| Jungle World | 15. April 1998 |
Dienen statt StreikenWeltweit nehmen die Arbeitskämpfe ab. Kollektive Interessen werden in den neuen Wachstumsbranchen kaum noch vertretenDie Busse und Bahnen bleiben im Depot, Schulen und Behörden sind leergefegt - das öffentliche Leben ist lahmgelegt. Streiks wie derzeit in Griechenland haben mittlerweile Seltenheitswert. Weltweit sind in den neunziger Jahren die Konflikte zurückgegangen, glaubt man einer vor kurzem veröffentlichen Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, die die Zahl der Arbeitskämpfe von 1990 bis 1996 international vergleicht. In den meisten Ländern wurde in den neunziger Jahre deutlich weniger gestreikt als noch vor zwanzig Jahren. Besonders deutlich verlief diese Entwicklung in Großbritannien. Mehr als 1 200 Arbeitstage pro 1 000 Beschäftigte verloren die Unternehmer in den siebziger Jahren durch Streiks. Mitte der Achtziger organisierten die Bergarbeiter wegen der Schließung rentabler Zechen den letzten großen Kampf. Zur selben Zeit erließ die Regierung Thatcher verschiedene Arbeitsgesetze, die gewerkschaftliche Aktionen kaum mehr möglich machten. Heute liegt die Quote bei rund 37 Tagen. Der Rückgang ist auch ein Resultat des deregulierten Arbeitsmarktes - über 40 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Großbritannien ohne Tarifverträge. Eine ähnliche Entwicklung gab es auch in den USA und Italien. Der Standort-Vergleich der anderen Art zeigt, daß fast nirgendwo auf der Welt weniger gestreikt wurde als im deutschsprachigen Raum und in Japan. Das kooperatistische Modell mit einer engen Absprache von Gewerkschaften, Regierungen und Unternehmern erweist sich auch in einer Zeit als erfolgreich, in der Arbeitsrechte und Löhne abgebaut werden wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte. Mit nur 17 Ausfallstagen im Jahresdurchschnitt zählt Deutschland zu den friedlichsten Ländern. Weniger gestreikt wird lediglich in Österreich, Japan und der Schweiz, wo es nur einen Streiktag je 1 000 Beschäftigte und Jahr gab. Der Grund: Für rund drei Viertel der Schweizer Beschäftigten gelten Tarifverträge, die gleichzeitig ein Friedensabkommen enthalten. Das Fundament dieser Abkommen bilden die Regelungen von Meinungsverschiedenheiten nach "Treu und Glauben", die Vereinbarung von Schlichtungsprozeduren sowie die absolute Friedenspflicht - daß heißt Verzicht auf Kampfmaßnahmen. In Österreich und Japan sind die niedrigen Ausfälle ebenfalls auf die kooperativen Einstellungen von Unternehmer und Gewerkschaften zurückzuführen. Als das Gegenteil dieses Modells könnten Spanien (397 Tage) und Griechenland (372) gelten - in diesen Ländern mit starker syndikalistischer Tradition gibt es noch die häufigsten Konflikte. Auch in der Türkei (272 Tage) werden Arbeitskämpfe selten einvernehmlich gelöst. Grundlage des Vergleichs ist die Arbeitskampf-Statistik des International Labour Office (ILO), wobei die Angaben der OECD-Länder sehr unterschiedlich ausfallen. In Frankreich sind Arbeitskämpfe des Öffentlichen Dienstes nicht erfaßt. Politische Streiks tauchen in Großbritannien höchstes noch in der Polizeistatistik auf, seitdem die Regierung Thatcher sie für illegal erklärte. In Deutschland werden nur Arbeitskonflikte erfaßt, an denen sich mindestens zehn Beschäftigte beteiligen, in den USA müssen es mindestens tausend sein. Trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen in den jeweiligen Ländern ist der Rückgang im wesentlichen auf einen globalen Strukturwandel zurückzuführen: Arbeitskämpfe konzentrieren sich traditionell auf das produzierende Gewerbe. Hier sind die Gewerkschaften zwar stark vertreten, in diesen Branchen schrumpft jedoch die Zahl der Beschäftigten am stärksten. Im expandierenden Dienstleistungssektor, wo beispielsweise in den USA das höchste Beschäftigungswachstum zu verzeichnen ist, können die Gewerkschaften kaum noch Fuß fassen. Hier gibt es so gut wie keine kollektiven Arbeitsverträge, die Beschäftigung ist oft zeitlich befristet, die Fluktuation besonders hoch. Daher sind die Beschäftigten wesentlich individualistischer eingestellt als früher und weisen auch eine größere Distanz zu kollektiven Interessensvertretungen auf. Außerdem sitzt den Belegschaften die Angst im Nacken - die Arbeitslosenquote in den OECD-Ländern hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt. "Die generelle Tendenz zum Rückgang der Arbeitskämpfe darf jedoch nicht ohne weiteres in die Zukunft fortgeschrieben werden", schreiben die Autoren des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Wie schnell der Funke überspringen kann, zeigt Frankreich, wo in den letzten Jahren an durchschnittlich 87 Tagen die Arbeit niedergelegt wurde. Dort machten 1995 die Routiers, die Fernfahrer, die Straße dicht - und in kürzester Zeit schlossen sich eine ganze Reihe anderer Branchen an.
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