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Jungle World, 26. März 1998

Jakob Augsteins Reportagen

Es war Frühling

Der Gerichtssaal ist nicht nur der Ort, an dem eine Tat rekonstruiert wird, es ist zugleich der Ort, an dem das Verbrechen mit Hilfe des Strafgesetzbuches, der psychologischen Gutachten, der Aussagen von Zeugen, Verteidigern, Angeklagten konstruiert wird. Im Gerichtssaal kommt die Tat zur Sprache, und erst die Interpretation der Tat als eine kriminelle Handlung konstruiert, was wir das Verbrechen nennen. Wie machtvoll diese Konstruktion ist, zeigt sich vielleicht auch daran, daß verurteilte Täter oft Jahre nach der Tat häufig nicht anders als in der Sprache der Jurisprudenz über das Geschehene sprechen können und auf sprachliche Hilfskonstruktionen, wie sie das Gericht zur Beurteilung des Geschehens formuliert hat, angewiesen bleiben.

Auch der Gerichtsreporter bedient sich nicht selten aus dem Fundus der Jurisprudenz und erklärt, was er nicht erklären kann, indem er sich auf "abgesenkte Aggressionsschwellen", "Kontrollverlust" und den "psychischen Ausnahmezustand" beruft. Jakob Augstein dagegen schreibt: "Der Mann und die Frau waren sehr früh aufgestanden. Sie wollten zum Sozialamt fahren und das Geld holen. Aber sie fühlte sich elend, sie hatte wieder Schmerzen. Er ging allein, holte das Geld, kaufte Weinbrand und kam zurück. Weinbrand gab es nur, wenn Geld vom Amt da war. Die Frau war wieder eingeschlafen. Er weckte sie und befahl ihr aufzustehen und mit ihm zu trinken. Zusammen betranken sie sich. Dann legte sie sich wieder hin. Er zerrte sie aus dem Bett, sie stand auf, er stieß sie zurück. Sie sagte, er solle sie in Ruhe lassen. Er schlug sie. Sie sagte, er solle sie nicht schlagen. Er schlug sie wieder und rief: 'Wehr dich, schlag zurück.' Er holte mit der Faust aus, sie ergriff das Messer und stach es ihm in die Brust. Er sackte zusammen."

Augstein, der seit einigen Jahren für die Süddeutsche Zeitung über die Prozesse in Berlin-Moabit berichtet, schreibt Gerichtsreportagen, die eigentlich Gerichtserzählungen sind. Irritierend sind die jetzt im Hanser Verlag erschienenen Texte deshalb, weil die ordnende Perspektive fehlt, die säuberlich trennt zwischen dem Täter einerseits und dem Opfer andererseits. Einen Bericht über einen Vergewaltigungsprozeß beispielsweise läßt er mit einem naiven Satz beginnen, der einen Liebesroman einleiten könnte: "Es war Frühling und die Frau stand vor einem Schaufenster." Augsteins Methode, die wir eigentlich nur der literarischen Fiktion einer Patricia Highsmith zugestehen: die genaue, manchmal fast zärtlich wirkende Hinwendung (auch) zum Täter, beweist sich gerade dort, wo wir ihr Versagen erwarten würden - also in Fällen, in denen die Trennlinie zwischen Aggressor und Geschädigtem, Täter und Opfer so unverrückbar scheint wie im "Kinderficker"-Prozeß gegen den 54jährigen Harald Z. Andere Zeitungen sparten nicht mit schockierenden Details aus dem Leben von Strichern und Freiern, in der Süddeutschen war etwas über die Normalität des Milieus zu lesen: "Auf dem Strich haben alle Angst: Die Männer haben Angst, daß die kleinen Jungen sie ausrauben, und die kleinen Jungen haben Angst, daß die Männer ihnen weh tun. Herr Z. soll ihnen weh getan haben. Er hat sich die Stricher am Bahnhof Zoo gesucht. Er hat sie mit nach Hause genommen und die Tür abgeschlossen und den Schlüssel abgezogen. Das tun viele Freier und die Jungen sagen, Herr Z. habe den Schlüssel nicht wieder herausgerückt. Er sagt, sie seien freiwillig geblieben. Die Jungen sagen, er habe sie zu Dingen gezwungen, die sie nicht wollten. Er sagt, sie haben den Analverkehr freiwillig mitgemacht."

  •  Heike Runge

Jakob Augstein: Sieben Schüsse in Glienicke. Hanser Verlag. München 1998, 132 S., DM 26


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