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Mach Urlaub, Schwester!

Bündnisse für Arbeit kommen und gehen, die Krise bleibt bestehen - besonders im Osten. Im vergangen Jahr noch haben Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Verbündeten in Wirtschaft und Gewerkschaft ein sogenanntes Bündnis für Arbeit Ost ins Leben gerufen. Kernpunkt war ein Appell an die Handelsunternehmen, mehr Ostprodukte zu kaufen. Da aber die Wessis viel bessere Trabbis, RFT-Rekorder und Mondos herstellen können und damit das ganze Land beglücken wollen, stauen sich halt nach wie vor Lkw auf den ehemaligen Transitstrecken und Arbeitslose vor den zuständigen Ämtern - die Nürnberger Januarstatistik ist ein anschauliches Beispiel.

Daß es auch anders geht, das will der gewiefte Geschäftsführer der Chemnitzer Klinik, Dietmar Nichterlein, mit seinem "Bündnis für Arbeit" beweisen. Er schlägt seinen 2 800 Angestellten vor, jährlich zwei Tage unbezahlten Urlaub zu nehmen. Das, was die Karl-Marx-Städter von früher nicht kennen, klingt verlockend: zwei Tage weniger Flure schrubben, Essen kochen, Spritzen setzen, Laken falten, Ärsche abwischen, Pillen austeilen, Bleischürzen schleppen, visitieren; statt dessen locken Claudia Schiffer, Sand, Bier und Ballermänner auf Mallorca oder Markus Wasmeier, Schnee, Jager-Tee und Skilehrer am Spitzingsee. Wahlweise können die geliebten Schwestern - die Freizeit nehm' ich mir - auch im wunderschönen Chemnitz bleiben, ihre arbeitslosen Männer ins Kino ausführen, die Wohnung renovieren oder Unkraut jäten. Und für einen guten Zweck ist sie auch noch - die neue Freiheit, den Chefarzt nicht grüßen zu müssen. Wenn alle mitmachten, rechnet Nichterlein vor, könnten 40 junge Schwestern eingestellt werden, finanziert von den Beschäftigten. Schließlich träumen die Absolventinnen davon mehr als von Mr. Paolo geküßt zu werden: 1997 erhielten von 112 Absolventinnen nur 24 eine feste Stelle. Ginge es nach Nichterlein, könnte fast jede zweite Examinierte die Freuden nächtlicher Arbeit genießen.

Nur die gewerkschaftlichen Arbeitsantreiber wollen nicht so ganz mitspielen. Der Chemnitzer DAG-Sekretär Harald Krause argwöhnt, Nichterlein wolle sich "auf Kosten bedrohter Menschen populistisch profilieren". Und damit die Schwestern zwei Tage weniger pro Jahr ausschlafen können, kramt er vom Wühltisch des Sozialneids ein Sonder-Argument hervor: Statt die Schwestern zu schröpfen, sollten lieber die Chefärzte auf Zulagen verzichten.

Das ist einigermaßen fadenscheinig: In unzähligen Betrieben haben sich Betriebsräte und Gewerkschaften längst auf sogenannte Bündnisse für Arbeit eingelassen. Die Maßnahmen: unbezahlte Überstunden, Lohnkürzungen, weniger Urlaub, Streichung der überstundenzuschläge durch flexible Arbeitszeiten etc. Mehr arbeiten für weniger Geld. Im Vergleich dazu ist der Chemnitzer Vorschlag - weniger arbeiten für weniger Geld - geradezu großzügig. Denn mal abgesehen davon, daß das ganze grundsätzlich das Vorurteil, mit Lohnverzicht könnten Arbeitsplätze geschaffen werden, reproduziert, haben die Chemnitzer Schwestern etwas von ihrer Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich: mehr Urlaub und vielleicht ein paar neue Kolleginnen, die Semmeln und Kaffee holen.

  •  Richard Rother


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