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Jungle World, 26. März 1998

 Am anderen Ende der Glockenkurve 

Sind Juden durchschnittlich intelligenter? Sander L. Gilman über die Vorgeschichte eines antisemitischen Klischees 

Noch bevor die Bioindustrie zu zeigen Gelegenheit hat, ob sie der Menschheit Schaden zufügen kann, ist durch ihre Propagandisten der Schaden bereits entstanden. Der Technik den Boden zu bereiten, ist ein längst für überwunden gehaltener Materialismus zurückgekehrt: der Glaube an die Allmacht der Gene. Ein erstes deutliches Signal für sein Wiedererstarken war das Buch "The Bell Curve" (Die Glockenkurve) von Richard J. Herrnstein und Charles Murray. 

Während dem heftigen Streit, den das Buch 1994 auslöste, wurde übersehen, daß es nicht nur rassistische Aussagen über Menschen dunkler Hautfarbe macht, sondern auch über Juden. Der Wissenschaftshistoriker und Germanist Sander L. Gilman holt nach, was in der Debatte versäumt wurde. Ohne sich allzulange mit den fadenscheinigen Argumenten Herrnsteins und Murrays aufzuhalten, arbeitet er die Geschichte eines antisemitischen Topos auf: der des "schlauen Juden". 

Während Murray und Herrnstein an das eine Ende ihrer "Glockenkurve", die die Normalverteilung von Intelligenz modellieren soll, die Afroamerikaner ansiedeln, d.h. ihnen eine unterdurchschnittliche Intelligenz attestieren, wollen sie bei "aschkenasischen Juden europäischer Herkunft" eine hohe Intelligenz gemessen haben. Man müßte eigentlich schreiben: "Afroamerikaner", "Intelligenz", "Juden", usw., diese Termini sind bei Murray und Herrnstein allesamt rassistisch (nämlich biologisch-eugenisch) bestimmt. Aber indem ich Gilmans kleine Geschichte eines Stereotyps nachzeichne, wird die Konstruktion der Begriffe ohnehin deutlich. Sein Verfahren ist das von deutschen Marxisten und Konservativen perhorreszierte der Diskursanalyse, der Dekonstruktion. D.h., es geht darum, wie Begriffe mächtig geworden sind - wie sie zunächst von Philosophen, Publizisten, Wissenschaftlern lanciert und dann durch eine massenkommunikative Basis fundiert werden. Die ökonomisch-gesellschaftliche Bedingtheit dieses Prozesses wird stillschweigend vorausgesetzt. 

Schon Immanuel Kant wollte seine Unterscheidung zwischen vernünftigen und schlauen Menschen an den Juden exemplifizieren. Diese "Nation von Betrügern" setze ihre Sprachgewandtheit zu ihrem materiellen Vorteil ein. Ausformuliert wurde diese Entgegensetzung während der ersten Hochzeit des biologischen Rassismus, also im 19. Jahrhundert. 

Charles Darwins Cousin, der britische Gelehrte Francis Galton, behauptete Ende des Jahrhunderts die Erblichkeit der Genialität ("Hereditary Genius", 1869). Er postulierte, wie Gilman im Vorgriff auf das Ende seiner kleinen Geschichte schreibt, "erstmals die Existenz einer 'Glockenkurve', einer an Vererbung gebundenen 'Normalverteilung' von Höchstbegabungen. Diese Verteilung kreierte er in Analogie zu der 'Normalverteilung' von Körpergröße." Schon damals sollten "die Neger" am anderen Ende der Kurve stehen. Die Juden wollte Galton freilich nicht in seine Erörterung der erblichen Genialität einbeziehen, obschon er wie alle Antisemiten des 19. Jahrhunderts Heinrich Heine als die große Ausnahme akzeptierte. Intelligent sind die Juden, aber niemals genial. Ihrem "Wesen" näherte er sich durch Fotografien von Schülern der Jüdischen Freien Schule in Bell Lane und glaubte, auf ihnen "die typischen Züge des modernen jüdischen Gesichts" festgehalten zu haben. 

Diese physiognomischen Forschungen machte sich später der Nazi-Anthropologe Hans F.K. Günther zunutze, der Galtons Fotografien in dessen Sinn als Belege für den "sinnlichen, bedrohlichen, listigen" Blick des Juden nahm ("Rassenkunde des jüdischen Volkes", 1930). In der Auseinandersetzung mit Galtons Text setzte ein wissenschaftlicher Diskurs ein, in dem die spezifische Intelligenz von Juden-als-Rasse zur Prämisse erhoben wurde und nur die Bewertung dieser Intelligenz unterschiedlich ausfiel. 

