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Jungle World, 26. März 1998

 Fünf Zombies 

Warum John Wessels Krimi "Bis hierher und nicht weiter" süchtig macht 

"Bis hierher und nicht weiter" ist ein gefährliches Buch. In dreierlei Hinsicht: Für den Rezensenten, weil es zu den Romanen gehört, die einen zum Fan machen und somit dazu verleiten, begeistert möglichst viele Details auszuplaudern - was bekanntlich, zumal es sich hier um Kriminalität handelt, verboten ist; für zartbesaitete Menschen, weil das Böse in dieser Geschichte von außergewöhnlich brutalen und niederträchtigen Figuren verkörpert wird; und nicht zuletzt für den Autor und ehemaligen Buchhändler John Wessel, weil er als Debüt gleich einen Roman vorgelegt hat, der schwer zu übertreffen ist. 

Wessels Protagonist und Ich-Erzähler ist Harding, ein 40jähriger Chicagoer Privatdetektiv ohne Lizenz. Er ernährt sich gelegentlich von den Essensabfällen seines Vermieters, der ein griechisches Restaurant besitzt, er streckt uralten Instant-Kaffee mit Mehl oder wärmt kalten Kaffee in der Mikrowelle auf - solche Charakterisierungen, überzeichnete Zitate aus klassischen Privat Eye-Geschichten, ergänzen sich perfekt mit den Beschreibungen jener heruntergekommenen Gegenden von Chicago, in dem Teile dieser Geschichte angesiedelt sind. 

Sein Geld verdient sich Harding mit Drecksarbeit, vermittelt von seinem Ex-Partner Donnie, der mittlerweile auf den Vizepräsidentenposten einer Sicherheitsagentur katapultiert worden ist. Donnie trägt rote Krawatten und spielt Cybergolf - und verkörpert das andere, das saubere Chicago. 

Als Harding an den angesehenen Schönheitschirurgen Stephen Rosenberg beschatten soll, der seine Frau permanent verprügelt und betrügt, kommt ihm der Auftrag zunächst vor wie schmutziges Schnüffler-Business as usual. Der Lizenzlose gerät dabei aber in einen düsteren Strudel von Perversionen und Intrigenspielen, und im Laufe der Arbeit erweist sich der Fall als so undurchschaubar wie sein Leben. Harding gerät fast aus dem Gleichgewicht, als sich Bezugspunkte zwischen dem Fall Rosenberg und einem anderen ergeben - ausgerechnet jenem, der sein Leben einst aus den Fugen hat geraten lassen. Je länger man liest, desto deutlicher wird, warum diesem Roman der Beginn von Dantes "Inferno" vorangestellt ist: "Inmitten meiner Lebensreise verlor ich mich in einem tiefen Wald." 

Weil Harding mehr über Stephen Rosenberg und dessen Ehefrau Elenya erfährt, als er wahrscheinlich wissen möchte, wird er quasi gezwungen, sich permanent um zwei Frauen gleichzeitig zu sorgen: um seine junge und ihm in allen Belangen überlegene Freundin und Mitarbeiterin Alison, die bei diesem Auftrag in Gefahr gerät und schwer verletzt wird, und um Elenya, seine attraktive, aber allemal rätselhafte Klientin. Die meisten Krimi-Schriftsteller hätten diese Konstellation genutzt, um ihren Helden in einen Gewissenskonflikt zu stürzen. Harding jedoch, ein klassisch ritterlicher Privatdetektiv, kann seine Klientin beschützen, ohne daß sich das auf seine Beziehung zu Alison auswirkt. 

"Bis hierher und nicht weiter" zeichnet sich durch eine Originalität aus, die man in dem derzeit stark von weichgekochter Mainstream-Literatur geprägten Krimi-Genre selten findet. Das gilt für die Charaktere (Randfiguren inklusive), die Schauplätze, ja die marginalsten Details. Beispielhaft, wie Wessel die Operationszentrale für Hardings entscheidenden Schlag beschreibt: "Der VW-Bus stammt von Nina, einer Freundin von Alison, die ein Sushi-Restaurant hat. Als wir zum erstenmal die Heizung einschalten, tropft von den Metallrippen des Busses Fischtran, und plötzlich kommen von überall her Katzen und wetzen die Krallen an den Reifen. Wir schalten die Heizung wieder aus und arbeiten im Mantel." 

Die beste Szene spielt im Krankenhaus, kurz nachdem Alison schwer verletzt wird. Eigentlich hatten die beiden Film-Maniacs zusammen zum soundsovielten Male "Die Nacht der lebenden Toten" sehen wollen, doch jetzt sitzt Harding an ihrem Krankenbett und hält ihre Hand. "Ich bin mir gar nicht so sicher, ob sie überhaupt wach ist - mein Geplapper soll nicht nur ihr ein Gefühl der Sicherheit geben, sondern auch mir -, aber als ich die Szene beschreibe, in der vier Zombies die Heldin in einer Einkaufspassage angreifen - ich dekonstruiere das in Form eines ziemlich ausführlichen marxistischen Kommentars und erwähne auch etwas von Derrida, Lacan, Walter Benjamin und Joe Bob Briggs -, bohrt Alison mir, die Augen immer noch geschlossen, einen Fingernagel so tief in die Hand, daß es fast blutet, und hebt dann ganz langsam fünf Finger in die Luft. Fünf Zombies. 'Wo du recht hast, hast du recht', sage ich." Das ist nicht nur bewegend, sondern rechtfertigt auch die Vermutung, daß Harding im richtigen Leben Jungle World lesen würde. 

John Wessel: Bis hierher und nicht weiter.Zsolnay, Wien 1998, 400 S., DM 39,80 


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