| Jungle World | 15. April 1998 |
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Kann es einen islamischen Feminismus geben?
Aysches Gesichter
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Frau ohne FahrradDer islamische Feminismus kann die Macht der Mullahs nicht in Frage stellenIn der Hauptstadt Teheran hat sich für die Iranerinnen einiges verändert: Was vor Jahren noch streng verboten war, ist inzwischen fast schon Normalität. Zum Beispiel Frauensport. Nach und nach erobern sich die Frauen die Trainingsstätten. Noch sind es nur bestimmte Sportarten, die Männer wie Frauen ausüben dürfen. Natürlich strikt nach Geschlechtern getrennt. Tischtennis zum Beispiel ist erlaubt. Fahrradfahren dagegen gilt weiterhin als unsittlich. Dennoch gibt es Stimmen, die die Aufhebung solcher Einschränkungen fordern, denn iranische Frauen haben längst damit begonnen, eigene Interessen zu formulieren. Die Vertreterinnen reklamieren für sich allerdings keinen Feminismus im westlichen Sinne, sondern argumentieren immanent islamisch. Sie fordern eine andere Interpretation des schiitischen Islam. In verschiedenen Zeitschriften, beispielsweise in der Frauenzeitschrift Zanan, wird die Überzeugung vertreten, das Patriarchat habe mit dem Koran nicht unbedingt etwas zu tun. Damit wird die Illusion aufrecht erhalten, eine Gleichberechtigung sei auf der Basis islamischer Lehre möglich. Repräsentiert wird dieser islamistische Feminismus von einer neuen Generation von Politikerinnen, die, weil sie politisch genehm waren, in höhere Staatsämter gehievt wurden. So gibt es seit Oktober 1997 unter dem neugewählten Staatspräsidenten Mohammad Khatami mit Masume Ebtekar erstmals - neben fünf männlichen Stellvertretern - eine stellvertretende Staatspräsidentin. Die Vorzeigefeministin Ebtekar war 1979 Sprecherin der Khomeini-treuen Studenten, die die US-amerikanische Botschaft besetzt hatten und das Personal als Geisel hielten. Während säkuläre Frauenrechtlerinnen den Verschleierungszwang als Symbol von Unterdrückung und Entmündigung betrachten, spielt das Thema in der Argumentation der islamischen Feministinnen keine besondere Rolle; die Entschleierung sei nicht die Voraussetzung von Emanzipation. Die Islamistinnen haben andere Erfolge erzielt: So haben Frauen bei einer Scheidung Anspruch auf eine einmalige Abfindung. Die Scheidung selbst kann allerdings nur von Männern eingereicht werden, zur Zeit des Schahs hatten auch Frauen das Recht. Intellektuelle - wie der Literaturkritiker Faradj Sarkuhi - können derzeit zwar Kritik an System und Zensur üben - jedoch ausschließlich auf Grundlage der islamischen Gesetzgebung. Dabei fordern selbst loyale islamistische Intellektuelle im Iran mittlerweile mehr Freiräume. Revolutionsmüdigkeit hat sich in der Bevölkerung breitgemacht. Man ist die fast 20 Jahre währende Mobilisierung im Namen der islamischen Revolution leid geworden. Und insbesondere die Iranerinnen streben die Normalisierung ihres gesellschaftlichen Lebens an. |
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