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Zivilisationsschwund statt Zivilisationsbruch 

Die instrumentelle Vernunft der bürgerlichen Gesellschaft stand Auschwitz nicht im Weg. 
Von Uli Krug 

Dan Diner hat recht und unrecht zugleich: "Auschwitz" offenbart die Zerstörung von "Zivilisation", aber es handelt sich um die Offenbarung des selbstzerstörenden Mechanismus, der in der Wertförmigkeit jener "Zivilisation" begründet liegt, einer "Zivilisation", die man trotz ihres pathologischen Charakters nur deshalb als solche beschreiben darf, weil der Bewegung des Werts, des "wahren Subjekts" (Marx) der "Zivilisation", einstmals eine Potentialität innewohnte, die die Aufhebung der Naturverfallenheit durch den Verein freier Menschen in Reichweite brachte; eine Potentialität, die nur solange mehr als nur utopischer Wunsch bleibt (dessen Realisierung umso dringlicher ist), solange der im Warentausch eingeschlossene Umschlag von praktischer Vernunft in vernichtungswütigen Amoklauf selber potentiell bleibt. 

Nur so lange, wie die in den vernunftlosen Gang der Akkumulation eingebannte Vernunft trotz dieser ihrer Bestimmung der Selbsterhaltung nicht gänzlich Hohn spricht, nur solange kann überhaupt von Kapitalismus und Zivilisation in einem Atemzug die Rede sein: "Hence the great civilising influence of capital; seine Produktion einer Gesellschaftsstufe, gegen die alle früheren nur als lokale Entwicklungen der Menschheit und als Naturidolatrie erscheinen. Die Natur hört auf als Macht für sich anerkannt zu werden." (Marx) Nur indem Kapital die Naturverfallenheit aufhebt, steht es in einer mehr als nur kontradiktorischen Beziehung zu Vernunft und Selbsterhaltung: "Als das rastlose Streben nach der allgemeinen Form des Reichtums treibt aber das Kapital die Arbeit über die Grenzen ihrer Naturbedürftigkeit hinaus und schafft so die materiellen Elemente für die volle Entwicklung der Tätigkeit selbst, in der die Naturnotwendigkeit in ihrer unmittelbaren Form verschwunden ist; weil an die Stelle des Naturbedürfnisses ein geschichtlich erzeugtes getreten ist." (Marx) 

In dem Prozeß aber, in dem das Kapital eine stoffliche Gestalt annimmt, als System der Produktion, als Maschinerie, als "beseeltes Ungeheuer" auftritt, setzt es sich selber als "Naturnotwendigkeit". Im "fixen Kapital" der hochmaschinisierten Produktion mutieren jene "Formeln" der "Beherrschung der Menschen durch den Produktionsprozeß" zur technischen Notwendigkeit. Je mehr Natur aufhört Macht zu sein, desto mehr verwandelt Kapital, das sich "eine Welt nach seinem Bilde schafft", sich zu einer zweiten Natur, die die überwundene ursprüngliche an Grausam- und Widersinnigkeit noch überbietet. Das "geschichtlich erzeugte Bedürfnis" entpuppt sich als Neuauflage der Naturverfallenheit, als Unterwerfung unters unbeherrschbare Schicksal auf der Grundlage und mit den Mitteln aufgeklärter Naturbeherrschung. In dem zur zweiten Natur gewordenen Kapital wendet sich aber dessen emanzipatorisches Potential, die wie auch immer erzwungene Schaffung von Mehrprodukt, das Menschen wörtlich zu mehr gemacht haben könnte als Naturstoff, der nichts tut, außer sich in dieser rohen Form selbst zu erhalten, ins Katastrophische: Indem die Geblendeten, denen der Schein des fixen Kapitals, wie ein Naturgesetz zu wirken, zum tatsächlichen Schicksal wird, ein zur Selbsterhaltung konzipiertes System beibehalten, obwohl dieses im Selbstlauf seiner steigenden organischen Zusammensetzung aufs Menschenmaterial so souverän verzichtet, wie eigentlich die Menschen auf diese bewußtlose Form der Selbsterhaltung verzichten müßten. Es ist dies ein Höllenzirkel, der an Zwangsläufigkeit nicht zu überbieten ist: In dem Maße, in dem die Apparatur sich perfektioniert, werden statt Arbeit Arbeiter überflüssig; aber um selbst der Überflüssigkeit zu entgehen, müssen die Verbliebenen die Apparatur weiter perfektionieren, ihre Verüberflüssigung betreiben. 