Schon der jüdische Sozialwissenschaftler Joseph Jacobs hatte zwar Galtons Auslegung der Schuljungen-Physiognomien widersprochen, an dessen Methodik aber ansonsten nichts auszusetzen gehabt. Ausdrücklich zur Ehrenrettung der Juden verfaßte Antoine Leroy-Beaulieu sein Werk "Les Juifs et l'antisémitisme: Isra'l chez les nations" (1893). Obwohl er nicht von Erbanlagen ausging, glaubte er doch, daß die Verfolgung der Juden unauslöschliche Spuren in ihre Seele gegraben habe. Gerade dadurch erklärten sich ihre erstaunlichen Fähigkeiten. So sei ihnen eine besondere musikalische Begabung eigen, weil "ihre Zwangsinternierung hinter den Toren des Ghettos" sie gedrängt habe, "um so größeren Trost in ihren Volksweisen zu suchen". Der rassistische Diskurs ist auch bei Leroy-Beaulieu wirksam. Erstaunlich an der jüdischen "kaufmännisch orientierten Rasse" sei, daß sie so große Dichter wie Heine hervorgebracht habe. Solange die jüdische Intelligenz, die "im Gegensatz zu unserer Rasse" stehe, unter sich bleibe, könne sie bedeutsame Beiträge zur Kultur ihres "Wirtsvolkes" - wie der Anthropologe Lucien Wolf im Anschluß an "Les Juifs et l'antisémitisme" formulierte - leisten. Was Leroy-Beaulieu nicht aussprach, formulierten andere Verteidiger der Juden: Grundlage ihrer Talente sei die Reinheit des jüdischen Gen-Pools. 

In der Folge wurde darüber debattiert, ob die vorausgesetzte hohe jüdische Intelligenz bloß "Schlauheit" sei, eine kalkulierende, unoriginelle Gewitztheit mit nervösen, weiblichen, hysterischen, ja krankhaften Zügen, oder ob sie unter Umständen moralisch und kulturell wertvoll sein könne. Gilman liefert dazu eine Fülle von Material. Neben bekannten Antisemiten wie Richard Wagner, Houston Stewart Chamberlain, Eugen Dühring, Werner Sombart, treten etliche unbekannte Wissenschaftler und Publizisten auf. Ausführlich widmet sich Gilman den Beiträgen jüdischer Autoren, die den Topos übernommen und verstärkt haben; vom Phänomen des "jüdischen Selbsthasses" (Theodor Lessing) - siehe Karl Marx, Victor Adler, Otto Weininger, Theodor Gomperz - zu schweigen. 

Interessant ist die Furcht vor dem "Makel steriler Rationalität" bei Künstlern und Philosophen, die selbst aus rigoros rassistischer Perspektive kaum als Juden angesehen werden können. Ludwig Wittgenstein, Hugo von Hofmannsthal hatten jüdische Vorfahren und fühlten sich zeitweise oder ständig verfolgt von dem Gedanken, sie könnten deshalb nur bessere Kopisten sein. Gilman zeigt, wie sehr selbst Alban Berg - der einem Arbeitgeber bereits 1931 einen Arier-Nachweis übersandte - sich während der Niederschrift von "Wozzeck" von dem Gerücht bestimmen ließ, er sei ein Jude. Nicht nur Büchners Drama, die gesamte Moderne stand unter dem Verdacht, jüdisch-verderbt zu sein. In dem damals als antisemitischste Stadt Europas geltenden Wien war "der normale Selbstzweifel, den jedes Individuum in bezug auf seine Fähigkeiten hat, mit dem Rassendiskurs verschmolzen". 

Das Erscheinen von "The Bell Curve" war Gilman wie die Rückkehr eines Untoten erschienen: "Die zahlreichen Pflöcke, die man ihm in den sechziger Jahren ins Herz getrieben hatte, hatten ihm nicht den Garaus gemacht, sondern er taperte erneut durch die politische und kulturelle Szene Amerikas!" Mag der Topos des smart Jew auch für eine Weile aus der wissenschaftlichen Diskussion verschwunden gewesen sein, im kollektiven Bewußtsein weste er fort. Gilman zeigt das an etlichen Spielfilmen und Romanen, die nach 1945 entstanden, am eindrücklichsten an Steven Spielbergs/Thomas Keneallys "Schindler's List". Hier stehen sich der zwar tumbe, aber tugendhafte Oskar Schindler und sein zwar intelligenter, aber berechnender Buchhalter Itzhak Stern gegenüber. 

In der Verknüpfung von Jude-Sein und Klugheit (bzw. Cleverness) erkennt Gilman zu Recht eine "Konstruktion jüdischer Besonderheit", eine Vorbereitung der Selektion. Hinter diese Einsicht sollte man nicht mehr zurückfallen, auch wenn man es zur Zeit mit noch primitiveren Formen des Antisemitismus zu tun hat. 

Sander L. Gilman: Die schlauen Juden. Über ein dummes Vorurteil. Claassen, Hildesheim 1998, 319 S., DM 36 


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