| Jungle World | 15. April 1998 |
|
Frau ohne Fahrrad
Der islamische Feminismus kann die Macht der Mullahs nicht in Frage stellen Aysches Gesichter
|
Kann es einen islamischen Feminismus geben?Die Kulturrelativistinnen behaupten, die weltweiten Forderungen der Frauenbewegung seien vom Westen diktiert. Eine Widerrede von Shahrzad Modjab Nach dem Scheitern der Revolution im Iran flohen viele iranische Frauen vor dem Terror ins Ausland. Schon in den ersten Jahren nach der Revolution gab es Differenzen unter uns in der Beurteilung der frauenfeindlichen Politik im Iran. Aber nur selten hörte man die Meinung, die geschlechtsspezifische Apartheid und die massive Unterdrückung der Frauen seitens des Regimes sei nicht abzulehnen. In den letzten Jahren jedoch ist diese Einmütigkeit verschwunden. Heute stellen viele iranische Feministinnen den Widerstand gegen die Islamische Republik in Fage. Sie bezeichnen den Dialog mit dem Regime als einen Schritt zur Befreiung der iranischen Frauen. Die Differenzen an diesem Punkt sind sehr groß, und sie treten nicht nur innerhalb der iranischen Frauenbewegung auf. Ein Beispiel ist die Debatte zwischen Patricia Higgens und Kate Millet. Millet schreibt, daß trotz nationaler Unterschiede das Patriarchat ein internationales Phänomen ist und die Frauenbewegung eine internationale Bewegung. Deswegen plädiert sie dafür, daß die Frauenbewegung weltweit Mindestforderungen stellt, etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Erziehung und bei der Arbeit. Higgens kritisiert nun, daß dies westliche Forderungen seien, die von den iranischen Frauen und den Frauen des Trikont gar nicht unterstützt würden. Nach Higgens kennt Millet nur Intellektuelle, aber nicht die Mehrheit der iranischen Frauen, die den unteren Schichten angehören und den Schleier gerne tragen. Higgens propagiert also eine grundsätzliche Andersartigkeit der westlichen und der orientalischen Frau. Aber beide Feministinnen glauben, daß die Frauenforschung auf empirischer Grundlage vor Ort durchgeführt werden muß. Beide sagen, daß praktische Erfahrungen die Grundlage der Forschung sein müssen. Sie verneinen die Bedeutung einer theoretischen Auseinandersetzung. Ein Problem dieser positivistischen Sicht ist die Trennung des objektiven vom wahrnehmenden Faktor. Ohne Informationen und Zeugen können wir zwar kaum Erkenntnis über die Lage der Frauen im Iran gewinnen. Jedoch gehen wir beim Sammeln der Fakten, der Zeugen und der Zeugnisse auf der Grundlage unserer geistigen, gedanklichen und ideologischen Präferenzen vor. Alle unsere Erfahrungen finden auf der Grundlage unserer Wahrnehmung statt, beeinflußt von unseren politischen, ideologischen, geschlechtsspezifischen, klassenmäßigen, kulturellen und sprachlichen Kompetenzen. Ein Beispiel: Wenn wir alle den Stein, den sie gegen den Körper einer Frau werfen, auf unserem eigenen Körper spüren, werden wir zu einer anderen geistigen Haltung bewegt als der Mullah, der sich mit jedem Stein, den er wirft, Gott und dem Paradies anzunähern glaubt. Während der Positivismus zu Beginn der Industrialisierung eine fortschrittliche Rolle gegenüber dem Aberglauben der Kirche und der Religion in Europa gespielt hat, wird er heute zum Instrument der Verteidigung der Ketten, mit denen das islamische Gesetz und der Aberglaube die iranischen Frauen fesseln. Jedenfalls glauben die Kulturrelativistinnen, die Erfahrungen der iranischen Exilantinnen seien nicht ausreichend. Daher akzeptieren sie diese Meinung und Forschung nicht, obwohl dasselbe täglich via Internet in vielen iranischen Zeitungen zu lesen ist. Die positivistischen Kulturrelativistinnen forschen aber auch nicht selbst über die Situation der politischen und nicht-politischen Gefangenen im Iran. Die staatlichen Instanzen würden es ihnen allerdings auch keinen Moment erlauben, Feldforschung in den Gefängnissen zu unternehmen. Kritik an gesellschaftlichen Repressionen bleibt für die islamischen Feministinnen ein Tabu. Anstatt die islamische Republik anzugreifen, verurteilen sie die kritischen Forscherinnen. Während der aufklärende Feminismus ein wichtiger Faktor bei der Veränderung der patriarchalen Ordnung geworden ist, bemühen sich manche akademischen Feministinnen, die Frauenbewegung innerhalb der kulturellen und nationalen Grenzen zu halten, was im Ergebnis die Festigung und Stärkung der Frauenfeindlichkeit der islamischen Ordnung bedeutet. Warum ermutigen postmoderne Theoretikerinnen iranische Frauen, die reaktionärsten und traditionalistischsten