Pakistan und Indien
als Atommächte
Bombenrave in Karachi
Von Horst Pankow
In der linken Polit-Mythologie übt die Vision von auf den Straßen ausgelassen tanzenden Volksmassen bis heute eine magische Wirkung aus. Wer in diesem Zusammenhang auf die tanzenden deutschen Volksmassen der 9. November 1938 und 1989 hinweist und vielleicht noch Stichworte wie Rostock-Lichtenhagen fallenläßt, dem schlägt häufig das Mißtrauen entgegen, das angesichts der ausgelassenen Straßentänzer angebracht ist. Insofern kann man davon ausgehen, daß auch die gelungenen Innenstadtaktionen von Neu Delhi und Karachi, wie sie taz und FAZ am vergangenen Wochenende fast wortidentisch reportierten, vom Rest der Bewegungslinken nicht gerade als narzißtische Kränkungen empfunden werden.
"Es war ein Schauspiel wie in Indien vor zwei Wochen: Die Menschen strömten auf die Straße, umarmten sich, verteilten Süßigkeiten und sprachen von einem Sieg Allahs." (taz) Daß man in Indien kaum von einem Sieg Allahs gesprochen haben dürfte, verweist auch darauf, daß der Beginn der atomaren Konfrontation in Südasien von den Apologeten der internationalen Zivilgesellschaft vor allem als Stunde der Heuchler begangen wird. Gleich den bonbonverteilenden Patrioten entwickelt man beachtliche performative Qualitäten. Clinton beispielsweise brillierte mit der gelungenen Darbietung einer US-amerikanischen Antje Vollmer: "Ich kann es nicht glauben, daß wir hier das 21. Jahrhundert beginnen und auf dem indischen Subkontinent die schwersten Fehler des 20. Jahrhunderts wiederholt werden." Ob er dies mit dem kunstvoll ersterbenden Stimmchen der deutschen Profi-Betroffenen oder im gewohnt lässigen Yankee-Sound vortrug, entzieht sich unserer Kenntnis. Lebhaft nachvollziehen können wir aber das herzliche "har, har" der angesprochenen Politiker und Militärs.
Hatte nicht gerade die westliche Wertegemeinschaft mit den jetzt in Südasien kritisierten Atomwaffen den Kalten Krieg gegen das staatlich inkarnierte Böse - durch "Totrüstung" der Sowjetunion - gewonnen? War nicht in diesem Zusammenhang namentlich Pakistan bis an die Zähne mit westlichen Waffen ausgerüstet worden? Hatte nicht der wesentlich von Pakistan aus geführte Krieg des Westens gegen die SU in Afghanistan deutlich gemacht, daß den Monopolisten von Demokratie und Menschenrechten wirklich jedes Mittel recht ist, die Segnungen der Marktwirtschaft auch noch im marktwirtschaftlich uninteressantesten Teil der Welt durchzusetzen? Und war es schließlich nicht Pakistan - vermittels des westlichen Sponsoring - gelungen, auf wahrhaft postmoderne Weise ein früheres, der damaligen Weltmacht Nr. eins versagt gebliebenes Kriegsziel zu erreichen? Was den USA in Vietnam nicht vollständig gelang - das Land "in die Steinzeit zurückzubomben" - schafften die von Pakistan abhängigen Taliban in Afghanistan durch ihren Krieg gegen die nur graduell weniger barbarischen Islamisten anderer Couleur.
Das Wirken der Taliban nimmt auf gewisse Weise einen pakistanischen Atombombeneinsatz vorweg. Unter ihrer Herrschaft entwickelte sich ein derzeit größtmögliches Potential gesellschaftlicher Zerstörung.
Bombenrave ...
Weil es niemanden gibt, der an einem geregelten Verwertungsprozeß in den von den Taliban beherrschten Gebieten interessiert ist, haben sie freie Hand, ihren religiösen Wahn bis zur letzten massenmörderischen Konsequenz auszuleben. Für den Westen heißt dies unausgesprochen: Eliminierung der Überflüssigen. Diese Situation ist gleichzeitig beispielhaft für weite Teile der von der "ideologischen Konfrontation" der letzten Jahrzehnte "erlösten" Dritten Welt. Wo allgemeiner Warentausch und das Prinzip der Verwertung nur quasi "künstlich" aufrechterhalten wurden, weil ein weltpolitischer Antagonist mit einem alternativen Konzept existierte, wird Herrschaft nach dessen Kapitulation wieder ungeschminkt zu dem, was sie immer prinzipiell war: unvermittelte Herrschaft der Starken, direkte und nicht mehr durch die Illusion eines "gerechten Tausches" legitimierte Aneignung des (noch) Vorhandenen.
Mit dem Besitz der Atombombe überschreiten die pakistanischen und indischen Regimes aber die Toleranzschwelle der demokratischen Gralshüter nationaler Selbstbestimmung. Waren sie bislang von den militärischen Zuwendungen des Westens nach Maßgabe ihrer internationalen geostrategischen Nützlichkeit auf Gedeih und Verderb abhängig, so gewinnen sie nun ein eigenständiges Gewicht. Allerdings ohne strategische Bedeutung für den - zerfallenden - Westen. Und der möchte sich nach wie vor nicht die Entscheidungsgewalt darüber aus den Händen nehmen lassen, wer, wann und aus welchen Gründen "zurück in die Steinzeit gebombt" werden wird. Was im Falle Afghanistans aktuell für die Demokraten gleichgültig ist, muß es in Zukunft nicht mehr sein, wenn ein Dritte-Welt-Staat in der Lage sein wird, eigenständige nuklear-strategische Optionen zu treffen.
Die westlich-demokratische Wertegemeinschaft ist derzeit im Zerfall begriffen. Gerade im Europa unter deutscher Dominanz wird außenpolitisch mit dem homogenen, auf Massenzustimmung setzenden Modell des Islamismus geliebäugelt. Doch auch hier verspürt man das Unbehagen gegen selbstbewußte Verbündete wie Pakistan, die man lieber als Abhängige sähe. Deshalb geht man vorerst auf eine - bezüglich der islamistischen Barbarei, z.B. in Algerien, bekannte - Äquidistanz. Pakistan wie Indien werden gleichermaßen der Unverantwortlichkeit gescholten. Indien, das bereits seit 1974 Atommacht ist und vor drei Wochen provokant Atombombentests unternahm, wird in gleichem Maße für die südasiatische Krise verantwortlich gemacht wie Pakistan. Die FAZ ist sogar der Meinung, der pakistanische Staatschef habe "auf die Hindu-Bombe mit einer islamischen antworten müssen (!)". Frühere vorgebliche Beurteilungskriterien wie Demokratie und Pluralismus spielen heute für die deutsche Weltbeurteilung kaum noch eine Rolle. Ihnen zufolge würde nämlich Indien, trotz der hinduistisch-nationalistischen - und auch in den hiesigen Massenmedien als "wackelig" gekennzeichneten - Koalitionsregierung, als ein demokratisches Musterland erscheinen. Zumindest gegenüber der klerikal-militaristischen Islamischen Republik Pakistan. Doch statt auf die demokratischen Phrasen von gestern setzt man hierzulande lieber auf Realismus. "Alle acht real existierenden Nuklearmächte", deklamiert die Kommentatorin der taz zunächst - und hier wird der Deutschen der universalistische Kragen zu eng, so daß sie in Klammern aufschreit "(also auch Israel)" -, um dann selbstgewiß fortzufahren: "müssen sich jetzt der Aufgabe stellen, ein neues Regelwerk auszuhandeln." Am besten unter deutsch-europäischer Aufsicht.