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Nr. 51/2002 - 11. Dezember 2002
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Afrika wird nicht zugrunde gehen

Die Geschichte von Aids in Afrika. Von Christoph Benn

Gegenwärtige Berichte über Aids in Afrika beginnen meist mit Statistiken über Millionen von Infizierten und mit Szenarien verwüsteter Landschaften. Diese Darstellungen sind sachlich nicht falsch, und doch führen sie oftmals nicht unbedingt zu einem besseren Verständnis der Situation. In diesem Beitrag soll in aller Kürze die Geschichte einer Krankheit erzählt werden, die wie kaum eine andere in der Menschheitsgeschichte das Überleben von ganzen Gesellschaften bedroht und geradezu zu einem Symbol für eine globalisierte, aber abwehrgeschwächte Welt geworden ist.

Wir schreiben das Jahr 1981. Fünf junge Männer in Los Angeles erkranken an einer mysteriösen Krankheit. Sie sind jung, offensichtlich leistungsfähig, und doch bricht plötzlich wie aus heiterem Himmel ihr Immunsystem zusammen.

Ein Arzt erkennt, dass es sich hier um ein neues Syndrom handelt, und veröffentlicht seine Beobachtungen. Die Ursache dieses Phänomens liegt völlig im Dunkeln. Nur ein Faktum ist bekannt: Alle fünf Männer sind homosexuell. Man spricht von Grid (Gay related immune deficiency).

Gleichzeitig in einer ganz anderen Weltregion: In Uganda herrscht ein grausamer Diktator, Idi Amin. Als er seine Truppen im Nachbarland Tansania einmarschieren lässt, ist die Geduld der Tansanier zu Ende. Sie schlagen zurück, und nach langen Kämpfen wird Idi Amin abgesetzt. Kurz danach beobachten die Menschen in der Region ein merkwürdiges Phänomen: Junge Menschen magern extrem ab und sterben nach einer Krankheitsphase, die begleitet ist von Lungenentzündungen und Durchfällen. Man spricht von der slim-disease, da die Abmagerung am meisten ins Auge sticht.

Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass die Ereignisse in Los Angeles und in Kampala miteinander in Verbindung stehen. Jahre später werden Wissenschaftler herausfinden, dass es sich bei dieser neuen Krankheit um eine Virusinfektion handelt, dass dieses Virus aller Wahrscheinlichkeit nach um das Jahr 1930 durch eine Mutation aus einem eng verwandten Virus entstanden ist. Aber dieses Virus verbreitete sich zunächst nur langsam. Es musste erst die Bedingungen für eine massenhafte Vermehrung finden: Mobilität durch neue Transportmöglichkeiten, größere Konzentration von Menschen in urbanen Ballungszentren oder Wirtschaftszentren wie Minen und Bergbau, Menschenbewegungen durch Krieg und Bürgerkrieg wie an der Grenze zwischen Uganda und Tansania mit allen Folgeerscheinungen von Gewalt, vor allem auch sexueller Gewalt gegen Frauen.

1985 kommt ein neuer Test auf den Markt. Mit seiner Hilfe können Antikörper gegen dieses Virus nachgewiesen werden. In Nordamerika und Europa bricht geradezu eine Hysterie aus. Man sieht die Gesellschaften bedroht und startet Aufklärungskampagnen. Man erkennt schnell, dass es sich um eine sexuell übertragene Erkrankung handelt. Die Infektion kann relativ leicht durch Benutzung eines Kondoms verhindert werden. Sexuelles Verhalten ändert sich nicht über Nacht, aber die Epidemie schwächt sich in den Industrienationen stark ab. Für viele kommt diese Entwicklung aber zu spät. Sie sind zu diesem Zeitpunkt schon infiziert. Inzwischen weiß man, dass diese neue Krankheit eine extrem lange Inkubationszeit hat, d.h. zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit vergehen im Durchschnitt zehn Jahre. Der Höhepunkt der Sterblichkeit wird in Westeuropa Anfang der neunziger Jahre erreicht.

