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27.Mai.98 Jungle World

Danone oder die Sache des Volkes 

Libération, das einstige Kampfblatt der Linken in Frankreich, ist 25 

Am Anfang war das Wort, und das Wort ward Zeitung. Und die wiederum ist am vergangenen Freitag 25 Jahre alt geworden. Ein Vierteljahrhundert, das sie schneller hat altern lassen als andere Medien. 

Die Rede ist von Libération, dem Wort und der Zeitung. La libération, die Befreiung also, ist zum Ausgang der sechziger und Beginn der siebziger Jahre in vieler Munde: Man spricht von "Befreiung vom Imperialismus", sexueller Befreiung, befreiter Erziehung Ö Im Geist jener Jahre tun sich eine Anzahl meist junger Journalisten zusammen, um die Signale dieser Befreiungen und Befreiungskämpfe aufzufangen und in Informationen umzusetzen, in deren Verbreitung sie einen gesellschaftlichen Nutzen erkennen. 

Nach einer Aktion im Januar 1971 in einer Pariser Kirche, in der eine Reihe von Aktivisten für die inhaftierten Führer der militanten maoistischen Organisation Gauche prolétarienne hungerstreikten, beschließen sie, angeführt von Jean-Claude Vernier, die Gründung eines linksradikalen Journalistenbüros, das sich als verlängerten Arm des politischen Aktivismus begreift. Die Agence Presse Libération (APL) entsteht und wird in den nächsten Jahren von allen Fronten der Kämpfe gegen das herrschende System berichten. 

Nach zwei Jahren alimentiert die APL die gesamte etablierte Presse mit Informationen über Streiks, politische Kämpfe und staatliche Repression. Professionelle Anerkenung hat sie insbesondere gefunden, seitdem sie exklusiv über die Entführung des Renault-Personalchefs Nogrette - eine Antwort der Maoisten auf die Ermordung ihres Genossen Pierre Overney durch den Werkschutz des Automobilherstellers - berichtete. Die APL war von den Entführern laufend informiert worden. 

Die Arbeit der Agentur überzeugt Benny Lévy, Kopf der 1968 entstandenen Gauche prolétarienne (GP), die Initiative für die Gründung einer eigenen Tageszeitung zu ergreifen, die nicht von den Maoisten allein kontrolliert werden soll. Am 4. Januar 1973 wird das Projekt öffentlich vorgestellt; als intellektuellen Kopf hat man den Philosophen Jean-Paul Sartre gewinnen können. Sartre hatte bereits in den frühen Siebzigern die "intellektuelle Patenschaft" der GP-Zeitung La Cause du peuple übernommen und formell als deren Direktor fungiert, als die Publikation ins Visier der Justiz geraten war. Im Gegensatz zu damals erklärt Sartre dieses Mal allerdings, sein Amt als Chefredakteur der neuen Zeitung ausüben zu wollen. Seine Krankheit wird Sartre aber 1974 zwingen, sich zurückzuziehen. 

Bei der Pressekonferenz am 4.Januar 1973 definiert Serge July, den Benny Lévy als GP-Sympathisanten mit professionnellem journalistischem Anspruch zum Leiter des Projekts bestellt hatte, die Aufgabe der künftigen Tageszeitung Libération: "Die Objektivität, für die wir kämpfen, ist die einer Information, die unter der öffentlichen und direkten Kontrolle der Bevölkerung stehen wird." Dazu sollen die örtlichen Comités Libération dienen, die als basisdemokratische Struktur die Arbeit der Zeitung kontrollieren sollen: "Libération ist keine Zeitung, die von Journalisten für Leute gemacht wird, sondern eine, die von Leuten mit der Hilfe von Journalisten gemacht wird." 