Kreise zu unterstützen? Sie kritisieren den ökonomischen Determinismus des Marxismus und verleugnen ihren eigenen sprachlichen Determinismus des Islam. Damit liefern sie die Frauen einer religiösen Minderheit, den Mullahs im Iran, aus. Die Islamische Republik Iran hat es mit all ihren repressiven Organen jedoch nicht geschafft, alle iranischen Frauen zum Schweigen zu bringen. Aber die heutigen Postmodernistinnen versuchen mit den rückschrittlichsten theoretischen Methoden, die iranische Frauenbewegung in den Rahmen der Gesetzgebung zu zwingen. Das heißt in die herrschende Ordnung des Velayate Fagih, der Statthalterschaft der Geistlichkeit. Die feministische Wissenschaft kritisiert heute die kapitalistische Ordnung und die Gesetzgebung, die den Widerspruch der Geschlechter, der Klassen, der Kulturen, der Ethnien und der Rassen aufrechterhält. Feministinnen glauben, daß das herrschende Rechtssystem und die Grundlagen des Staates patriarchalisch sind. Kann etwa die Freiheit der Frauen durch die Reformierung der Gesetze gewährleistet werden, obwohl diese ein Teil der staatlichen Institutionen sind? Ist etwa die Gesetzgebung getrennt von der herrschenden Klasse, der Ideologie und der Politik zu betrachten? Wenn wir sogar die Gesetze der westlichen Demokratien als patriarchalisch bezeichnen, dann müssen wir die iranischen Gesetze als frauenfeindlich betrachten. Sogar in den westlichen Demokratien, wo gewählte Volksvertreter in den Parlamenten sitzen, wo das bürgerliche Gesetz herrscht, werden die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern, zwischen Schwarzen und Weißen, zwischen Immigranten und Einheimischen von Feministinnen kritisiert. Die Unterdrückung der Frauen ist in der patriarchalischen und kapitalistischen Ordnung verankert, und allein mit der Gesetzgebung können die herrschenden Ungleichheiten nicht beseitigt werden. Das bedeutet: Die genannten Ungleichheiten gehören als untrennbarer Bestandteil zur bürgerlichen Gesellschaft. Die bürgerliche Gesellschaft, die im 18. und im 19. Jahrhundert in Europa entstand, zerstörte aber die feudale Ständegesellschaft und hatte in dieser Hinsicht eine sehr positive Bedeutung. Damals lösten sich die Beziehungen zwischen der Bevölkerung und den staatlichen Instanzen auf. Die kapitalistischen Beziehungen waren im Wachstum begriffen und der Markt entstand als eine große Macht gegenüber dem Staat. Die islamischen Feministinnen führen aber eine systemkonforme Auseinandersetzung. Sie halten das Gesetz hoch und reden dem Reformismus das Wort. Mein Problem ist, daß iranische und andere Feministinnen versuchen, den Frauen einzureden, ihre Freiheiten seien nur auf dem medialen Wege zu erreichen. Die legale Frauenzeitschrift Zanan versucht beispielsweise seit einigen Jahren, die Grausamkeit des islamischen Regimes durch Reformen zu mäßigen. Ich bin nicht gegen Verbesserungen durch Gesetze, nicht gegen Reformen, wohl aber gegen Reformismus. Wenn es die islamischen Feministinnen tatsächlich schaffen würden, die Frauenfeindlichkeit der islamischen Gesetze zu mildern, wäre das positiv. Wenn sie es schaffen würden, das Mindesalter für die Heiratsfähigkeit von Mädchen von neun auf 16 Jahre anzuheben, wäre das ein positiver Schritt. Aber wir müssen uns auch die Grenzen solcher möglichen Reformen vor Augen führen: Frauenfeindlich sind nicht nur die Steinigungen, Auspeitschungen und Hinrichtungen, sondern das gesamte Alltagsleben ist frauenfeindlich geprägt. Solange das islamische Regime in seiner Gesamtheit, solange die Verfassung und der staatliche Apparat frauenfeindlich sind, wird sich die Lage der Frauen nur unwesentlich ändern. Der gewählte Ministerpräsident Khatami spricht davon, daß im Iran die Gesetze nicht befolgt werden. Wenn Khatami alle staatlichen Organe zwingen würde, die islamischen Gesetze zu befolgen, würden dann die Gesetze für die Menschen besser werden? Würde sich etwa die Lage der Frauen dadurch verbessern? Dr. Shahrzad Modjab ist Dozentin an der Oise-University of Toronto. An der Elenews Universität in den USA hat sie ihre Dissertation über Frauenforschung abgeschlossen. Von ihr sind bereits verschiedene Publikationen zum Thema Frauen und Islam erschienen. Derzeit ist sie Gastdozentin am Institut für Kurdologie der Freien Universität Berlin. Dem Artikel liegt ein Vortrag zugrunde, den Frau Modjab am 28. Februar 1998 im Rahmen eines vom Verein Iranischer Flüchtlinge in Berlin veranstalteten Seminars "Feminismus, politischer Islam und Frauen" gehalten hat. |
|