| Jungle World | 29. April 1998 |
NachrichtenDosenbier-Hausse in DeutschlandStatt zur Flasche greifen die verarmenden deutschen Biertrinker zunehmend zur Dose. In diesem Jahr wird nach Einschätzung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) jedes fünfte Bier in der Dose verkauft werden. Schon zum Jahreswechsel waren 19 Prozent der im Handel verkauften Biere in Blech abgefüllt, mehr als jemals zuvor in Deutschland. In den bevorstehenden Sommermonaten werde wohl die "20-Prozent-Schallmauer" erreicht. Ursache für den Trend zur Bierdose sind nach Ansicht der GfK Veränderungen in der Handelsstruktur. Vor allem die Discounter setzten in erster Linie auf Blech statt Glas. Gleichzeitig sähen die Verbraucher wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation genauer auf die Preise. Im Grünen-Wahlprogramm fehlt bisher eine Reaktion auf diese besorgniserregende ökologische Entwicklung. Arbeit lohnt sich nicht Wer geht schon gern zum Sozialamt? Auf jeden Fall nicht 2,8 Millionen Menschen, die 1995 in "verdeckter Armut" lebten. Diese Personen könnten aufgrund ihres Einkommens Sozialhilfe beanspruchen, machen diesen Anspruch aber nicht geltend. Die Zahl wurde vom Institut für Sozialberichterstattung und Lebenslagenforschung in Frankfurt / Main in einer Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgestellt. Derzeit beziehen 2,7 Millionen Menschen Sozialhilfe. Die Einkommen der Haushalte, die von versteckter Armut betroffen sind, lagen nach Angaben der Sozialforscher durchschnittlich 18,4 Prozent unter den Sozialhilfesätzen. Besonders häufig sind davon Haushalte mit fünf und mehr Personen sowie Alleinerziehende betroffen. Die Armutsquote ist bei Ausländern doppelt so hoch wie bei Deutschen. Selbst wer Arbeit hat, ist nicht vor Armut sicher: Rund 900 000 erwerbstätigen Personen leben unter der Armutsgrenze. Gemeinsam mit den Sozialhilfeempfängern, die zu gemeinnütziger Arbeit gezwungen sind, gehören sie zur wachsenden Gruppe der "working poor". Der Sozialetat dürfte damit pro Jahr mehrere Milliarden Mark einsparen. Damit es noch mehr werden, hat Bayern vergangene Woche im Bundesrat eine Initiative gegen den Sozialmißbrauch gestartet. Behörden sollen demnach auch ohne Anfangsverdacht die finanzielle Verhältnisse von Sozialhilfeempfängern nachfragen können. Unverheiratete Paare müßten nachweisen, daß sie sich nicht gegenseitig finanziell unterstützen. Ab in die zweite Liga Deutschland fällt im Vergleich mit anderen Industrienationen bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zurück. Das geht aus einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung hervor. Demnach belegt die Bundesrepublik im Vergleich mit den 20 wichtigsten Industrieländern nur noch den neunten Rang. Spitzenreiter beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ist der Studie zufolge Japan vor der Schweiz, Norwegen und Österreich. Auf den letzten Plätzen rangieren Italien, Finnland und Spanien. Als bedeutendste Versäumnisse der deutschen Politik prangern die Autoren zu hohe Steuern und Abgaben, zu geringe Investitionen und die niedrige Teilzeitarbeitsrate an. Die aktive Arbeitsmarktpolitik in Deutschland sei miserabel. Die Langzeitarbeitslosigkeit sei so hoch wie in keinem anderen Land. Fast jeder zweite Arbeitslose warte länger als ein Jahr auf einen neuen Job. EU-Ziel verfehlt Die Bundesregierung steckt in der Klemme: Einerseits will sie nicht mehr für Beschäftigungsprogramme ausgeben, andererseits gilt Investoren die hohe Arbeitslosigkeit als Nachteil. Und die einzige Chance, die Bundestagswahl zu gewinnen, dürfte eine Trendwende am Arbeitsmarkt sein. Der Aktionsplan der Bundesregierung wird über zusätzliche ABM-Stellen allerdings höchstens 100 000 Arbeitsplätze schaffen; die Eingliederung Langzeitarbeitsloser über Lohnzuschüsse vielleicht nochmal ebensoviele. Im Vergleich zu Italien und Frankreich mit jeweils 600 000 neuen Stellen ist das wieder nur zweite Liga. Auch von der zentralen Vorgabe der EU, innerhalb von sechs Monaten allen arbeitslosen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz anbieten zu können, ist die Bundesregierung weit entfernt. Mehr als 125 000 Jugendliche sind bereits seit mehr als sechs Monaten arbeitslos. Konkrete Zielvorgaben im Programm der Bundesregierung fehlen, sie will es bei Appellen an die Unternehmen belassen. Insgesamt sollen über staatliche Finanzierung 25 000 neue Lehrstellen geschaffen werden. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt derzeit bei 500 000. Japan stürzt sich in Schulden Premier Hashimoto hat Details des größten Wirtschaftsprogramms in der Geschichte Japans bekanntgegeben. Demnach sind 1998 und 1999 umgerechnet 232 Milliarden Mark zur Belebung der Konjunktur vorgesehen. Besonders der stagnierende Konsum der Privathaushalte will die Regierung durch eine Senkung der Einkommenssteuer um 56 Milliarden Mark ankurbeln. Mit 168 Milliarden Mark fließt der größte Teil des Programms in neue Infrastrukturprojekte, die die Bauindustrie mit ihren zehn Millionen Beschäftigten stärken soll. 21 Milliarden Mark wandern in den Ausbau von Kommunikationssystemen: Japans Schulen sollen bis zum Jahr 2005 an ein Netz von Glasfaserkabeln angeschlossen, jeder Grundschüler mit einem PC ausgestattet werden. Die Verschuldung des japanischen Staates wird damit auf zunächst sieben, 1999 dann zehn Prozent des BIP steigen. Die Sanierung des Staatshaushaltes wurde um zwei Jahre verschoben. Die Industriestaaten hatten Japan massiv gedrängt, ein Konjunkturprogramm vorzulegen. Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat Japan für dieses Jahr einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent vorausgesagt. Arbeitslos in Asien Infolge der Finanz-Krise hat sich die Arbeitslosigkeit in Ostasien ungefähr verdoppelt. In Südkorea hat sich die Rate innerhalb eines Jahres sogar mit nun 6,7 Prozent fast verdreifacht, bis zum Jahresende wird ein Anstieg auf zehn Prozent erwartet. In China sind, ebenso wie in Indonesien, offiziell zehn statt bisher fünf Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung arbeitslos. Die offiziellen Zahlen spiegeln jedoch nur einen Teil der Misere wider; viele Arbeitslose melden sich nicht, da es so gut wie keine staatlichen Sozialleistungen gibt. Gleichzeitig wird das BIP in Indonesien dieses Jahr voraussichtlich um zehn Prozent, in Südkorea und Thailand um vier Prozent fallen. Als Reaktion wurden in Malaysia und Thailand ausländische Arbeiter entlassen und in ihre Heimatländer zurückgeschickt. In Indonesien werden arbeitslose frühere Bauern gezwungen, aufs Land zurückzukehren.
|
|