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Jungle World 29. April 1998

"Wir beenden das Projekt"
Die Abschiedserklärung der Roten Armee Fraktion (RAF)

Sprung ins Off
Einfacher hätte es die RAF all den selbsternannten Terrorismusexperten, die in der vergangenen Woche wieder aus der Versenkung aufgetaucht sind, nicht machen können. Denn was ...

Gesetze und Vorsätze
Die RAF war nur eine unter vielen Begründungen für den Ausbau des Sicherheitsstaates. Von Oliver Tolmein

Das Scheitern war programmiert
Es hat nie eine revolutionäre Politk gegeben, weil es nie eine revolutionäre Situation gab.
Von Ivo Bozic

Wo war Baaders Auschwitz?  

"Die Tradition der Heydrichs und Dzierzynskis": Wie Götz Aly RAF und SS auf einen Nenner bringt.
Von Tjark Kunstreich 

Die langweiligen Kommentare zur RAF-Auflösung beweisen es: Nach 28 Jahren gibt es nichts mehr zu sagen, das nicht schon vorher einmal gesagt worden wäre - jede Distanzierung, jeder Vergleich, selbst jede Denunziation klingt zum RAF-Abschied doppelt so hohl wie zu den regelmäßigen Bekundungen von "Abscheu und Entsetzen" anläßlich vergangener Aktionen der RAF. Der Sache fehlt der Schwung, die rechte Bekenntniszwanghaftigkeit will nicht aufkommen. Einzig Götz Aly, Historiker und Experte für die NS-Bürokratie, steigt in der Berliner Zeitung richtig ein. 

"Die Rote Armee Fraktion war eine von unzähligen klandestinen Frontverbänden und Terrorcliquen, die das Zeitalter des Totalitarismus hervorgebracht hat", setzt Aly an, und das klingt doch wirklich nach der Welt, zu der Zeit, als die Bundesanwaltschaft den besten Draht ins Berliner Springerhochhaus hatte. Der gemeinsame Kern dieser Vereinigungen sei "das strikte, auf Ausmerzen und Vernichtung gerichtete Sortieren der gesamten Menschheit in Kämpfer und Feinde, Freunde und Verräter" gewesen, schreibt Aly, eben "die Praxis der SS", die sich in den Taten der "Scharfschützen und Bombenleger" der RAF nicht nur irgendwie, sondern ganz real fortsetzte: "Der Genickschuß, dessen sich Kämpfer der RAF so gerne bedienten, stellt sie in die Tradition der Heydrichs und Dzierzynskis." Spätestens hier ist deutlich, daß für Aly der RAF-Brief willkommener Anlaß ist, seine neue Sicht auf die Nazi-Zeit kundzutun, die trotz allen bisherigen Bemühungen immer noch nicht recht ins "Zeitalter des Totalitarismus" paßt. Aly meint, die Lösung für das Problem gefunden zu haben. 

Noch 1991 hatte er einen linken Historikerstreit ausgelöst, weil er zusammen mit Susanne Heim in dem Buch "Vordenker der Vernichtung" die These aufgestellt hatte, daß die "verschiedenen realisierten und darüber hinaus noch geplanten Massenmorde einen gemeinsamen utilitaristischen Nenner" hätten. Diese These von der Rationalität des Völkermords wurde massiv kritisiert, unter anderem, weil sie den Antisemitismus vollkommen ignoriert. In seinem 1995 erschienenen Buch "'Endlösung' - Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden" konvertierte Aly zur Totalitarismustheorie - die Konsequenz seiner strukturalistischen Sichtweise auf den Nationalsozialismus. 

Die Vernichtung der Juden ist für ihn nur noch Teil einer Geschichte von "Zwangsumsiedlung und 'ethnische Säuberung' in Europa zwischen 1922 und 1950. Unter besonderer Berücksichtigung der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik", so der Titel der 1995 angekündigten Studie. Schon die Jahresangaben machen deutlich, um was es hier geht; war doch, nach Auskunft des Autors, ein wesentliches Moment der Entstehung dieses Buches der Krieg im ehemaligen Jugoslawien und ganz allgemein die "Zeitenwende 1989". 

Daß es von da aus nicht mehr weit zum Geschichtsrevisionismus ist, zeigt sich im finalem Vergleich, den Aly in der Berliner Zeitung zieht: Bezugnehmend auf die (romantisierende, inhaltsleere) Aussage der RAF, "durch alle Härten und Niederlagen hindurch blieb die RAF im Gang der Geschichte unkorrumpierbar", behauptet Aly, der RAF-Brief sei die "moderne Paraphrase zu Heinrich Himmlers Posener Rede von 1943". 

Weil dieser Vergleich so dermaßen abwegig ist, lohnt ein genaueres Hinsehen. In dieser geheimen Rede vor SS-Gruppenführern bedankte sich Himmler nämlich nicht im nachhinein bei den Mördern, wie von Aly nahegelegt, sondern er baute sie auf für künftige Taten; die Rede beinhaltet nicht Abschied und Auflösung, sondern unter anderem die Ankündigung eines weiteren Verbrechens: "Himmler kündigte mit dieser Rede auch die 'Aktion Erntefest' an. 'Aktion Erntefest' war das zynische Codewort, unter dem am 3. November 1943 alle großenteils zu Zwangsarbeit eingesetzten jüdischen Häftlinge der Lager Majdanek, Trawniki und Poniatowa erschossen wurden: insgesamt 42 000 Menschen." Das wußte Aly noch in "Vordenker der Vernichtung". 

Um RAF und SS auf einen utilitaristischen Nenner zu bringen, benutzt Aly die Himmler-Rede als Steinbruch tieferer Erkenntnis. Himmler versicherte seinen Untergebenen, so Aly, "sie seien trotz der Schwere ihrer Aufgabe 'sauber geblieben'". 

Himmler hat, laut Raoul Hilberg ("Die Vernichtung der europäischen Juden"), folgendes gesagt: "Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1 000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte ..." In "Vordenker der Vernichtung" wird noch darauf verwiesen, daß die Rede vor allem die Funktion gehabt habe, die Täter zum Schweigen zu verpflichten. Ob Himmler nun "anständig" oder "sauber" gesagt hat - im Gesamtzusammenhang der Rede meinte er offensichtlich jede Form von "Humanitätsduselei". 

Aber wo die Massengräber der RAF sind, wo Baaders Auschwitz war und wo das Babij Yar des Kommando Holger Meins, wo die Volksgemeinschaft war, die den RAF-Terror getragen und unterstützt hat, verrät Alys Beweisführung nicht. Indem Aly die RAF mit der SS gleichsetzt, minimiert er die Verbrechen der Nazis zu "Terrorismus", adelt die SS zur revolutionären Minderheit und bläst die RAF zur sich "blutrünstig (!) wiederholende Farce blutiger (!!) Erweckungsphantasien des zwanzigsten Jahrhunderts" auf - ein doppelter Nolte vorwärts. 

Nolte hatte in Auschwitz die "asiatische Tat" wiedererkannt und meinte die sowjetischen Lager, er setzte Auschwitz und den Stalinschen "Klassenmord" an den Kulaken gleich. Nun erkennt Aly - nachdem er zuvor in Auschwitz selbst den "Klassenmord" an den verarmten osteuropäischen Völkern verortet hat, der sich quasi von selbst aus den "selbstgeschaffenen 'Sachzwängen'" (Aly in "Endlösung") der Nazis ergab - in den Taten der RAF die nationalsozialistische Tat wieder. Heraus kommt dasselbe. 


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