Dekonstruktivismus und/oder GesellschaftskritikWie Derrida und Lyotard in der Linken en vogue geworden sind. Von Egon MüllerUngefähr vor zehn oder zwölf Jahren drang das Gift des Dekonstruktivismus in mich ein. Seit dieser Zeit jedenfalls benutze ich das Wort "Diskurs". Zunächst wußte ich gar nicht, was das ist, aber es hörte sich verdammt gut an, und um mitzuhalten, mußte man es ab und zu einbauen. Mit der Zeit bekam ich dann mit, daß Diskurs ungefähr Diskussion hoch zehn bedeutet, oder alle Diskussion in allen WGs der Republik zusammengenommen, und damit war ich der Mehrheit meines politischen Milieus - K-Grüppler, Autonome, Linksradikale - schon ein bißchen voraus. "Wir brauchen einen neuen Diskurs über Fragen der politischen Militanz" - so ein Satz, nach den Schüssen an der Startbahn West 1987 gesprochen, machte auf einem Plenum schon etwas her. Während die akademische Linke sich spätestens seit dieser Zeit fast nur noch mit Diskurs-Theorien, Dekonstruktivismus und Poststrukturalismus - was alles ungefähr dasselbe bedeutet - beschäftigte, hielten sich orthodoxe Linke, sieht man vom "Diskurs"-Vokabular ab, davon fern. Was war schon Foucault, Lyotard und Deleuze gegen Marx und Lenin? Und für Überbauphänomene, wie das damals hieß, gab es ja noch Gramsci und seinen Hegemonieansatz. Diese Splendid isolation änderte sich mit der Wiedervereinigung. Während das Gros der Linken sich unausgesprochen an Willy Brandts Satz "Der Zug ist abgefahren" orientierte, stemmte sich eine kleine Minderheit dagegen, man nannte uns bald die Antideutschen oder Antinationalen. Man empfahl uns, auf die Bahamas auszuwandern (eine Gruppe machte daraus gleich den Namen ihres Zirkulars), da doch eine solche Haltung angesichts der Macht- und Mehrheitsverhältnisse im Land ziemlich wirklichkeitsfremd sei, also: "idealistisch". Idealistisch? Genau von diesem Zeitpunkt an merkten auch ziemlich begriffsstutzige Leute wie ich, daß mit dem guten alten Materialismus-Begriff der Linken etwas nicht stimmte, und damit auch mit dem Basis-Überbau-Topos. Waren mit dem Hinweis auf die "realen Kräfteverhältnisse", auf die "zurückgebliebenen Produktivkräfte", auf die fehlende "materielle Basis" nicht immer und überall die echten Revolutionäre von den Kompromißlern ausgebremst, inhaftiert, liquidiert worden? Beim frühen Horkheimer konnte man das nachlesen, bei Linkskommunisten wie Korsch und Mattick - Spuren dieser Rezeption "idealistischer" Klassiker finden sich noch heute zum Beispiel in den Arbeiten von Trampert/Ebermann (die ebenfalls damals zu den Antinationalen gestoßen waren). Diese erste Theoriewelle der Post-89er-Linken verlief also noch weitgehend im Rahmen des Marxismus, freilich kreativ erweitert durch Versatzstücke der Kritischen Theorie. Als wesentliches Ergebnis wurde schon bald überall - außer bei der PDS, der DKP und anderen Steinzeit-MLern - anerkannt: Der linke Bezug auf Nation und Volk ist reaktionär, denn Nation und Volk sind nichts Überzeitliches, Anthropologisches, vielmehr handele es sich um "staatliche Konstrukte und kollektive Halluzinationen" (Elsässer). Das war ein großer Erkenntnisfortschritt und machte die kommunistische Gesellschaftskritik wieder scharf gegen die deutschen Zustände. Doch schnell tauchte eine neue Fragestellung auf: Wenn die Kategorie Nation ein Konstrukt ist, warum kann man die Kategorie Geschlecht dann nicht auch so fassen? Hier trifft die Nie-wieder-Deutschland-Strömung, bis zu jenem Zeitpunkt theoretisch immer noch im Gravitationsfeld von Marx, auf ein völlig neues philosophisches Universum: Die erste, noch ganz sympathische Besucherin aus der anderen Welt war Judith Butler, aber im Gefolge der Sex/Gender-Debatte brach schnell die ganze Armada der postmodernen Aliens über uns herein. Vor allem in der Pop- und Anti-Pop-Linken, also dem Kreis um die Zeitschriften Spex und Die Beute, fand diese theoretische Invasion schon bald Fans, während konkret sich dagegen abschloß. Das antinationale Lager, das 1994 noch einen großen gemeinsamen Kongreß in Dresden veranstaltet hatte, zerfiel in eine Post-Strömung auf der einen, einen marxistisch-adornitischen Flügel auf der anderen Seite. Der Zerfall war unspektakulär, fast nicht zu bemerken: Man geht seiner Wege und kümmert sich nicht mehr umeinander, hat sich nichts zu sagen. Der einzige Kommunikator zwischen den beiden Universen ist Günther Jacob, der ebenso lange ML-Kader wie Discjockey war und sich deshalb mit einem Kauderwelsch in beiden Idiomen hinreichend verständlich machen kann. Das alles hätte vermutlich niemanden interessiert, wäre nicht Goldhagen gekommen. Goldhagen brachte die Wahrheit, von der die Antinationalen jeder Schattierung seit Jahren gesprochen hatten, auf eine ebenso einfache wie richtige Formel - "No Germans No Holocaust". Zu gleicher Zeit war er, philosophisch gesprochen, eindeutig ein Poststrukturalist: Der "eliminatorische Antisemitismus" der Deutschen ist für ihn nichts anderes als Ergebnis eines "gesellschaftlichen Gesprächs", eines Diskurses - eine materielle Basis dafür gibt für ihn es nicht. "Im Gegensatz zu Marx' bekanntem Diktum gehe ich davon aus, daß das Bewußtsein das Sein bestimmt", lautet sein Resümée. Nun passiert aber etwas Eigenartiges: Trotz seines - nicht expliziten, aber eindeutigen - Bekenntnisses zum Poststrukturalismus finden sich die heftigsten Freunde Goldhagens nicht bei den linksdeutschen Anhängern Lyotards - die Goldhagen-Rezeption in der Beute oder Spex kann man mit der Lupe suchen -, sondern bei den eher an Marx orientierten Redakteuren und Autoren von konkret und Junge Welt (heute Jungle World). Damit werden die Karten neu gemischt: Kann man Goldhagen gut finden, ohne gleichzeitig nicht nur mit dem flachen Materialismus der Komintern, sondern mit jedem Materialismus zu brechen? Sagt man damit nicht ganz grundsätzlich Good-bye zu Marx und Adorno? Oder können die Ideen der französischen Philosophen mit der Kritischen Theorie kombiniert werden? Last not least und ganz pragmatisch: Ist die Dekonstruktion reaktionärer Ideen, solange die materielle Basis der Gesellschaft nicht revolutioniert werden kann, nicht der einzige Weg, Nation, Staat und Patriarchat Paroli zu bieten? Könnte ein kommunistischer Materialismus mit der "diskursiven" Subversion ein taktisches Bündnis eingehen? Der folgende Essay enthält dazu eine eindeutige Antwort: Nein. Die Debatte wird fortgesetzt. |