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Zeit zum Nachdenken!
Statt unreflektiert gegen das "globale
Kapital" zu agitieren, sollte die deutsche Linke endlich ihre historischen
Irrtümer überwinden.
Von Christian Stock
Eigentlich merkwürdig: Da bildet sich
ein weltweites Aktionsbündnis, das sich auf die Fahnen geschrieben
hat, durch zivilen Ungehorsam die Vorherrschaft des Kapitals auf der Welt
zu bekämpfen. Und was machen Teile der deutschen AktivistInnen, die
bei People Global Action organisiert sind? Verschreiben sich dem Lobbyismus,
beklagen den Verlust nationalstaatlicher Souveränität, sehen
deutsche Kleinbetriebe vor allem durch US-Konzerne bedroht und scheuen
sich nicht einmal, in Wort und Bild auf tendenziell antisemitische Stereotypen
über die im geheimen stattfindende "Verschwörung des Kapitals"
zurückzugreifen.
Die Entstehung einer weltweiten Protestbewegung
gegen die aktuellen Strategien von Konzernen und Freihandelsorganisationen
wie der WTO ist begrüßenswert. Wer aus der Linken - gleich ob
etabliert oder nicht - hat das je bestritten? Doch nur, weil es gegen das
"Kapital" geht, ist noch lange nicht alles richtig, was da von den AktivistInnen
an Argumenten angeführt wird. Die Linke hat - historisch betrachtet
- weltweit allergrößte Irrtümer und so manches Verbrechen
begangen. Das gilt sowohl für ihren reformistischen wie für ihren
revolutionären Flügel, und besonders gilt es für die deutsche
Linke. Diese hat beispielsweise bis zum heutigen Tag nur in Teilen aus
der Geschichte des linken Antisemitismus gelernt - sie hat ihn lediglich
in Antizionismus umgetauft und agitiert nicht mehr direkt gegen die "hinter
dem Finanzkapital stehenden Juden", sondern gegen Israel. Vor diesem Hintergrund
ist es ein Mindestanspruch an intellektuelle Redlichkeit, daß Linke
nicht nur ihre politischen Gegner kritisieren, sondern gerade auch sich
selbst. Die Zeiten der wohlwollenden linken Solidarität, die aus Angst
vor "Zersplitterung" den Mantel des Schweigens über jedes gefährliche
Ideologem legt, solange es aus den vermeintlich eigenen Reihen kommt, sind
aber leider immer noch nicht vorbei. Ob das Klagen darüber wehleidig
ist oder vielmehr hochgradig notwendig, sei dahingestellt.
Gerade bei der Agitation gegen das Multilaterale
Investitionsabkommen (MAI) werden die Akteure der Konzerne, der OECD oder
der WTO häufig dämonisiert. Auf Buhmänner wie Bill Gates
oder Renato Ruggiero wird in linkspopulistischer Manier eingeschlagen,
als seien sie das personifizierte Böse. Daß der moderne Kapitalismus
jedoch eine außerordentlich komplexe Vergesellschaftungsform ist,
in der alle Subjekte mehr oder minder stark verfangen sind, daß die
Profiteure der herrschenden Weltordnung keineswegs nur auf Seiten des "global
agierenden Kapitals" zu finden sind, sondern auch in den ach so bedrohten
"bayrischen Kleinbetrieben" und in nationalen Parlamenten, wird allzu gerne
unterschlagen bzw. gar nicht erst mitgedacht. Eine solche Kapitalismusanalyse
kann nur als undifferenziert bezeichnet werden.
Statt dessen differenzieren viele Anti-MAI-AktivistInnen,
wo dies gar nicht unbedingt nötig ist. Es macht keinen großen
Unterschied, ob Entscheidungen in der Chefetage eines Konzerns getroffen
werden oder in Parlamenten. Entscheidend ist, "was hinten raus kommt",
sprich das materielle Ergebnis der Entscheidung. Ob antiemanzipatorische
Politik durch eine "institutionelle Oligarchie" (Agnoli über den Parlamentarismus)
oder eine nichtinstitutionelle Oligarchie betrieben wird, ist so drittrangig
wie die Frage, ob deutsche oder US-amerikanische Konzerne die Spielregeln
des modernen Kapitalismus besser beherrschen. Davon abgesehen: Wann ist
es z.B. in der BRD je gelungen, die Entscheidungsträger in den Parlamenten
auf so etwas wie "Volkssouveränität" (ein im übrigen hochideologisches
Konstrukt) festzunageln? Nicht mal im Grundgesetz ist derartiges festgelegt,
die Abgeordneten sind allein ihrem "Gewissen" und damit ihren Interessen
verpflichtet.
Das chronische Festhalten vieler MAI-GegnerInnen
an Kategorien wie Parlamentarismus, Volk und Nation zeigt, daß die
Revolution vorrangig in den Köpfen stattfinden muß und nicht
auf den Straßen vor den Genfer UN-Palästen. Nationalwahn, die
Ethnisierung sozialer Konflikte, Rassismus und Patriarchat fordern bis
zum heutigen Tag mehr Opfer als der vermeintliche Hauptwiderspruch Kapital
- Arbeit. Agitation gegen das Kapital von der Agitation etwa gegen die
Nation und ihre politische Vertretung in den Parlamenten abzutrennen, reproduziert
jedoch immer wieder erneut die bestehenden Herrschaftsstrukturen. Wer auf
nationale Institutionen positiv Bezug nimmt, kann kein internationalistisches
und damit antinationales Ziel vor Augen haben.
Die Linke sollte sich nicht nachsagen lassen,
auf das intensive Überdenken der eigenen Positionen verzichtet zu
haben. Die hier stattfindende Debatte sowie die Tatsache, daß sich
in den englischsprachigen Manifesten des PGA deutlich weniger Unfug findet
wie in vielen Texten seiner deutschen AnhängerInnen, gibt jedoch Anlaß
zur Hoffnung. Es ist ja vorstellbar, daß - ebenso wie die deutsche
Konzernwirtschaft durch die heutige Verflechtung mit internationalem Kapital
gegenüber den dreißiger und vierziger Jahren vergleichsweise
zivilisiert wurde - auch die deutsche Linke aus der Zusammenarbeit mit
globalen Bewegungen etwas lernt. |