Jungle World, 26. März 1998
Schwanger im IndikativFranz Maria Sonne läßt in "Kakapo" die 68er reden, aber der Vogel ist kein FalkeDen degenerierten Papagei kennen wir bereits aus Douglas Adams' "Die letzten ihrer Art": Kakapo, ein flugunfähiger, fetter Vogel, der vom Aussterben bedroht ist, weil die Männchen bei der Brunft so tiefe Baßfrequenzen aussenden, daß die Weibchen sie zwar hören, aber nicht orten können: Eine tragische Gestalt der Evolutionsgeschichte. Die Erzähltechnik in Franz Maria Sonners "Kakapo" kennen wir seit Giovanni Boccaccios "Decamerone", oder spätestens seit Robert Gernhardts "Mini-Decamerone" (G.Seibt), den "Florestan Fragmenten": Eine Handvoll Leute kommt an einem neutralen Ort zusammen, um einander Geschichten zu erzählen - eine nach der anderen, zusammengehalten zunächst nur durch die Gemeinschaft der Erzählenden. Den Anlaß für die Zusammenkunft bildet in "Kakapo" der fünfzigste Geburtstag des inzwischen arrivierten Verlegers Hagen, gelegentlich dessen er eine Schar alter Freunde und verflossener Lieben nebst Begleitungen in ein Landschloß mit Feudalambiente eingeladen hat. Man kennt sich noch aus dem Studium und hatte sich ein wenig aus den Augen verloren. Einer ist beim Rundfunk gelandet, einer in Griechenland versackt, eine arbeitet als freie Journalistin, eine andere, Hagens Ex, hat sich einen Filmproduzenten geangelt. Man ist nicht mehr der Jüngste, und die Ideale von einst sind mit den Sachzwängen von heute eine Symbiose eingegangen. Schon die Zahl der Gäste - dreizehn bei Tisch - verheißt nichts Gutes; alte Wunden brechen wieder auf, jeder hat seine Enttäuschungen erlebt, seine Traumata weg. Der Kitt der Jugend ist an den Stellen, wo die Biographien auseinanderlaufen, porös geworden, und der Alkohol tut ein Übriges. Wenn nicht Küchenchef Itzinger immer im rechten Moment mit ausgefuchsten Kulinaria aufwarten würde, wäre mit einer Eskalation zu rechnen - so aber bleibt alles mehr oder weniger im Rahmen. Auch die in Aussicht gestellten Partnerwechsel ereignen sich nur in der Phantasie der Protagonisten. Hagen ist derjenige, der die Geschichte mit dem Kakapo - auf sich gemünzt - zum besten gibt; jedoch ist dieser Vogel keineswegs der Schlüssel zu der Erzählung. Als koketter Exkurs ist sie gleichberechtigt den zahllosen anderen Episoden beigeordnet - wie auch der Autor zu seinen Figuren eine, wenn auch nicht sklavische Äquidistanz unterhält. Wie Winfried die Zusammenlegung von SWF und SDR als Insider erlebt hat; wie Gudrun nach Tschernobyl die Kinderernährung von Bauernhof- auf Konservenkost habe umstellen müssen und darüber fast durchgedreht sei; wie man einmal Wieland in Griechenland habe besuchen wollen, und auf die fälschliche Auskunft hin, Wieland sei tot, schockiert wieder abgereist sei - das alles wird in kunstvoller indirekter Rede erzählt: Eine schwelgerische Orgie im Konjunktiv und elliptischem Satzbau, in die sich kein falsches Wort, kein unglaubwürdiger Tonfall mischt. Der einzige im Indikativ wiedergegebene Satz des Buches - Sahras Auskunft an eine Freundin: "Ich bin schwanger" - hätte die große Enthüllung des Abends werden können, geht aber in der emphatischen Nostalgie unter, die die Anwesenden ergriffen hat. In diesem Moment kollektiver Rückschau wird sichtbar, was nach Karl Mannheim, der auch an einer Stelle Erwähnung findet, eine Generationen-Entelechie formt; der mögliche Rückgriff auf eine gemeinsame Prägung entlang von Ereignissen, die nur in einer bestimmten historischen Zeit statthaben konnten. Das müssen im Fall der 68er keineswegs die großen Demonstrationen oder andere überstrapizierte Zentralereignisse gewesen sein; vielmehr ist es, wie "Kakapo" überzeugend unter Beweis stellt, die Gesamtschau individuell gefärbter Begebenheiten, die letzlich eine "durchleuchtbare Textur sozialen Geschehens" (K. Mannheim) in historischer Einmaligkeit hervorbringt. Ohne auch nur in Ansätzen denunziatorisch zu sein, porträtiert "Kakapo" beinahe liebevoll einen Ausschnitt der 68er-Jahrgänge, und wie sie wurden, was sie sind. Kein Plädoyer für Nachsicht, aber das absolute, glaubwürdige, gekonnte und verständnisreiche Sittengemälde einer Generation, die sich nicht eingestehen will, daß die Party langsam vorbei ist. Franz Maria Sonner: Kakapo. Verlag Antje Kunstmann. Berlin 1998, 176 S., DM 32 |