräus und Thessaloniki, die
Fernmeldeämter und Wasserversorgungsgesellschaften betrifft, soll
im September 1999 abgeschlossen sein. Nach Aussage von Finanz- und Wirtschaftsminister
Jannos Papantoniou sollen durch die Verkäufe Einnahmen in Höhe
von 800 Milliarden Drachmen erzielt werden - der Löwenanteil davon
wird in die Staatskasse fließen, um die öffentlichen Schulden
abzubauen. Ministerpräsident Kostas Simitis erklärte in diesem
Zusammenhang den Beitritt zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
zum "nationalen Ziel" und unterstrich die Entschlossenheit der Regierung,
die angekündigten "Modernisierungen" gegen "alle Widerstände"
durchzusetzen.
Dem griechischen Industrieverband (SEB)
gehen die Pläne indes noch nicht weit genug. SEB-Präsident Iasson
Stratos forderte die "völlige Privatisierung des öffentlichen
Sektors, einschließlich Energie und Verkehr" und darüber hinaus
"Erleichterungen im Steuerbereich". Direkt nach Bekanntwerden der Pläne
zeigten sich die Gewerkschaften entschlossen zum Widerstand und legten
einen umfassenden Streikkalender bis Mitte Juni für den gesamten öffentlichen
Dienst vor.
Da diese Mobilisierung mit dem parallel
stattfindenden Kämpfen der Schüler, Studenten und Lehrern gegen
das neue Bildungsgesetz verknüpft werden konnte, vergeht seit dem
13. Mai kaum ein Tag ohne gewerkschaftliche Aktionen. Die Politik der Pasok
treibt mittlerweile auch deren eigene Basis auf die Barrikaden. Aus Proteste
gegen die Privatisierungspläne treten reihenweise Funktionäre
der regierungsnahen Gewerkschaft PaSKE zurück, einige Abteilungen
propagieren offen Betriebsbesetzungen.
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