| Jungle World | 15. April 1998 |
|
Frau ohne Fahrrad
Der islamische Feminismus kann die Macht der Mullahs nicht in Frage stellen Kann es einen islamischen Feminismus geben?
Aysches Gesichter
|
Kritik am Kritischen DialogInterview mit Eva Quistorp, Mitbegründerin der Grünen und von 1989 bis 1994 Abgeordnete im Europaparlament für Bündnis 90 / Die GrünenDas Mykonos-Attentat war nur ein Beispiel für die terroristischen Aktivitäten der Mullahs. Was wollen die Grünen gegen den iranischen Staatsterrorismus unternehmen? Zuerst ist die europäische Politik gefragt. Sie müßte die Wirtschaftsbeziehungen mit Ländern wie dem Iran an Menschenrechtskriterien orientieren, was aber nur sehr begrenzt der Fall ist. Das Mykonos-Attentat hat kurzfristig ein Nachdenken ausgelöst - wie die Fatwa gegen Salman Rushdie. Aber Mykonos ist kein Einzelfall des iranischen Staatsterrorismus, sondern fügt sich ein in eine Reihe von Menschenrechtsverletzungen und in eine antidemokratische Politik. Als Partei haben wir Rüstungsexporte, auch verdeckte, und die Lieferung ziviler Atomtechnologie, die eine Mithilfe zum Bau von Atombomben sein kann, kritisiert. Wir haben das iranische Regime im Europaparlament zum Thema gemacht ... ... und den Kritischen Dialog kritisiert. Wie könnte eine Auseinandersetzung denn überhaupt aussehen? Ein kritischer Dialog ist ein Ansatz zur Konfliktlösung und muß mit verschiedenen Kräften geführt werden. Es muß aber geklärt werden, wer die Partner sind und welches Ziel verfolgt wird. Mit dem Iran, wo Folterungen und der Ausschluß von Frauen aus der Öffentlichkeit akzeptiert werden, kann das nicht stattfinden. Die Verfechter des Kritischen Dialogs suchen nach kleinen Schritten der Liberalisierung in Teilbereichen, die dann so ausgeleuchtet werden, als wären sie Ansätze einer Reformierung. Dialog wäre mit verschiedenen Oppositionellen und Immigranten angebracht gewesen, mit denjenigen, die für einen kritischen und aufgeklärten Islam eintreten. Würden Sie Friedenspolitik mit Diktaturen machen? Das setzte die Einstellung aller Rüstungsexporte in den Iran wie in den Irak seitens Europa, der USA, Rußlands, Chinas und Südafrikas voraus. Ich glaube nicht, daß Appeasementpolitik den Weltfrieden fördert. Als feministische und protestantische Theologin reihe ich mich in kritische Traditionen ein. Der Protestantismus war eine Kritik gegen das feudale Papsttum. Die Tradition meiner Theologie bezieht sich aber auch auf die Kritik am Verhalten des Christentums gegenüber seinen Häretikern und Minderheiten. Ich sehe nicht ein, warum ich in einen Dialog mit Vertretern des Islam treten soll, die keinen selbstkritischen Blick auf inquisitorische, autoritäre und repressive Tendenzen haben. Man kann nur zu einem Dialog kommen, wenn der mit Selbstkritik verbunden ist. Die meisten Kulturen sind vom Patriarchat und von autoritären Strukturen geprägt, jede Kultur muß zur Entwicklung von Pluralität und Demokratie im eigenen Bereich und zur Selbstkritik fähig sein. Wie fällt die bei Ihnen aus? Ich habe 1967 beim ersten Teach-in über den Iran teilgenommen und an der Demonstration anläßlich des Schahbesuchs. Aber ich litt auch an einer gewissen antiimperialistische Blindheit. Noch 1979 war ich wegen der Kritik, die ich am Schahregime hatte, und wegen meiner Begeisterung für den Umsturz blind für diese Revolution, bei der der Schleier eingesetzt wurde, um eine Ablehnung der westlichen Politik zu demonstrieren. Ich dachte, daß sich hinter den Schleiern eigene kulturelle Traditionen verbergen, daß dieser Barbie-Puppen-Kulturimperialismus nicht das einzige Frauenbild sein könnte. Inzwischen wissen wir, daß die Politik des Schleiers mit Steinigung, Folterung und Unterdrückung von Frauen einhergeht. Gibt es in der Frauenbewegung eine einstimmige Position zu islamischen Frauen? Es hat sich eine Lobby der Frauenbewegung herausgebildet, die gelernt hat, miteinander zu streiten und größere Gleichberechtigung unterschiedlicher Frauenbewegungen zuzulassen. Durch die Konflikte ist die internationale Frauenbewegung gegangen und ein Teil hat jetzt das Gefühl, daß unsere gemeinsamen Kämpfe von einer bestimmten Art der Islam-Diskussion hintergangen werden. Unter dem Motto "Bloß kein Feindbild Islam aufbauen" werden Menschen- und Frauenrechte vernachlässigt. Sowenig ich möchte, daß es ein Feindbild Islam gibt, will ich aber auch kein Feindbild Frauen- und Demokratiebewegung. Hat die westliche Linke Angst, die positiven Elemente ihrer politischen Kultur zu verteidigen? In der Bundesrepublik findet eine Debatte über den Islam statt, die von den grauenvollen Entwicklungen im Iran absieht. Es wird nicht genau hingesehen, ob es wirklich ein Dialog ist, bei dem gleichzeitig die Universalität von Frauenrechten und die von Menschenrechten gewährleistet wird. Es wird nicht gefragt, ob es ein demokratischer und frauenfreundlicher Islam oder ob es die Ausformung des Islam ist, die es im Sudan, in Afghanistan, im Iran in einer systematischen und in Algerien in einer mörderischen Form gibt. Das kann als eine als Religionspolitik getarnte Form der Degradierung von Frauen charakterisiert werden. Wie würden Sie die deutsche Außenpolitik in ihrem Verhältnis zum iranischen Staatsterrorismus charakterisieren? Sie ist von politischem und wirtschaftlichem Opportunismus geprägt, der zu einer halbherzigen und teilweise auch heuchlerischen Menschenrechtspolitik wird. Für die Wirtschaft ist der Stellenwert der Öl-Politik und der Abhängigkeit der Industrieländer von größter Relevanz. Stimmige Menschenrechts- und Frauenpolitik gegenüber Iran und Irak ist nur möglich, wenn die Ölpolitik transparent gemacht und verändert wird. Die Iran-Politik ist auch vom internationalen Wettlauf zwischen den USA, Frankreich, Rußland, China und Deutschland um Wirtschaftsbeziehungen geprägt. Von einzelnen Regierungsmitgliedern gibt es das Bemühen, Verbesserungen im Bereich der Menschenrechte zu erreichen. Dies steht aber in einem Mißverhältnis zu den Menschenrechtsverletzungen und den minimalen Bedingungen für demokratische Entwicklungen. In Deutschland wird die Diskriminierung von Frauen nicht als Fluchtgrund anerkannt. Was tun? Die Grünen treten seit langem dafür ein, daß Sexismus und Gewalt gegen Frauen als Fluchtursache und Asylgrund anerkannt werden. Das durchzusetzen wäre für mich einer der Gründe, warum die Grünen sich an einer neuen Regierung beteiligen sollten. |
|