Demgegenüber wirkt die Beschwörung einer "Gegenrationalität" als der unwahrscheinliche Grenzfall gesellschaftlicher Unvernunft, der durch einen Abgrund vom "Normalen" getrennt bleibt: "Mit der von den Nazis erwirkten Annullierung jener Handlungsrationalität ist jene historische Krise charakterisiert, für die der Nationalsozialismus steht. Der Kernbereich jener 'historischen Krise' bleibt verborgen, weil die rationalem Handeln im Sinne von Selbsterhaltung vorausgehenden Denkformen weiterhin zu den fundamentalen kognitiven Bausteinen unserer Lebenswelt gehören müssen." (Diner 1991) Solchermaßen - als einmalige Entgleisung, als Grenzfall - kann nur die Tat selber exterritorialisiert bleiben, nicht aber der Zustand von Naturverfallenheit, der sie überhaupt ermöglichte. Verborgen bleiben muß der "Kernbereich jener Krise" deswegen, weil sie immer noch andauert, ja die verdrängte Grundlage der "Lebenswelt" selber ist. Stur hält das Bewußtsein, wie es Diners Formulierungen unfreiwillig ausplaudern, an der Gleichung Ökonomie = Selbsterhaltung = Vernunft fest, um nicht sehen zu müssen, daß mit der sinkenden Bereitschaft des Kapitals auszubeuten, also in seiner ohnehin bornierten Form wenigstens der physischen Reproduktion seines lebendigen Bestandteils zu dienen, das "traditionell Böse", wie es gemäß der Dinerschen Definition selbst noch der Sklavenhaltung der frühen Neuzeit eigen war, zugunsten der "Gegenrationalität" ausstirbt. Zivilisation und Wertform sind nur solange durch ein loses Band verknüpft, wie die Apparatur der Selbsterhaltung, das konstante, fixe Kapital der lebendigen Arbeit noch im großen Maßstab bedurfte. Dieses Band ist gerissen, weil die organische Zusammensetzung von Kapital und Subjekt ein Maß überschritten hat, jenseits dessen Selbsterhaltung und Vernichtung sich nicht mehr voneinander trennen lassen, obwohl der Stand der Naturbeherrschung jegliche Notdürftigkeit, die in archaischen Zeiten vielleicht die Tötung des Futterkonkurrenten verlangte, längst abgeschafft hatte: "Zivilisation ist der Sieg der Gesellschaft über die Natur, der alles in bloße Natur verwandelt" (Horkheimer/ Adorno 1988, 195). Dieses Realparadox - vollendete Unfreiheit im Zustande fortgeschrittenster Befreiung von Naturnotwendigkeit - besteht, solange das "automatische Subjekt" (Marx) prozessiert, und den so dringend erforderlichen "Verein freier Menschen" zur unwahrscheinlichen Option der Geschichte macht. Die Alternative, ob der Nationalsozialismus nun die Verwirklichung der inhärenten Möglichkeiten "westlicher Zivilisation" oder ein Bruch mit ihr war, ist keine mehr. Nachdem das Kapital nicht daran gehindert wurde, sich selbst als reales Gemeinwesen zu setzen, zerstörte es den Gebrauchswert der von ihm gestifteten Vergesellschaftung, der darin bestanden hätte, aus der Naturverfallenheit herauszuführen. 

Weil der Nationalsozialismus zur Gänze beides in einer Gestalt ist - Entfaltung der barbarischen Möglichkeiten des Kapitals, die als Bruch erscheint bzw. Bruch in der Verfolgung seiner innersten Konsequenz -, übersteigt er das Denkvermögen derjenigen, die glauben, daß im Kern der bürgerlichen Zivilisation nichts geschehen wäre, als der Begriff des Kapitals mit seiner stofflichen Gestalt identisch wurde, als sich die Formeln in Automaten inkarnierten. 

Der Nationalsozialismus indiziert keinen "Zivilisationsbruch", sondern einen säkularen Zivilisationsschwund; er ist das krasseste Exempel dafür, daß die Zweckrationalität, Geschäftsgrundlage des bürgerlichen Bewußtseins, auf - wenn überhaupt - Mittelrationalität schrumpft, daß zwischen Naturbeherrschung und Selbsterhaltung kein notwendiger Zusammenhang mehr besteht - ein Rätsel, das jeder bloß historischen "Rekonstruktion" hartnäckig standhält. Wahr ist, daß Auschwitz aus praktischer Vernunft heraus nicht zu erklären ist. Unwahr aber ist, daß die praktische Vernunft Auschwitz widerspricht: "Die neue Ordnung des Faschismus ist Vernunft, die sich selbst als Unvernunft enthüllt". (Horkheimer) 

(...) So sehr Auschwitz ein originäres, in dieser Form nicht wiederkehren könnendes Resultat des deutschen Volksstaates war, so sehr kann "Zivilisation" nur noch die globale Aufhebung des Bannes, ohne den Auschwitz nicht möglich gewesen wäre, bedeuten. Der Kapitalismus bedarf - spätestens seit das fixe Kapital selber die Gestalt eines umfassenden Gebrauchswerts angenommen hat - keiner äußerlichen, mysteriösen Zutat, um in sinnlose Vernichtung umzuschlagen. Die Identität von Selbsterhaltung und Vernichtung stiftet der "prozessierende Widerspruch" aus eigener Dynamik. Der sogenannte deutsche Sonderweg ist keine Abweichung von der kapitalistischen Normalität, sondern deren äußerste Konsequenz. Erklärungsbedürftig wären vielmehr die Umstände, die in anderen autoritären Staaten die mörderische Dialektik des fixen Kapitals daran gehindert haben, sich einen derart adäquaten Ausdruck zu schaffen, wie es Auschwitz war. Was immer diese Umstände waren und noch sind, Relikte der "heroischen Ära" des Bürgertums oder die versuchte Abschaffung des Privateigentums im Sozialismus; ein Ende der durchs Kapital vermittelten Naturverfallenheit von Gesellschaft ist nur noch vom "Verein freier Menschen" zu erwarten - vom Kommunismus. 

Zu diesem Thema ist in der neuen Bahamas (Nr. 25) ein längeren Aufsatz von Uli Krug erschienen. 


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