Home / Zum Inhaltsverzeichnis / Zum Abo - Coupon / Brief an die Redaktion 
Jungle World 3. April 1998

Nachrichten

Autonomes Projekt 

Nachdem der Berliner Kultursenator Peter Radunski (CDU) und der Direktor des Jüdischen Museums, Michael Blumenthal, Einigkeit über den Status und die Konzeption des Hauses erzielten, steht der Eröffnung des im Libeskind-Bau beherbergen Museums im Jahr 1999 nichts mehr im Weg. Dem Direktor komme die alleinige Entscheidungskompetenz hinsichtlich der künstlerischen Gestaltung und Darstellung des Jüdischen Museums, das zur Stiftung Stadtmuseum gehört, zu, teilte die Berliner Kulturverwaltung mit. Damit scheint der jahrelange Streit um die Autonomie des 1989 projektierten Hauses beigelegt. Eskaliert war er im Oktober 1997, als dem 1994 zum Direktor des Jüdischen Museums berufenen Amnon Barzel fristlos gekündigt wurde, da er nach den Worten des Generaldirektors des Berliner Stadtmuseums, Rainer Güntzer, den "Betriebsfrieden störe". Barzel hatte gegen den Widerstand des Senats auf einer Autonomie des Jüdischen Museums bestanden. 

Held der Arbeit 

Wenn über die Auswirkungen des Booms privater Wachdienste in der Krisengesellschaft die Rede war, blieb bisher eine Konsequenz unerwähnt: Batman wird arbeitslos. Gelangweilt lungert er in Gotham-City herum; seinen Super-Helden-Status mußte er an die Männer von der Security abtreten, bis er als hochmotivierter, selbstorganisierter, flexibel einsetzbarer McJobber zum Helden der postfordistischen Arbeiterklasse avanciert. Ausgedacht haben sich dieses Szenario Annette Weisser und Ingo Vetter für einen Comic-Strip, den sie in einer Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien, Berlin, zeigen (bis zum 5. April). 

Burda vs. Caroline 

Prinzessin Caroline von Monaco hat ihre Schmerzensgeldforderungen gegen die Illustrierte Bunte nicht durchsetzen können. Das Hamburger Landgericht entschied, daß anstelle der geforderten 250 000 Mark lediglich 50 000 Mark zu zahlen sind. Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs von 1996 dürfen Fotos, die in der Öffentlichkeit aufgenommen wurden, grundsätzlich auch veröffentlicht werden, allerdings gäbe es Ausnahmesituationen, in denen "Personen der Zeitgeschichte" Anspruch auf den Schutz ihrer Privatsphäre hätten. Diese Regelung treffe, so das Gericht, aber nicht auf die von Prinzessin Caroline beanstandeten Fotos zu. Lediglich in einem Fall sei die Privatsphäre verletzt worden, und zwar durch eine Fotografie, auf der sie mit kahlem Kopf zu sehen war. 

Leonardo! Nackt! 

Weil das US-amerikanische Playgirl Frontalansichten des nackten Leonardo di Caprio bringen will, verklagt der Schauspieler das Magazin auf eine noch unbekannte Summe Schadensersatz. Das war noch nicht die Nachricht. Die kommt jetzt: Wegen der Veröffentlichung hat Leslie Armstrong, die bisherige Chefredakteurin des auf Frontalansichten nackter Männer spezialisierten Magazins, dieses nun verlassen. Glaubte sie bislang, sie arbeite bei National Geographic? War sie enttäuscht vom schmächtigen Körper des 23jährigen? Oder bekümmert sie auf einmal die Privatsphäre eines Schauspielers? Das wiederum wissen wir nicht. Wir wissen aber, wo es das US-Playgirl zu kaufen gibt. Aber das verraten wir Ihnen nicht. 

Müller war Brecht 

"Germania 3" ist ungültig und muß zurückgezogen werden. Entgegen bisherigen Annahmen stammt das Stück gar nicht von Heiner Müller, sondern von Bertolt Brecht. Dieser hat es zwar nicht selbst abmischen können, aber die basic tracks stammen sämtlich von ihm. DJ Müller, der sie neu samplete, loopte, scratchte und mixte, legte bloß seinen apokalyptischen Groove drüber und ging dann sterben. Nun liegt er friedlich neben MC Bert auf dem Dorotheenstädtischen. Brechts Erben zogen ob dieses unverschämten postmodernenTreibens vor Gericht und erhielten Recht: Wenn man alle Brecht-Pieces wieder herausmischen würde, stellte das Oberlandesgericht München fest, bleibe von "Germania 3" nicht mehr als ein "Torso". Es handele sich also, da keine Credits gegeben werden, um ein "Plagiat" und dürfe nicht mehr verbreitet werden. Nun weiß jeder, der Brecht nicht gelesen hat, daß der selbst alles geklaut hat - klugerweise von DJs aus dem Barock, deren Erben nicht mehr festzustellen sind und die sich eh nicht beschweren dürften, weil ja nach 75 Jahren alles frei ist. 75 Jahre nach Brechts Tod, also im Jahre 2031, dürften wir dann auch, falls wir nichts Kleingedrucktes übersehen haben, "Germania 3" zu uns nehmen. Das Warten lohnt sich nicht. 

Ist es denn die possibility? 

Für alle, die die "Nase voll" haben von "highlights", "top events", "performances" und "deals" gibt es nun den Verein zur Wahrung der Deutschen Sprache e.V. In großen Anzeigen wirbt der Klub zur Bekämpfung "pseudo-kosmopolitischen" Unwesens um Mitglieder. Er trete ein gegen "Selbstverleugnung" und für "mehr Selbstachtung und Würde aller Menschen", die - achten Sie bitte auf die Formulierung - "Deutsch als Muttersprache haben". Ja, das ist das Deutsch, das sie meinen, und deshalb ist der "Verein vom Finanzamt Dortmund-Hörde mit Bescheid vom 20. November 1997 als gemeinnützig anerkannt" worden. Ob der Reinhalter des Ostens, Harald Wessel, dem e.V. schon beigetreten ist, entzieht sich unserer experience. Oder unserer knowledge? Wie auch immer. However. 

Junge, wistn Heisig? 

Herr Rib-beck zu Rib-beck im Haaavel-land, ein Birnbaum in seinem Gaaarten stand, skandierten wir einst zu Gefallen unserer FAZ-lesenden Lehrer. Nun ist FAZ-Kunstvorkoster Eduard Beaucamp ins Havelland gereist, aber statt eingemachter Birnen nahm er "brillant inszenierte Bildapparate" zu sich. Das klingt nicht nur ungenießbar, denn die Bildapparate stammen von Helmut-Schmidt-Porträtist Bernhard Heisig. Darüber, ob sie im Reichstag die sich zu neuen Taten sammelnden Abgeordneten irritieren dürfen, wird seit Wochen gestritten. Heisig hatte als junger Mann der Waffen-SS gedient und später als Professor und Verbandsvizepräsident DDR-Maler herangezogen. Beaucamp ist natürlich der Meinung, es zeuge vom "Unverständnis des Auftraggebers", Heisigs "Trieb- und Konflikttheater", das sich "aus immer neuer Bündelung, dem Zusammenbacken und 'Zusammenschrauben' der Leitthemen" verdichte, nur in der Cafeteria des Bundestags aufzuführen. Recht hat er. Über das Rednerpult die Apparate! 

  •  Die Nachrichten wurden von Ripplinger und Runge zusammengestellt 
 

Home / Zum Inhaltsverzeichnis / Zum Abo - Coupon / Brief an die Redaktion