Einen doppelten Dimitroff, bitte!Ein Brief an Hermann L. Gremliza.
Lieber Hermann, im letzten Dossier der Jungle World (gemeint ist das "Links-Rechts"-Dossier vom 4. Dezember 1997) kündigt sich nun auch in größerem Rahmen eine Polarisierung an, vor der mir graut und die wir mit unserem Buch ("Goldhagen und die deutsche Linke") mit Sicherheit nicht hatten auslösen wollen: Anstatt sich mit Goldhagens Thesen auseinanderzusetzen und Schlußfolgerungen daraus zu ziehen, um linke Analyse und Theoriebildung zu erweitern, wird der Abschied von falscher linker Analyse als Abschied von Marx oder der Linken insgesamt zelebriert. Und als Gegenreflex wird dann auf jener falschen linken Analyse und einem "Durch-die-Hintertür-Dimitroff" beharrt? (Ö) Es gibt ja seit vielen Jahren den Streit um die Begriffe "Nationalsozialismus" vs. "deutscher Faschismus", die mit unterschiedlichen Deutungen jener Zeit korrespondieren. Du hast Dich nicht für den einen oder für den anderen Begriff entschieden, sondern für die Kombination: "Der Holocaust charakterisiert den Nationalsozialismus, der zugleich als Faschismus die imperialistischen Ziele der deutschen Bourgeoisie verfolgt. (...) Dimitroffs Theorie beschreibt den Faschismus, und also den Nationalsozialismus, nur insoweit er Faschismus war - sie ist keine Theorie des Nationalsozialismus, die dessen besonderes Merkmal, die Vernichtung der europäischen Juden, auch nur zu erklären versuchte." Was aber soll das bedeuten? Gehst Du von einer Art Doppelherrschaft von Nazis und Bourgeoisie aus, unter der die Nazis den Holocaust machen durften und die Imperialisten das Geschäft? Dann hätte Dimitroff falsch gelegen, weil er eben dies verkannte. Oder liegt Deiner Kombination eine zeitliche Abfolge zugrunde, wonach bis, sagen wir, 1939 der von Dimitroff beschriebene Faschismus als "die Macht des Finanzkapitals selbst" herrschte, der dann erst im Zuge der Vernichtung der Juden - quasi janusköpfig - seine nationalsozialistische Seite offenbarte? Diese Deutung würde der massenhaften, bis 1941 sich steigernden Zustimmung zur NS-Politik, die alle neueren Untersuchungen zweifelsfrei belegen, nicht gerecht werden können. Mir scheint Deine Kombinationsthese ein fauler Kompromiß zu sein. Wir alle wissen inzwischen, daß der Holocaust mit einem unmittelbaren imperialistischen Interesse nicht länger erklärt werden kann. Also trennst Du ihn vom Faschismus ab und reklamierst für den letzteren die fortwährende Richtigkeit der Dimitroffschen Beschreibung. Oder sehe ich das gänzlich falsch? Wenn ich richtig informiert bin, hat es diese Form der Teil-Rehabilitation von Dimitroff, derzufolge seine Theorie den Faschismus immerhin beschreibe, "Nationalsozialismus, soweit er Faschismus war", in den letzten Jahren weder von Pätzold noch von Gossweiler oder Kühnl mehr gegeben, weil man sich auf diese "Theorie" Dimitroffs (es war wohl mehr die Erläuterung einer neuen politischen Taktik) zustimmend überhaupt nicht mehr beziehen kann. Die Separierung von "Nationalsozialismus" und deutschem "Faschismus" ist m.E. eine reine Fiktion. Der Nationalsozialismus war keine Erweiterung oder Unterabteilung des deutschen Faschismus, sondern dieser selbst. Deswegen kann man zu Goldhagens These von der Zentralität des Holocaust für den Nationalsozialismus auch nicht "ja und nein" sagen, wie Du es tust. Wenn Goldhagens These stimmt, war der Holocaust seit 1933 das Ziel der deutschen Politik. Wenn sie nicht stimmt, war der Holocaust nicht das Kennzeichen des, sondern seine mehr oder weniger zufällige Begleiterscheinung. Der Streit um diese Alternative ist eine jener dringlichen Auseinandersetzungen, die um Goldhagens Buch geführt werden müßten, aber nicht geführt werden. Es geht mir nicht darum zu bestreiten, daß nach den Massenerfolgen der NSDAP Hitler für maßgebliche Teile des Kapitals interessant und später auch äußerst lukrativ geworden ist. Das Verhältnis des Kapitals zum NS-Herrschaftssystem wird bei Barkai als "das des 'sleeping partners' oder 'stillen Teilhabers' definiert, der die Gewinne