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Jungle World 15. April 1998

Fit fürs Arbeitsamt 

Wer eine Ausbildung will, muß lange suchen - für jeden vierten Jugendliche gibt es keine Stelle 

"Nach wie vor stehen den ausbildungssuchenden Jugendlichen deutlich zu wenig Stellenangebote zur Verfügung", bilanziert Olaf Koglin, Direktor des Hamburger Arbeitsamtes, die Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Knapp dreihundert betriebliche Lehrstellen weniger mußte Koglin im Vergleich zum Vorjahr verbuchen, jedoch gut 300 Bewerber mehr. Ende März waren es 3 826 Bewerber, denen 2 793 offene Lehrstellen gegenüberstanden. 

Dabei steht Hamburg im Vergleich zum Rest der BRD und vor allem zu den neuen Bundesländern vergleichsweise gut da. Bundesweit führten die Register der Arbeitsämter Ende März 375 500 lehrstellensuchende Jugendliche, während nur 185 500 offene betriebliche Ausbildungsplätze gemeldet wurden - drei Prozent weniger als im Vorjahr. 

Damit setzt sich der seit 1991 feststellbare Abbau betrieblicher Ausbildungsplätze fort. "Rund 50 Prozent der betrieblichen Ausbildungsplätze wurden in den letzten sieben Jahren abgebaut. Das macht sich jetzt, wo die Zahl der Schulabgänger besonders hoch ist, natürlich bemerkbar", erklärt Martin Sturm, DGB-Jugendsekretär Nordmark. "Die überbetriebliche Ausbildung, die ohnehin in den Betrieben nicht sonderlich angesehen ist, kann diese Lücke kaum schließen, und die sogenannte Ausbildungsoffensive trägt nicht ausreichend Früchte", bemängelt der DGB-Mann. Das ist auch dem Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit, Bernd Jagoda, bewußt. In einer Presseerklärung kam Jagoda zu dem Schluß, daß mindestens 30 000 betriebliche Ausbildungsstellen mehr als 1997 gebraucht würden. 

Doch selbst wenn diese 30 000 Lehrstellen zusammenkommen sollten, würden sich viele Jugendliche erneut in der staatlichen "Warteschleife", den berufsvorbereitenden Maßnahmen des Arbeitsamtes oder einem weiteren Schuljahr wiederfinden, ist sich Till Kobusch, Sozialarbeiter beim Hamburger "Klaro"-Jungenprojekt, sicher. Kobusch, der Jugendlichen bei der Suche nach dem Ausbildungsplatz hilft, hält nicht allzuviel von der verzögernden Maßnahme, denn sie biete kaum eine Perspektive. "Das Problem wird nur vertagt, denn ein Jahr später ist der Run auf die raren Ausbildungsplätze nicht weniger groß - das haben die letzten Jahre deutlich gezeigt." 140 000 Jugendliche fanden im letzten Jahr nur einen Platz in der "Warteschleife", weitere 47 000 Jugendliche sind, so hat DGB-Vorstandsmitglied Regina Görner jüngst bilanziert, ganz leer ausgegangen. 

Besonders gravierend ist die Situation in den neuen Bundesländern, wo nach der Pleitewelle der vergangenen Jahre kaum noch betriebliche Ausbilder vorhanden sind. Rund 80 Prozent der knappen Ausbildungsplätze werden bereits von der Bundesregierung subventioniert, wobei das Gros auf überbetriebliche Ausbildungen entfällt. Die Arbeitsämter sehen dieses Problem ebenfalls, doch mehr als das Prinzip Hoffnung haben auch sie nicht zu bieten. 

