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Jungle World 15. April 1998
Frau ohne Fahrrad
Der islamische Feminismus kann die Macht der Mullahs nicht in Frage stellen

Kann es einen islamischen Feminismus geben?

Das islamische Recht im Iran

Aysches Gesichter 

Interview mit der Soziologin und Schriftstellerin Shala Shafig 

Wie ist der Begriff "islamischer Feminismus" entstanden? 

Das Phänomen der Bewegung islamischer Frauen, das als islamischer Feminismus bekannt geworden ist, wurde zunächst in europäischen und US-amerikanischen Universitäten und in den Medien diskutiert. Daraufhin wurden die islamischen Frauen von westlichen Intellektuellen als "islamische Feministinnen" bezeichnet. 

Kann der Islam im 20. Jahrhundert auf die Emanzipationsforderungen der Frauen eine Antwort geben? 

Wir müssen den Islam vor allem historisch betrachten. Er ist im siebten Jahrhundert mit einer patriarchalischen Ordnung entstanden. In der neueren Geschichte gab es zwei Revolutionen: die konstitutionelle von 1905 und die islamische 1979. Nun muß man sich beispielsweise fragen, warum der Schleier, der in der konstitutionellen Revolution ein negatives Symbol war, plötzlich in der islamischen zum Symbol der Befreiung wurde. 

Als der Vater des Schahs den Frauen zwangsweise die Schleier entriß, erzeugte dies sehr viel Haß bei den gläubigen Frauen. 

Während der Schahzeit sind einige Reformen durchgeführt worden, und einige Frauen, vor allem aus der Mittelschicht, konnten tatsächlich das Haus verlassen. Gleichzeitig wurden jedoch die sozialen und politischen Bewegungen unterdrückt. Progressive Ansätze, die Träger emanzipatorischer Reformen hätten werden könnten, wurden zerschlagen. Daraus entwickelte sich wiederum eine antiwestliche Haltung, die den Westen auf den Imperialismus reduzierte. In der Folge wurde die Suche nach einer eigenen islamischen Frauen-Identität immer intensiver. Die moderne Frau hingegen wurde zum Angriffspunkt. 

Manche behaupten, daß die Diskussion um die Identitätsfrage getrennt von der Frage der staatlichen Gesetzgebung geführt werden müßte. 

Die moslemische Frauenrechtlerin Fatima Mernissi aus Algerien beispielsweise verteidigt nie das islamische Gesetz. Sie vermischt die Frage nach der Identität nicht mit dem islamischen Gesetz, sondern bezieht sich auf die Geschichte ihres Landes. Sie vermittelt ein revolutionäres Gesicht von Aysche, der Frau von Mohammad, und erzeugt ein anderes Gesicht der islamischen Frau. Aber wenn es um staatliche Gesetze geht, verlangt sie eine säkulare Gesetzgebung. 

Also gibt es völlig unterschiedliche Akzentsetzungen in den Diskussionen der muslimischen Frauen. 

In der islamischen Welt gibt es zwei Diskussionen. Während die einen rein islamistisch argumentieren, sagen die anderen, das Gesetz müsse säkular gestaltet sein, die Menschen könnten aber ihre Identität in der Geschichte wiederfinden. Die Frauen müßten demnach also trotz Säkularismus nicht wie eine westliche Frau denken. Im Iran ist die Herrschaft der Rechtsgelehrten das Problem. Die Geistlichkeit sagt, Islam und Gesetz seien eins. Also muß die Frau, die von sich behauptet, eine islamische Identität zu haben, sich dem herrschenden Islam und der herrschenden Gesetzgebung unterordnen. 

Nach der Wahl des Staatspräsidenten Khatami gewinnen die islamischen Frauenzeitschriften an Bedeutung. Was kann dort diskutiert werden? 

Die Frauen versuchen, in diesen Zeitschriften neue Interpretationen des Islam zu liefern. Aber die Ayatollahs weisen sie in ihre Schranken. Nach den Mullahs dürfen nur jene geistlichen Instanzen, die Männern vorbehalten sind, die religiösen Gesetze interpretieren. Die Frauen können also vieles diskutieren, in neuen Gesetzen wird sich das aber nicht niederschlagen. 

Wie schätzen Sie das Problem der Zeit- und Vielehe ein? 

Die Geistlichkeit konnte auch in der Schahzeit intervenieren und hatte in Sachen Gesetzgebung ein Vetorecht. Damals war es nur nicht besonders angesehen, wenn ein Mann vier Frauen heiratete. In der Islamischen Republik gibt es aber keine moralischen Bedenken gegenüber der Polygamie. 

Auch Rechtsanwältinnen, die im Iran dieses Thema diskutieren, kommen nicht weiter, weil die Gesetze zu rückschrittlich sind. Ich habe mit islamischen Soziologinnen Probleme, die behaupten, viele Männer könnten sowieso aus finanziellen Problemen keine vier Frauen heiraten, also was soll's. Zudem würden ohnehin im Verhältnis zur Einwohnerzahl gar nicht so viele Menschen gesteinigt. Tatsächlich hängt die Drohung über allen Frauen, allein weil Vielehen und Steinigungen gesetzlich möglich sind. 

Dabei sollte es die Weltöffentlichkeit entsetzen, wenn auch nur eine einzige Frau gesteinigt wird. Es ist zudem ein psychologisches Problem: Vielehen und Steinigungen erzeugen eine gesellschaftliche Stimmung gegen Frauen. 

Es gibt iranische Journalistinnen, die die Sexualität im Islam als fortschrittlich bezeichnen. Sie zitieren Rafsandjani, der die Institution der Zeitehe gerade für Jugendliche als nützlich bezeichnete, um später eine Dauerehe einzugehen. Tatsächlich können neunjährige Mädchen verheiratet werden. 

Die Menschen werden zu Lügnern erzogen. Sie sollen beispielsweise eine Zeitehe eingehen, die von einem Mullah abgesegnet werden muß, statt ohne Einmischung von religiöser Seite erzogen zu werden. Jede Abweichung von diesen Normen muß folglich versteckt werden. Zudem sind Zeitehen eine Form der legalen Prostitution - wenn sie beispielsweise für zwei Stunden eingegangen werden. Die Kontrolle über die private Sphäre reicht aber noch weiter: So sollen Kinder ihre Eltern danach ausspionieren, ob sie Alkohol trinken. 


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