der 'Firma' bezieht, ohne Mitspracherecht an deren Leitung und Geschäftsführung". Für diese Charakterisierung scheint einiges zu sprechen. Und es wäre absurd, vor lauter antideutschem Sentiment die Rolle etwa des französischen, britischen oder US-amerikanischen Kapitals hinsichtlich der Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus zu unterschlagen. Es kann aus meiner Sicht nicht darum gehen, in einer Pendelbewegung anstelle des deutschen Kapitals nun die organisierte deutsche Arbeiterklasse für Hitlers Machtübernahme verantwortlich zu machen. Sondern es geht um die Wechselbeziehung zwischen Volk und Führung sowie um die Widerlegung des weitverbreiteten Mythos, demzufolge sich die deutsche Bevölkerung unter Hitler in eine terrorisierte bzw. durch Gehirnwäsche manipulierte Masse ohne eigenständige politsche und soziale Ansichten verwandelt hat. Dieser Mythos, der seit Dimitroff die kommunistische Nationalsozialismus-Interpretation dominiert, wurde in Deinem Artikel - im Widerspruch oder in Ergänzung zu den ersten fünf Zeilen des Textes - neu aufgelegt. Wenn Du etwa schreibst, daß das kennzeichnende Merkmal des Faschismus (doch wohl auch in Deutschland?) darin bestehe, daß die bürgerliche Demokratie in eine Herrschaftsform transformiert werde, die den Gegensatz der Klassen in einer Volksgemeinschaft scheinbar aufhebe, "und zwar mit den Mitteln des Terrors und der Propaganda", dann bleibt in dieser Formel die Dichotomie von der Herrschaft, die Terror ausübt und Propaganda verbreitet, und den Beherrschten, die von beidem jeweils das Opfer sind, erhalten. Wie ich Dir schon zu erkennen gab, hatte mich insbesondere der Absatz Deiner Fußnote irritiert, der mit "Wenn die Vernichtung der europäischen Juden ..." beginnt, und in dessen Anfangszitat nicht vom eliminierenden (also vertreibenden) Antisemitismus, sondern vom vernichtenden, also dem "exterminatorischen Antisemitismus" die Rede war. Ich will nicht bestreiten, daß es auch das Interesse deutscher Mittelständler, Industrieller und Bankiers an der Bereichung mit "arisiertem" Vermögen gab. Dies war ein Motiv, Juden zu vertreiben oder in ihrer beruflichen Existenz zu ruinieren. Du sprichst aber von dem geschäftlichen Interesse jener Bankiers an "der möglichst spurlosen Beseitigung" der Juden, also ihrer Auflösung in Rauch. Damit wird zumindest partiell eine materieller Zwecksetzung der Gaskammern suggeriert, die es nicht gab. Kühnl hatte diesen Nachweis bereits in seinen Faschismus-Dokumenten zu erbringen gesucht. Wir haben das in unserem Buch (S. 27) kritisiert. (Ö) Hätte Reinhard Kühnl diese Fußnote in den Marxistischen Blättern geschrieben, wäre mir das vollkommen gleichgültig gewesen. Selbstverständlich sehe ich Deine/Eure Meriten - die Editorials von 1989, die Golfkriegsintervention (durch die ihr mit falschen Argumenten das Richtige bewirkt habt), den Pohrt zur Inneren Einheit von 1991, die Aly/Heim-Debatte, die Groehler-Debatte um den Antisemitismus in der DDR usw. usf. Ohne diesen Hintergrund hätte mich Euer verkürzter Umgang mit Goldhagen nicht so erstaunt. Das eigentlich Angemessene wäre eine Konferenz der antinationalen Linken zum Thema Nationalsozialismus und Antisemitismus aus Anlaß der Goldhagen-Thesen und in einem Rahmen, der etwa demjenigen der Dresdener Konferenz von 1994 entspricht. Statt dessen scheint unser Buch zum Katalysator einer gänzlich anderen Debatte zu werde, eine Debatte, mit der es die Restlinke erneut erfolgreich geschafft haben würde, den Herausforderungen, die Goldhagens Thesen enthalten, und der Grunddiskussion, die daraus eigentlich zu folgen hätte, aus dem Weg zu gehen. Anmerkung der Jungle World-Redaktion: Der obige Brief von Matthias Küntzel an Hermann L. Gremliza stammt vom 9. Dezember 1997 und kritisiert den Artikel ("Fußnote zu Zuwi"), den Gremliza im Anschluß an eine Rezension von "Goldhagen und die deutsche Linke" in konkret 10/97 veröffentlicht hatte. Nach der öffentlichen Antwort Gremlizas (vgl. konkret 2/98) hat uns Küntzel dieses Schreiben zur Verfügung gestellt. |