| Jungle World | 15. April 1998 |
NachrichtenFlüchtigZum Einkaufen braucht man Geld. Geld bekommt man für Arbeit. Hat man keine Arbeit, dann hat man für gewöhnlich kein Geld und kann folgerichtig auch nicht einkaufen, schon gar nicht in Berlins Nobel-Kaufhaus KaDeWe. Das weiß auch Christoph Schlingensief. Trotzdem ist er mehrmals hingegangen, zusammen mit Arbeitslosen und Sympathisanten seiner Partei. Um zu provozieren trugen die rund 50 Aktivisten "Chance 2000"-T-Shirts und Buttons, kauften aber nichts. Letzte Woche hatte die Geschäftsleitung dann genug und rief die Polizei, die die Aktivisten im Hauseingang umzingelte und ihre Personalien aufnahm. Außerdem bekamen sie Hausverbot. Schlingensief selbst gelang die Flucht. Popsa! Nach ausdauernden Verhandlungen um Finanzierung und Frequenzen sollen noch in diesem Jahr die Menschen zwischen Petersburg und Wladiwostok in den Genuß eines eigenen MTV-Ablegers kommen. Das 24-Stunden-Programm soll in russischer Sprache gesendet werden, neben den allseits beliebten internationalen Interpreten werden auch russische präsentiert. Der Sendestart reiht sich ein in die Regionalisierungs-Offensive des Musiksenders, in deren Rahmen nach MTV-Germany im Sommer auch MTV-Scandinavia auf Sendung geht. Stuhl bleibt leer An der Harvard-Universität wird nicht, wie geplant, ein eigener Lehrstuhl für Holocaust-Studien eingerichtet, da sich der Berufungsauschuß der Hochschule nicht über die personelle Besetzung einigen konnte. Favorit des Sponsors, der 1,8 Millionen Mark für die Einrichtung der Helen-Zelaznik-Professur für Holocaust-Studien zur Verfügung gestellt hatte, war der Historiker Daniel Goldhagen. Jetzt geht das Geld an die Medizinische Fakultät der Hochschule. Neues vom Castor Der eine Erweiterungsaspekt der aktuellen Castor-Konjunktur immerhin wäre, scharf nachzufragen, in welchem ästhetisch-virtuellen Stahlgewitter um Gottes Willen augenblicklich Frank Castorf herumturnt. Andererseits stehen schon seit Ende 1997 bombenfest und trichtersicher zu Frankfurt am Main zwei neuerliche bauliche Mahnmale des schwärenden Architekturunfugs, die ungleichen Zwillingstürme Kastor und Pollux; und dies just des kapitalistischen Handlungswillen wegen, nämlich dann, wenn der Bedarf an Büroflächen und Repräsentationsobjekten schön zielstrebig weiter nach unten rutscht, halt aus Trotz und purer Beharrungslust gebäudlich nachzulegen. Am Abzweig Hemmerichsweg / Güterplatz und auf dem eigens geschaffenen, nicht aber öffentlich zu beparkenden Platz der Einheit ("Zur Erinnerung an die deutsche Wiedervereinigung und im Geiste eines einigen Europa") gammelt das eher von phallischer Symbolik abrückende und in die träge Breite gewuchtete Hochhausgespann ziemlich ungenutzt vor sich hin; der 34-Geschosser Pollux steigt ebenso grau-grämlich und uninspiriert glasverspiegelt in die Höhe wie der etwa 25 weiterhin leere Etagen offerierende Kastor-Klotz. Zwischen dem fast deprimierend diadochisch-dummen Doppelpack reißen beliebige marmorverkleidete Gräben und anthrazitfarbene Gruben auf, als wolle sich das Kapital doch selbst mal vor Augen führen, daß ihm partout nichts mehr einfalle und das ja auch so schlecht nicht sei. Jedenfalls ziert die Agora des via Fahnen annoncierten "Forums Frankfurt am Main" (was das nun soll, bleibt ungeklärt) obendrein eine schon sehr gewitzt sinnbildliche und zweiteilige Lichtstreifenskulptur, die uns rote und violette Illuminationen inszenieren möchte. Das wiederum düfte die benachbarte und immer großartiger auftrumpfende Messe Frankfurt wurmen; während einen doch zumal auf Kastors ebenerdiger Etage die Vergeblichkeit der Welt regelrecht angähnt - nicht ein Firmenschild zu sehen. Apropos: Seit dem 16. Februar ist eine neue Schlüsselordnung am linken Kastor-Tor in Kraft. Wir bitten um Beachtung. Kunzelmann II Als aber der Sabbat um und der erste Tag der Woche angebrochen war, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen. / Und siehe, es geschah kein großes Erdbeben. Und der Engel des Herrn kam nicht vom Himmel herab und wälzte den Stein ab und setzte sich darauf. / Die Hüter aber waren voller Freude und sprachen zu den Frauen: Fürchtet euch! Wir wissen, daß ihr Jesus, den Gekreuzigten, suchet. / Er ist nicht auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und sehet die Stätte, da er liegt; / und gehet eilend hin und sagt es seinen Jüngern, daß er nicht auferstanden ist von den Toten. / Und sie gingen eilend vom Grabe mit Furcht und großem Schrecken und liefen, daß sie es seinen Jüngern verkündigten. ( Matthäus 28 nach Dieter Kunzelmann)
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