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Jungle World 29. April 1998

Nachrichten

Antisemiten im Internet 

Auf dem Wege des Internet und anderer neuer Technologien nehmen antisemitische Propaganda und Leugnung des Holocaust weltweit zu. Das geht aus einer internationalen Studie hervor, die vergangene Woche von jüdischen Gruppen und der Tel Aviv University veröffentlicht wurde. Durch die wachsende Popularität rechtspopulistischer Parteien und antisemitischer Propaganda entstehe ein Potential für eine neue Welle von Gewalt. Die Zahl "größerer" antisemitischer Anschläge weltweit stieg 1997 von 32 im Vorjahr auf 38. Die Studie, die von der Tel Aviv-University, der Anti-Defamation-League von B'nai B'rith und dem Jüdischen Weltkongreß erstellt wurde, definiert größere Anschläge als Taten, bei denen Feuerwaffen, Messer oder Sprengstoff eingesetzt wurden oder Brandstiftung vorliegt. 

Einen eklatanten Anstieg von Gewalt gibt es in Westeuropa, wo im vergangenen Jahr 16 Vorfälle registriert wurden. 1996 waren es lediglich neun. Für Deutschland stellt die Studie einen "überraschenden und beunruhigenden Zuwachs von 15 bis 20 Prozent bei allen Typen antisemitischer Aktionen" sowie eine wachsende Akzeptanz des Rechtsextremismus fest. Am deutlichsten wurde der Trend in Ostdeutschland, wo zirka 30 Prozent der Jugendlichen rechtsextremen Ideologien nahestehen. Für die arabischen Länder verzeichnet die Studie widersprüchliche Entwicklungen. Während antisemitische Attacken und Holocaust-Revisionismus immer noch dazu dienen, jüdische Ansprüche auf Israel zu delegitimieren, fordert eine wachsende Gruppe von Schriftstellern und Intellektuellen die Anerkennung der Leiden des jüdischen Volkes als Schritt in Richtung einer friedlichen Koexistenz. 

Das Anwachsen des Antisemitismus in Europa sei Folge der öffentlichen Debatte über die Verantwortlichkeit für den Zweiten Weltkrieg und die Reparationsleistungen. "Das Benutzen moderner Kommunikationswege, um extrem antisemitische und rassistische Propaganda zu verbreiten, ist dramatisch angestiegen. Insbesondere ist hier das Internet zu nennen", so Diana Porat von der Tel Aviv-University. Die Studie besagt zudem, daß die Zahl "gemäßigt" antisemistischer Angriffe, d.h. solcher, bei denen keine Waffen benutzt wurden, im vergangenen Jahr gesunken sei, möglicherweise in Folge der wachsenden Online-Aktivitäten. Porat erklärte, das Internet sei ein praktischer und anonymer Weg, extreme Meinungen zu äußern, der vielleicht als Ersatz für physische Gewalt dienen könne. Laut Schätzungen des Jüdischen Weltkongresses gibt es heute in den USA und Kanada 200 antisemitische oder rassistische Websites. In Europa liege die Zahl bei ungefähr 100. Während Länder wie die Niederlande, Deutschland oder Dänemark mit Hilfe neuer Gesetze versuchen, den Zugang zu rassistischen Websites zu begrenzen, sehen die USA in solchen Gesetzen eine Verletzung der Meinungsfreiheit. 

Unzickig 

Die Taktik der taz-Anzeigenabteilung ist offenbar aufgegangen: Rund vier Wochen nach dem Abdruck der redaktionsintern umstrittenen Bundeswehranzeige (vgl. Jungle World, Nr. 13/98) äußerten sich Geschäftsführung und Marketingabteilung zufrieden über die Entwicklung des Anzeigengeschäfts. Zwar wurden rund 100 Abos gekündigt sowie Genossenschaftsanteile in Höhe von rund 20 000 Mark zurückgezogen - insgesamt ein Minus zwischen 60 000 und 70 000 Mark -, gleichzeitig wurden neue Werbekunden angelockt, zum Beispiel die FAZ, die eine Doppelseite für ihre "Dahinter-steckt-immer-ein-kluger-Kopf"-Kampagne buchte. Der Abdruck des Motivs mit Joseph Fischer brachte allein 35 000 Mark. Mit der Bundeswehranzeige habe die taz deutlich gemacht, daß sie ihre "Zickigkeit" (Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch) abgelegt habe. 

Nebelspalter 

123 Jahre nach seiner Gründung wird das Schweizer Satiremagazin Nebelspalter eingestellt. Im April erschien die letzte Nummer des Blattes. Profiliert hatte sich das dienstälteste Satireblatt der Welt im Zweiten Weltkrieg durch seine Attacken gegen Nazi-Deutschland. Eine ausgeprägte Feindschaft pflegten die Schweizer Satiriker auch gegen Kommunisten und Sozialisten. Zuletzt allerdings fehlte dem Nebelspalter alles, was eine Satirezeitschrift braucht - Leser, Anzeigen und Humor. 

Hoch 

Seit wenigen Tagen ist das neue Potenzmittel "Viagra" in den USA auf dem Markt und schon registrieren die amerikanischen Apotheken mehr als 40 000 Verschreibungen pro Tag. Im Unterschied zu allen bisherigen Mitteln, wie handbetriebenen Vakuumpumpen oder Spritzen, ist das Mittel unkompliziert als Pille einzunehmen - allerdings eine Stunde vor dem geplanten Sex. Während der Aktienkurs des Produzenten in den vergangenen zwei Wochen um knapp 20 Prozent erfolgreich anstieg, warnen Ärzte vor einer leichtfertigen Verschreibung: Bei gleichzeitiger Einnahme von Herzmedikamenten könne es zu schweren Komplikationen bis zum Infarkt kommen. Nach Schätzungen leiden mehr als 30 Millionen Amerikaner und zwischen sechs und zehn Millionen Deutsche unter Erektionsstörungen. 

Für George Michael III / Ende 

  •  Die Nachrichten wurden von Rehberger und Runge zusammengestellt 
 

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