Zurück nach Afrika. Die Welt hat inzwischen wahrgenommen, dass sich diese neue Krankheit offensichtlich in Zentralafrika besonders in der Region um den Viktoriasee dramatisch ausbreitet. Es gibt Aids-Konferenzen, auf denen Wissenschaftler Statistiken vorlegen, über steigende Krankheits- und Sterblichkeitsraten diskutieren. Aber die Gesundheitsminister Afrikas interessieren sich zunächst wenig für diese Schreckensszenarien. Sie halten es für eine Übertreibung westlicher Medien. Außerdem haben sie mit vielen Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Dass Menschen viel zu früh sterben, ist in Afrika keineswegs ein neues Phänomen.

Es gibt eine Ausnahme. In Uganda kommt 1986 ein neuer Präsident an die Macht. Yoweri Museveni hat sich im Dschungelkrieg gegen seine Widersacher durchgesetzt. Angeblich fürchtet er um die Gesundheit seiner jungen Soldaten. Auf jeden Fall macht er die Aids-Bekämpfung zur Chefsache. Man beginnt mit Aufklärungskampagnen im ganzen Land. Selbsthilfegruppen gründen sich und man versucht, diese neue Krankheit aus der Tabuzone herauszuholen. Leider bleibt Uganda lange Zeit eine Ausnahme. In Kenia fürchtet man um die wichtige Tourismusindustrie, in Südafrika sitzt Nelson Mandela noch im Gefängnis, und man ist beschäftigt mit der Abschaffung der Apartheid. Wenn Aids im südlichen Afrika überhaupt wahrgenommen wird, dann als Krankheit von weißen Homosexuellen.

Ende der achtziger Jahre registrieren Ärzte auch in den ländlichen Regionen Afrikas eine drastische Zunahme von HIV/Aids. Aber für die Menschen ist der Zusammenhang zwischen dem Sexualverhalten und Aids nur schwer nachzuvollziehen. In der traditionellen Gesellschaft führen Tabubrüche auch im sexuellen Bereich durchaus zu Krankheiten, aber nicht mit zehnjähriger Verzögerung und in so diffuser Weise wie bei HIV/Aids. Es scheinen doch fast alle betroffen zu sein, also muss es sich um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen handeln, das sich der persönlichen Verantwortung entzieht.

Der westliche Individualismus entspricht nicht der afrikanischen Weltanschauung. Man existiert in einer Gemeinschaft, in der es nicht auf den Einzelnen und sein Verhalten ankommt. Kein Wunder, dass Kondome weitgehend abgelehnt werden. Kirchen und Religionsgemeinschaften vergrößern sicherlich das Misstrauen gegenüber dieser scheinbar so einfachen Lösung, aber die Vorbehalte sitzen sehr viel tiefer.

Mitte der neunziger Jahre hat sich das Virus über den ganzen Kontinent bis nach Westafrika und vor allem bis in das südliche Afrika ausgebreitet. Dort erreichen die Infektionsraten 20 bis 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Sie sind weit höher als in den zuerst betroffenen Ländern wie Uganda und Tansania. In der Republik Südafrika hat man inzwischen das verhasste und menschenverachtende Apartheidssystem abgeschafft. Die Welt ist beeindruckt vom friedlichen Wandel und vom neuen Präsidenten Nelson Mandela. Er hat mit vielen Problemen zu kämpfen und kann sich der wachsenden Bedrohung durch Aids nicht auch noch widmen. Erst nach seiner Amtszeit wird deutlich, dass diese Krankheit hier offensichtlich noch stärker wütet als anderswo.

Aber wie soll man darauf reagieren? Der neue Präsident Thabo Mbeki predigt eine afrikanische Renaissance, er ist zu Recht stolz auf die Errungenschaften seiner jungen Regenbogennation. Er hofft auf ausländische Investitionen und darauf, dass sich Südafrika als wirtschaftliches Zentrum für den afrikanischen Kontinent etabliert. Soll er der Welt jetzt erzählen, dass ein Viertel seiner erwachsenen Bevölkerung mit HIV infiziert ist, dass seine Firmen zwei bis drei Mitarbeiter pro Stelle ausbilden müssen, weil so viele in der Zwischenzeit sterben werden, dass die Weltbank drastische Rückgänge des Wirtschaftswachstums durch Aids errechnet, und der Weltsicherheitsrat Aids zu einem Sicherheitsrisiko erklärt, das ganze Regionen in Afrika destabilisiert? Er tut es nicht. In seiner Eröffnungsrede zur Welt-Aids-Konferenz in Durban im Juli 2000 stellt er in Frage, ob HIV tatsächlich der Auslöser von Aids ist, und erklärt, dass seine Landsleute nicht an Aids, sondern an Armut sterben.

