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Jungle World, 26. März 1998

 Die geilsten Uniformen 

Eike Stedefeldt zeigt, wie die Schwulen-Lobby sich nach rechts manövrierte 

Eike Stedefeldts Buch hat zwei Inhaltsverzeichnisse: ein gewöhnliches, das ein "Vorspiel" sowie neun Kapitel verzeichnet, und ein sarkastisches - die Widmungsseite. Dort steht geschrieben: "Für Volker Beck". So heißt die Hauptfigur. Der rechtspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen und Oberguru des Schwulenverbands in Deutschland (SVD) ist für Stedefeldt die Symbolfigur für eine Politik, die er so beschreibt: "Die bürgerlichen schwulen Vorkämpfer drängen heute unter der Losung 'gleiches Recht' massiv in die Institutionen: Bundeswehr, Polizei, Parteien, Parlamente, Ministerien, Kirchen, Medien - und die Ehe. Doch das geschieht nicht mehr mit dem subversiven Anspruch der siebziger, teils noch der achtziger Jahre, repressive Teilsysteme zu unterminieren. Ziel ist es, sich diese Institutionen nutzbar zu machen; es geht um Teilhabe an der Macht im Staate, nicht um die Aufhebung von Herrschaftsstrukturen." 

Entsprechend wird Becks Karriere nebst verbandspolitischer Trickserei eingehend beschrieben, seine Homopolitik als Verrat am Emanzipationsideal und bloße Bürgerrechtspolitik ätzend kritisiert. Man mag darüber streiten, ob diese Personenfixierung sinnvoll ist. Andere mögen sich daran aufhalten und darüber urteilen, ob es denn sein muß, Becks fachliche Qualifikation, seine rhetorische Fähigkeit usw. anzuzweifeln, einige mögen entgegenhalten, daß Beck in Sachen NS-Aufarbeitung im Bundestag einiges geleistet hat, beispielsweise im Fall des Holocaust-Leugners von Rühes Gnaden, Joachim Hoffmann; und ganz Gewitzte werden in Stedefeldts Streitschrift eine verquere Liebeserklärung sehen. Das sei dem Wahlkampf überlassen - hier interessieren andere Aspekte eines Buches, das wärmstens zu empfehlen ist. 

Über den Adressatenkreis Schwulenbewegung hinaus lesenswert ist "Schwule Macht", weil es materialreich zeigt, was die (vielfach schon zum Klischee erstarrte) These vom Rechtsruck der Gesellschaft tatsächlich bedeutet. Deshalb ist das Buch in der "Antifa Edition" richtig plaziert. Stedefeldt zeigt, wie eine Randgruppe, die im Zuge ihres emanzipatorischen Aufbruchs in die gesellschaftliche Mitte drängt, ihre Provokationskraft verliert, sich zunehmend auf traditionelle Lobby-Politik beschränkt, damit vom gesamtgesellschaftlichen Sog nach rechts erfaßt werden kann und, von minoritären Widerlagern einmal abgesehen, diesen Rechtsdruck passiv hinnimmt oder auch aktiv mitvollzieht. Da dies innerhalb drastisch veränderter Rahmenbedingungen geschieht, geht es dabei um weit mehr als das aus zahllosen Untersuchungen hinlänglich bekannte Phänomen der Institutionalisierung sozialer Bewegungen; es geht um das Erlernen des Gleichschritts mit dem neuen Deutschland. 

Erschreckend zeigt sich dies in Stedefeldts Beschreibung der schwulen Variante totalitarismustheoretisch ausgerichteter Geschichtsklitterung. Hier macht die DDR eine nachträgliche "Metamorphose (...) zur legitimen Nachfolgerin der NS-Schwulenverfolgung" durch. Hauptakteur, so Stedefeldt, ist der Historiker Günter Grau, der seinen Weg von der kirchlichen Schwulenbewegung der DDR zu einem jener Forschungsaufträge zur Untersuchung von SED-/Stasi-Unrecht gefunden hat. 1994 noch wies Grau Analogien zwischen Nazi-Reich und DDR zurück, denn: "In der DDR hat es keinen Versuch gegeben, Homosexuelle auszumerzen, es hat keine physische Vernichtung von Homosexuellen gegeben." Dieser kleine Unterschied zählt nun nicht mehr. 1996 war Grau Kronzeuge für den Spiegel, der behauptete: "Nahezu ohne Zäsur knüpften die SED-Funktionäre an die Schwulen- und Lesbendiskriminierung der Nationalsozialisten an." Gegen solche Tendenzen erteilt Stedefeldt Nachhilfe in vergleichender Geschichte der Schwulendiskriminierung in DDR und BRD. Das ist gewiß nötig und informativ, doch die Vergleichsvorgabe führt notgedrungen zu kleinkarierter Rechnerei. Zum Ärgernis wird das Kapitel, wenn Stedefeldt um Verständnis wirbt, daß die "gescholtenen (DDR-) Funktionäre einer kleinbürgerlich-homophoben Sozialisation unterlagen". Wer das (und die darauf folgenden Erwägungen Stedefeldts) als Rechtfertigung anführt, kann sich und die Linke auf ewige Zeiten von der Emanzipation emanzipieren. 