Die chaotische und unverbindliche Funktionsweise der Komitees, die Grabenkämpfe zwischen den unterschiedlichen linksradikalen Strömungen jedoch lähmen die Effektivität der Zeitungsarbeit: Eine Nullnummer des Blattes ist von verheerender Qualität. Daraus erwächst rasch ein Gegensatz zwischen dem politisch-basisdemokratischen und dem professionell-journalistischen Anspruch, wobei Serge July, um "sein" Projekt zu retten, sich auf die Seite der Profis schlägt. Ab dem 22. Mai 1973 erscheint Libération regulär. Mitte der siebziger Jahre hat die Zeitung eine konstante Auflage von 20 000 und überlebt nur dank der Bereitschaft der Leserschaft, in ständigen Spendenkampagnen der chronischen Finanznot "ihres" Blattes abzuhelfen. Das Grundgesetz der Zeitungsarbeit lautet: Alle Mitarbeiter sind gleich und erhalten folglich das gleiche (niedrige) Gehalt. 1978 erklärt Serge July in einem Interview: "Dieses Ausgangsprinzip hat es erlaubt, im Laufe der Zeit den soldarischen Geist zu bewahren. Wenn man das zerstören und z.B. zwei Lohngruppen einführen würde, dann glaube ich, daß die Zeitung sehr bedroht wäre." 

Doch der Graben, der sich zwischen politischem und professionellem Anspruch aufgetan hat, kann nicht überbrückt werden. Im Februar 1981 (Libération hat mittlerweile eine Auflage von 35 000 Exemplaren erreicht), putscht Chefredakteur Serge July auf einer äußerst turbulenten Vollversammlung und stellt die Mitarbeiter sinngemäß vor die Alternative: "Ich oder das Chaos." Zwei Drittel der Redaktionsmitglieder gehen, drei Monate lang erscheint das Blatt überhaupt nicht mehr, bis am 10. Mai 1981 der Sozialist Fran ç ois Mitterrand zum Staatspräsidenten gewählt und eine sozialistisch-kommunistische Koalitionsregierung gebildet wird. 

Pünktlich zum Beginn der neuen Regierungsära erscheint am 13. Mai eine neue Libération, unter der Titelschlagzeile "Endlich das Abenteuer" neben dem Foto Mitterrands. Libé hängt sich an den politischen Zeitgeist und sieht sich im neuen Regierungslager stehen. Zugleich duldet die neue Libération erstmals Werbung im Blatt und eine Rubrik "Wirtschaft" - bisher als Angelegenheit der Bourgeois abgetan. Die Auflage explodiert: 1983 sind 110 000 erreicht, 1985 sind es 138 000, und auf dem Höhepunkt 1988 - dem Jahr der Wiederwahl Mitterrands - werden 192 000 Exemplare täglich erreicht. 

Mit der Enttäuschung über die Sozialisten in ihrer zweiten Regierungsperiode sinkt auch die Auflagenhöhe des Blattes, les années fric, die Jahre des "Enrichissez-vous!", des "Bereichert Euch!", sind angesagt. Ab 1988 nimmt auch Libération Abschied vom Grundsatz der gleichen Gehälter und führt eine Lohnhierarchie ein. 

Die wirtschaftliche Rezession der Jahre 1992/93 erfaßt auch Libé. Sie zieht sich von der politischen Parteinahme zurück und versucht, eine "normale" Tageszeitung zu werden. Im September 1994 erscheint eine völlig neue Libération: bunter, billiger, unterhaltsamer - ein quotidien-encyclopédie, die Tageszeitung als Lexikon, das unter jedem Stichwort schnell und scheinbar objektiv informiert. 

Die Auflage beträgt 

zu dieser Zeit 170 000, das angepeilte Ziel von 200 000 aber erreicht das Blatt nicht. Wegen der Anzeigenverluste durch die Wirtschaftskrise verringern sich die Werbeeinnahmen, 1994 und 1995 gerät das Blatt tief in die roten Zahlen. Serge July leitet daher einen neuen "Tabubruch" ein: das Fremdkapital. 

Im April 1995 öffnet Libération sein Stammkapital für einen neuen Großinvestor: die Gruppe Chargeurs / Pathé, die einen Textilkonzern sowie ein großes Medienunternehmen, Eigentümer der Kinokette Pathé-Wepler, umfaßt. Sie hält seit Januar 1996 zwei Drittel des Zeitungskapitals. Als Aufsichtsratsvorsitzender wird Antoine Riboud bestellt, der u.a. an der Spitze des Milchwarenkonzerns Danone stand und der die moderne Fraktion des französischen Kapitals verkörpert - er vertrat den Pro-Maastricht-Flügel der Wirtschaft in einer Fernsehdebatte mit dem früheren Peugeot-Chef Jacques Calvet als Gegenspieler. 

