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Ausgerechnet Neukölln
Gefährliche Orte XXVIII: Das Gemeine
am Strukturwandel ist, daß er inzwischen auch Bezirke trifft, die
man früher einmal gemocht hat. Von unserem Neukölln-Korrespondenten
Heiko von Schrenk
Ich gebe ja zu, daß ich mich geirrt
habe. Mehr als zwei Jahre lang habe ich mich für diesen schäbigen
Bezirk nun nach Kräften eingesetzt, versucht, ihn in jeder Kurzmeldung
unterzubringen, ihn in völlig sachfremden Zusammenhängen auftauchen
lassen, ihn gegen die wütenden Angriffe des Spiegel verteidigt - und
nun passiert es auch hier: Strukturwandel. Leute, zieht doch nach Friedrichshain,
aber laßt mir mein Neukölln in Ruhe!
Neukölln ist, wenn du gelassen die
Karl-Marx-Straße entlangspazierst und neben dir einer geht, der in
sein Handy spricht: "Ja, ich laufe hier gerade die Karl-Marx-Straße
herunter." Wenn der Anlageberater im Radio auf die kecke Frage des Moderators,
ob denn da wirklich andauernd Leute in Trainingshosen in den Laden kommen,
antwortet: "Ne Kleiderordnung ham wa hier nich." Wenn dir der Mann mit
den Riesenkopfhörern und der Dose Altmark-Pils in der Hand am selben
Morgen schon zum dritten Mal mit immer einem anderen Hund an der Leine
begegnet. Wenn dir die Sonne beim Aufwachen in dein Zimmer scheint und
es schon wieder regnet, sobald du unten am Briefkasten bist.
Das alles wird es nicht mehr lange geben.
Vor kurzem schrieb das Berliner Stadtmagazin Zitty, Neukölln sei jetzt
der "neueste In-Bezirk der Stadt" - Tausende Clubber werden aus ihren müden
Vororten kommen und sich statt in Mitte oder Prenzlauer Berg im Bierpunkt
am Hermannplatz oder in der Pizzeria I Trulli am Columbiadamm zu Tode langweilen.
Na gut, Zitty kann irren, schließlich stand dort auch geschrieben,
Friedrichshain sei "die neue Mitte von Berlin".
Aber es gibt auch richtige, handfeste Indizien
für einen tiefgreifenden Strukturwandel. Das traditionsreiche Geschäft
Koffer Panneck an der Karl-Marx-Straße hat zugemacht, das alte Antiquariat
gegenüber auch. Statt dessen bauen sie jetzt an der Karl-Marx-Straße
ein Einkaufszentrum, das es ein paar hundert Meter den Rollberg hinauf
an der Hermannstraße schon gibt. Dafür mußten der Teppichdiscounter
in dem schicken Flachbau, der früher einmal die Karl-Marx-Buchhandlung
beherbergte, der verhaßte Jeansladen in dem Haus mit dem Riesenturnschuh
auf der Brandmauer und sogar die Neuköllner Stadtbibliothek weichen.
Die Bücher wurden in die ehemaligen Schultheiß-Säle an
der Hasenheide - da, wo immer die Rep-Parteitage stattfanden - ausgelagert.
Und jeder Neuköllner weiß, daß das schon Kreuzberg ist.
Sogar am vertrauten Karstadt am Hermannplatz wird geschraubt und gewerkelt.
Ein paar neue Etagen sollen aufgestockt werden, damit das Kaufhaus wieder
so aussieht wie vor den letzten Scharmützeln am Ende des Zweiten Weltkriegs.
In der einstigen Hauptstadt der Sozialhilfeempfänger
hat der Wirtschaftsstadtrat vergangene Woche allen Ernstes vorgeschlagen,
in der Karl-Marx-Straße eine Fußgängerzone einzurichten.
Zwischen Flughafen- und Ganghoferstraße soll die Langeweile westdeutscher
Kleinstädte eintreten, die es in Charlottenburg und Spandau doch schon
zur Genüge gibt.
Was redet der ahnungslose Friedrichshainer
da vom Strukturwandel? Wenn die Sonnenallee bald so blitzt wie die Schloßstraße
in Steglitz, wie soll man sich denn da noch in Schlappen vor die Haustür
trauen? Wo sollen da noch die Rottweiler in kindlichem Spiel auf dem Gehweg
herumtollen? Wer fährt da noch seinen Dreier-BMW auf einer Amokfahrt
in einen U-Bahn-Schacht?
Neukölln ist verloren. Die blitzenden
Blaulichter auf dem nassen Asphalt - ich werde sie vermissen. Dafür
laufen jetzt ABM-Cops in der Hasenheide Streife. Das einzige kriminelle
Ereignis, auf das sie dort stoßen können, sind die Neuköllner
Maientage, vier Wochen Kirmesfirlefanz mit Feuerwerk an jedem Sonnabend.
Nein, der einstige Central Park Berlins - von der Senats-Innenverwaltung
eigens mit dem Ehrentitel "gefährlicher Ort" ausgezeichnet - ist zum
Zonenrandgebiet des Verbrechens verkommen. Nur noch die fürsorgliche
1:1-Betreuung durch seriöse Sicherheitsunternehmen im U-Bahnhof Hermannplatz
vermittelt einem das Gefühl, daß hier etwas Aufregendes passieren
könnte. The thrill has gone. Da helfen auch die ständigen Razzien
oben auf dem Hermannplatz nicht weiter; beschlagnahmt werden dort regelmäßig:
ein gestohlenes Handy, zwei Fahrräder, zwölf Gramm Haschisch,
zwölf Stangen unverzollte Zigaretten. Selbst im Musik-Café
Memory gleich um die Ecke haben die sonst so hartgesottenen Berliner Polizeibeamten,
die jetzt auf einmal beim bloßen Aussprechen des Wortes "Castor"
in helle Panik verfallen, nicht mehr Erfolg. Frustriert gehen sie wieder
nach Hause, werfen zwei Viagra ein und legen sich schlafen.
Derweil hängen die türkische
Jungengangs gelangweilt in der Werbellinstraße ab, auf der Suche
nach dem Verbrechen. Es ist fort. Und mit ihm all seine Zuschreibungen:
Abenteuer, Freiheit, Sex, Musik. Nicht einmal mehr in Rixdorf. Noch vor
knapp einem Jahr wurde die taz auf der Suche nach Kriminalität zumindest
noch im Rollbergviertel fündig. Zwischen diesen ganzen Sozialhilfeneubauten
wächst es gut, dachte man sich in der Kreuzberger Kochstraße.
Die Sozialarbeiter vom Rollberg dort haben jedoch inzwischen längst
die Koffer gepackt und in Pankow eine Beschäftigungsgesellschaft gegründet.
Ein einziger Lichtblick bleibt: Ganz am
Rande der Hasenheide, dort im westlichsten Zipfel des Bezirks, wo das gottlose
Neukölln an das etwas schickere Kreuzberg 61 stößt, plant
der Vatikan, sich mit seiner Berliner Residenz niederzulassen.
Verdammt. |