Den Verfall historischen Bewußtseins führt Stedefeldt am Beispiel der Kranzniederlegung an der Neuen Wache während des CSD 1994 vor. Stedefeldt interpretiert dies als "Homo-Bitburg" und moniert, "daß der SVD den breiten Konsens der NS-Opfergruppen durchbrochen und die Neue Wache faktisch als erste politische Vertretung offiziell zur würdigen Gedenkstätte erhoben hatte". Damit einher geht die Verharmlosung des pornographischen und ästhetischen "Spiels" mit Nazi-Images und Symbolen. Stedefeldts Demonstrationsbeispiel ist die Tom of Finland-Retrospektive des Berliner Schwulen Museums 1994, wo ein Typ in SS-Uniform mit Hakenkreuzbinde gezeigt wurde, der einen fast nackten an die Decke gefesselten Kollegen auspeitscht. Der Großteil der Szene gab sich mit der Rechtfertigung des Zeichners Laaksonen zufrieden: "Ich habe die Naziideologie gehaßt. Aber sie hatten einfach die geilsten Uniformen." 

Gegen solch gefährliche Naivitäten anzugehen, ist nur zu berechtigt. Gewiß kann man die Freunde von Nazi-Fetischen nicht durchweg zu Nazis erklären; auch ist jeweils genau zu analysieren, wie in ästhetischen Produkten mit den betreffenden Images umgegangen wird. Nazi-Fetische indes pauschal auf reine Ästhetik oder knackige Pornographie zu reduzieren, zeugt nicht nur von Geschmacklosigkeit und mangelnder historischer Sensibilität. Nachweislich ist dies ein Einfallstor des (Neo)-Faschismus. 

"Sexy Uniforms" war ein Interview mit Douglas Pearce von der britischen Neofolk-Band Death in June überschrieben, das das heidnisch-faschistische Dresdener Fanzine Sigill aus der britischen Zeitschrift Fist übersetzte. Der Röhm-Fan Pearce schwärmte von den geilen Nazi-Uniformen - angeblich rein ästhetisch, gänzlich unpolitisch und, wie man gerne verlauten läßt, selbstverständlich nicht nazistisch, da ja die Nazis die Schwulen verfolgten. 

Auf solche fadenscheinigen Rechtfertigungen fällt selbst der Neoist Stewart Home rein. Er meinte im Interview mit dem kritischen Münsteraner Fanzine Auf Abwegen: "Ich glaube einfach, daß bei Death in June Sexualität im Vordergrund steht. Ich glaube, seine sexuellen Vorlieben sind der Schlüssel zum Verständnis von Death in June, und ich glaube nicht, daß Douglas heute noch ein aktives politisches Interesse hat". Was Home nicht glaubt und was ihn, wie er meint, auch nichts angehe, ist, daß Pearce u.a. aktiv für die faschistischen kroatischen HOS-Milizen wirbt, deren männlicher Heroismus es ihm bei einem Frontbesuch angetan hat. Dafür wird er mittlerweile nicht nur in winzigen Musik-Blättern wie dem militant misanthropen Ostberliner Europakreuz, sondern auch in Naziblättern wie Einheit und Kampf gefeiert. 

Daher liegt Stedefeldt richtig mit seiner Kritik, die Schwulen setzten sich zu wenig "mit der Diffusion rechten Gedankenguts in die eigene Klientel" und den "zugrundeliegenden Mechanismen" auseinander. Daß die Streitschrift hierzu Anstöße geben kann und nicht vorschnell als bloße Polemik zurückgewiesen wird, bleibt zu hoffen. Allerdings bleiben Stedefeldts diesbezüglichen Hinweise im "Ausblick" dünn. 

Eike Stedefeldt: Schwule Macht oder Die Emanizpation von der Emanzipation. Elefanten Press, Berlin 1998, 222 S., DM 29,90 


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