Hat Libération damit endgültig die Linie zugunsten einer pro-kapitalistischen Berichterstattung gewechselt? Keineswegs - im Gegenteil ist der Journalismus von Libération heute eindeutig frecher und engagierter als vor einem halben Jahrzehnt. Das mag vor allem darauf zurückzuführen sein, daß sich die Zeiten geändert haben: Waren die Jahre der zweiten Amtszeit Mitterrands, zwischen 1988 und 1995, jene des breiten staatstragenden Konsenses und der Entpolitisierung, so haben seit 1995 (man denke an die massiven Herbststreiks) die politischen und sozialen Konflikte massiv zugenommen. 

Bei der Bewegung gegen die Verschärfung des Ausländergesetzes von Innenminister Debré im Februar 1997 spielte Libé gar den Schrittmacher der Bewegung, indem sie täglich die neuesten Petitionen und Unterschriftenlisten für den "zivilen Ungehorsam" publizierte und so zu einem Multiplikator des Protests wurde. 

Die Präsenz privater Investoren hindert Libé nicht daran, mit dem bewegten Geist der Zeit mitzugehen: Anläßlich der Übernahme durch die Pathé-Gruppe wurde eine "Charta der Unabhängigkeit" (der Redaktion) verabschiedet, der selbst die links-satirische - und politisch radikalere -Wochenzeitung Charlie Hebdo in ihrer pressekritischen Rubrik ihren Respekt nicht versagte. So konnte Libération den Film "Show Girls", eine abgrundtief schlechte Produktion der Pathé-Gruppe, verreißen. 

Ein Kapitalinhaber in der entwickelten warenproduzierenden Gesellschaft dürfte jedoch gar kein Interesse daran haben, Zensur auszuüben, solange solche Informationen sich erfolgreich verkaufen - das wäre eine geradezu archaische Methode, Herrschaftskontrolle sicherzustellen. Der Hund liegt woanders begraben: Durch ihre Art von "engagierter" Berichterstattung betreibt Libération selbstverständlich auch ein Geschäft, indem sie eine Ware verkauft. Entscheidendes Kriterium für die (Information als) Ware aber ist ihr Marktwert: die Verkäuflichkeit einer Neuigkeit, weil sie interessant, unerwartet oder sensationell ist. Nach diesen Kriterien des Martkwerts entscheidet sich somit auch die Verbreitung des "Engagements", aus dem wiederum ein Teil des "kritischen" Sektors der Öffentlichkeit sich geistig ernährt. 

Eine Berichterstattung wie jene von Libé, die Marktwert und politisches Engagement vermengt, kann zu bestimmten Zeitpunkten eine politische, öffentliche Kritik oder Opposition alimentieren, aufbauen - bei sinkendem Markt- wert aber genauso wieder zerstören. 

Und keine Zeitung in Frankreich entscheidet heute so sehr über die Wichtigkeit oder Unwichtigkeit eines Themas wie Libération, die durch die spezifische Darbietungsform von Information - das Tagesthema, das mit der Titelschlagzeile beginnt, füllt stets mindestens die ersten vier, manchmal sechs oder gar acht Seiten - bestens dazu geeignet ist, Bedeutung zu setzen oder zu verweigern. 

Beispielhaft ist die Berichterstattung von Libération während des Arbeitslosenkonflikts zu Anfang dieses Jahres: Im Januar füllte das Thema sieben Mal das Tagesthema (durchschnittlich fünf Seiten), im Februar kein einziges Mal. Die "Medienkommission der Arbeitslosen und Prekären", die sich aus Aktivisten der Arbeitslosenbewegung, Journalisten und Wissenschaftlern gebildet hat, zählte jedoch für den Monat 160 Aktionen: Vier davon fanden in Libé Erwähnung. 

Und so konstatiert die Medienkommission: "Die Arbeitslosen waren im Februar genauso zahlreich und genauso aktiv wie im Dezember", aber die Haltung der Presse habe sich um 180 Grad gedreht. Die Behandlung der Informationen nach ihrem Marktwert - der nach sechs Wochen gesunken war und keine neue (Markt-) Qualität mehr zeigte - stand hier diametral dem Interesse eines politischen Journalismus entgegen, unter dem Libération einmal angetreten war, und der zum Ziel hätte haben müssen, den Druck auf der Regierung aufrechtzuerhalten, die kaum Zugeständnisse gemacht hatte. Auf seine Art hat sich damit der "engagierte" Journalismus als effektives gesellschaftliches Kontrollinstrument erwiesen.

  •  Bernhard Schmid, Paris 
 

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