Die Weltöffentlichkeit und die versammelte Wissenschaft sind empört. Wie kann jemand ihre wissenschaftlich bewiesenen Theorien in Zweifel ziehen? Mbekis Thesen sind zum Teil nachvollziehbar. Selbstverständlich hat Aids etwas mit Armut zu tun. Würden Familien nicht durch Wanderarbeit systematisch getrennt, stünde das Gesundheitssystem nicht am Rande des Zusammenbruchs, wäre das Erziehungswesen nicht chronisch unterfinanziert, dann fände Aids nicht solch einen fruchtbaren Nährboden.

Aber es gibt eben keinen direkten Zusammenhang zwischen Armut und Aids, wie Mbeki behauptet. Botswana ist eines der reichsten Länder des Kontinents und meldet inzwischen erschütternde Infektionsraten von fast 40 Prozent, während Uganda immer noch arm ist, aber durch erfolgreiche Präventionsmaßnahmen die HIV-Rate auf weniger als acht Prozent reduziert hat. Tragischerweise verstärkt Mbeki auch noch die vorhandene Tendenz seiner Landsleute, keine persönliche Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen, das zu einem höheren Ansteckungsrisiko führt. Denn wenn Aids letztlich durch Armut verursacht wird, braucht man keine Kondome mehr.

Wie sieht die Zukunft für Afrika aus? Die Antwort muss offen bleiben. Es gibt ermutigende Tendenzen. In Uganda geht HIV / Aids zurück, in Sambia und Tansania gibt es Anzeichen, dass auch hier der Höhepunkt überschritten ist. Wirksame Behandlung, die bislang für Afrika als unbezahlbar und zu kompliziert angesehen wurde, könnte zunehmend verfügbar werden. Die Preise sind um 95 Prozent gefallen, der Globale Fonds als internationales Solidarinstrument stellt größere Finanzsummen zur Verfügung, und verschiedene Organisationen arbeiten daran, Prävention und Behandlung zu intensivieren. Trotzdem wird Aids den afrikanischen Kontinent stärker verändern als alle bisherigen Katastrophen, einschließlich der Sklaverei und der zahllosen Kriege und Bürgerkriege. Aids ist nicht nur eine neue Krankheit, sondern ein Phänomen der Globalisierung und der Postmoderne, das den afrikanischen Kontinent auf brutalste Weise heimsucht und auf das er nicht vorbereitet war. Dieses Virus traf auf Gesellschaften, die durch Kolonialisation, wirtschaftliche Ausbeutung und die Auflösung traditioneller Gesellschaftsformen geschwächt waren. Sie sollten Konzepte übernehmen, die kulturell fremd waren und im weltanschaulichen Kontext nicht überzeugen konnten.

Afrika wird an Aids nicht zugrunde gehen. Der Zusammenhalt der Menschen, ihre Leidensfähigkeit und ihre Lebenskraft sind für Westeuropäer oftmals nur schwer begreiflich, aber ohne Frage die wichtigsten Elemente zur Überwindung dieser Katastrophe. Die Kräfte zur Überwindung der Immunschwächekrankheit müssen von innen kommen. Aber Afrika braucht trotzdem unsere Solidarität. Aids ist ein globales Phänomen, und es bedarf wahrhaft globaler Anstrengungen, um diese größte medizinische und soziale Katastrophe der Neuzeit wirksam zu bekämpfen.


Christoph Benn ist stellvertretender Direktor des deutschen Instituts für ärztliche Mission in Tübingen und Leiter der Aids-Abteilung. Von 1988 bis 1992 leitete er ein Aids-Kontrollprogramm in Tansania; seitdem engagiert er sich in vielen Ländern als Berater von Aids-Programmen, u.a. in Kenia, Uganda, Botswana, Namibia und Südafrika sowie in Indien, Thailand, Indonesien, China und Russland.



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