Einer, der mit seiner 55. Bewerbung Glück hatte, ist der 21jährige Sanny. Nach seinem Realschulabschluß nahm er den ersten erfolglosen Anlauf, um im kaufmännischen Bereich Fuß zu fassen. Nach zahlreichen Absagen entschied er sich, die höhere Handelsschule zu besuchen, die er im Juni letzten Jahres beendete. "Zum 1. Oktober, ich hatte mich schon damit abgefunden, auf das Wirtschaftsgymnasium zu gehen, hat es dann doch noch geklappt. Nun werde ich Außenhandelskaufmann", erzählt er stolz. Ohne die Hilfe und Motivation von Kobusch hätte Sanny vielleicht den Kopf in den Sand gesteckt - mittlerweile ein weit verbreitetes Phänomen, besonders bei den männlichen Jugendlichen. Das Risiko, daß die Jungen sich frustriert abmelden, steigt mit jeder Absage, sind sich Sozialarbeiter wie Klaus Stangen vom Arbeitskreis Jugendarbeit sicher. "Wir haben doch bereits jetzt einen Prozeß, bei dem weniger qualifizierte Jugendliche, wozu zumeist auch ausländische Jugendliche gehören, durch das Sieb fallen", ergänzt Kobusch. Vor allem bei letzteren wirkt sich die Selektion durch Frustration verheerend aus - unter arbeitslosen ausländischen Jugendlichen ist der Anteil ohne Berufsausbildung fast dreimal so hoch wie bei deutschen Bewerbern. 

Die mangelnde Qualifizierung der Bewerber ist allerdings in den Augen von Hubert Grimm, Leiter des Geschäftsbereichs Berufsbildung der Handelskammer Hamburg, ein ernstzunehmendes Problem. "Die Zeugnisse der Bewerber haben für die Unternehmen stark an Aussagekraft verloren. Da erhalten Schüler in Mathe eine Eins, sind aber nicht in der Lage, die Mathe-Aufgaben im Einstellungstest zu lösen", erläutert er. Auch die hohe Quote der vorzeitig beendeten Lehrverträge, immerhin 32 Prozent, gibt ihm zu denken. "Das Gros entfällt auf diejenigen, die ihre Lehrstelle erst gar nicht antreten, weil sie sich für eine andere entschieden haben, dies aber dem Ausbilder erst gar nicht mitteilen." 

Immerhin konnte der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) bis April eine Steigerung bei den abgeschlossenen Lehrverträgen vermelden. In Hamburg sind es bisher rund 3,5 Prozent mehr als im letzten Jahr; sechs Prozent sollen es bis zum Herbst werden, womit Hamburg über dem Bundestrend liegen würde. "Gerade die neuen Lehrberufe im Informations- und Telekommunikationsbereich sind für Hamburg sehr interessant und die ersten Erfahrungen sehr positiv", so Grimm. In den Statistiken der Arbeitsämter schlagen sich diese und andere neue Lehrberufe allerdings noch nicht nieder. Woher die zusätzlichen Lehrstellen kommen sollen, weiß allerdings auch Grimm nicht zu sagen. 

Vielleicht könnte ihm Hans-Eberhard Schleyer weiterhelfen. Der DIHT-Generalsekretär hatte vergangene Woche beim Spitzengespräch von Arbeitgebern, Gewerkschaften und den zuständigen Ministerien erklärt, daß es für jeden ausbildungswilligen Jugendlichen eine Stelle gebe; von einer Lehrstellenkrise könne daher keine Rede sein. 

"Ob man eine Lehrstelle kriegt, ist ein reines Lotteriespiel, und was nach der Lehre kommt, weiß sowieso niemand", empört sich die 17jährige Tanja. Für Detlef Seibert, Sozialarbeiter in einem der sozialen Brennpunkte Hamburgs, stellt sich mittlerweile die Frage, ob es noch sinnvoll ist, Projekte zur Lehrstellensuche zu organisieren. "Es werden nicht mehr Lehrstellen angeboten, sondern weniger, und wir können die Jugendlichen nur gezielt fit machen für einen der hart umkämpften Ausbildungsplätze. Dabei wäre es pädagogisch sinnvoller, die Jugendlichen fit zu machen für die Arbeitslosigkeit." 

Für DGB-Mann Martin Sturm ist das eine resignative Einstellung. "In den Niederlanden, Dänemark oder Schweden gibt es keinen Mangel an Ausbildungsplätzen, dort werden allerdings Ausbildungsfinanzierungsmodelle praktiziert, die hierzulande keine Chance haben. Diejenigen, die ausbilden, werden schlicht von denen unterstützt, die nicht ausbilden, aber sehr wohl qualifizierte Arbeitskräfte brauchen. Auf der Basis von Appellen läßt sich das Problem eben nicht lösen, das zeigen doch die Erfahrungen hinlänglich."

  •  Knut Henkel

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