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Subtropen #20/12 - Dezember 2002
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Panoptikum der Kontrollgesellschaft

Wie funktioniert Herrschaft im Zeitalter der neuen Technologien? | Alex Galloway

»Hinabsteigen zu den verborgenen Stätten der Produktion«: Alex Galloway begibt sich in seinem Essay in die technische Sphäre des Empire und zeigt, wie in der Computertechnologie mit dem Mittel des Protokolls Kontrolle ausgeübt wird. Das Protokoll greift auf das Funktionieren von Körpern innerhalb ihrer sozialen Räume über, was Galloway wiederum zu Foucaults Konzept der Biopolitik führt.


Wie funktioniert Herrschaft in der Kontrollgesellschaft? Bis zum Beginn der Moderne war die Antwort auf diese Frage offensichtlich. Was Michel Foucault als die souveränen Gesellschaften des Abendlandes bezeichnete, ist charakterisiert durch zentralisierte Machtausübung und uneingeschränkte Befehlsgewalt. Herrschaft war allein eine Verlängerung der Worte und Taten des jeweiligen Herrschers, ausgeübt wurde die Herrschaft durch Gewalt und andere Zwangsmaßnahmen. Im 19.Jahrhundert, als sich die Disziplinargesellschaften der Moderne bildeten, wurde Gewalt durch eine bürokratischere Form von Befehl und Gehorsam ersetzt. Der französische Philosoph Gilles Deleuze dehnte diese Periodisierung bis in unsere Gegenwart aus und nahm an, dass nach der Herrschaftsform der Disziplinargesellschaft die der Kontrollgesellschaft folgen würde. Michael Hardt und Toni Negri stimmen mit seiner Einteilung vollständig überein, nennen die Wachablösung der modernen Disziplinargesellschaft aber Gesellschaft der imperialen Kontrolle.


Maschinen der dritten Art

Als ein Konzept der Periodisierung erlaubt uns der Begriff Empire, völlig neue Technologien miteinzubeziehen, die auf gleicher Höhe mit den imperialen Machtkomplexen liegen. Wir beziehen uns dabei auf Deleuze, der schrieb: »Die alten Souveränitätsgesellschaften gingen mit einfachen Maschinen um: Hebeln, Flaschenzügen, Uhren; die jüngsten Disziplinargesellschaften waren mit energetischen Maschinen ausgerüstet; die Kontrollgesellschaften operieren mit Maschinen der dritten Art, Informationsmaschinen und Computern.« So wie Karl Marx seine Theorie der Ökonomie in einer Analyse der Maschinerie in der Fabrik verortete, führen Michael Hardt und Toni Negri in Empire den Computer als zukünftige Produktivkraft ein, um die sozialpolitischen Logiken unserer Zeit erklären zu können. So wie Das Kapital mit einer Untersuchung der Ware beginnt und dann mit einer tiefgreifenden Analyse der Produktionsverhältnisse fortsetzt, entscheidet sich Empire ebenfalls, »zu den verborgenen Stätten der Produktion hinabzusteigen«, nicht ohne vorher die Struktur der imperialen Weltordnung darzulegen.

Und dieses ominöse »Hinabsteigen zu den verborgenen Stätten der Produktion« ist auch der Anlass für diesen Essay. So können verborgene Stätten der Produktion im Zeitalter des Empire vieles bedeuten. Zum Beispiel sind damit die realen Arbeitsbedingungen in den Chipfabriken der Dritten Welt gemeint, in denen die Armen arbeiten - »mittellos, ausgeschlossen, unterdrückt und ausgebeutet, und doch lebend«. Es können damit genauso die rundumverglasten Großraumbüros der Dotcom Start-Ups in der ersten Welt bezeichnet werden. Dies sind nur die materiellen Bezugspunkte. Hinabzusteigen zu den verborgenen Stätten der Produktion bedeutet im digitalen Zeitalter aber noch etwas ganz anderes. Es bedeutet nämlich, dass wir auch hinabsteigen müssen in die ganz anders geartete immaterielle Technologie der Computerisierung und dort die formalen Eigenschaften der Maschinen untersuchen, die der Webstuhl und die allgemeine industrielle Monstrosität unserer Zeit sind. War die Fabrik noch der Produktionsort der Moderne, verunmöglicht der »Un-Ort« des Empire eine ähnlich leichte Lokalisierung. Um die Produktionsbedingungen des Empire aufzuspüren, müssen wir stattdessen hinabsteigen in das Innere des Computers, zu den dezentral operierenden Computernetzwerken, den Programmiersprachen, den Referenzprotokollen und anderen digitalen Technologien, die die Produktionssphäre des 21. Jahrhunderts in eine vitale Masse des immateriellen Flusses und in zahllose unverzügliche Transaktionen transformiert haben. In der Tat müssen wir die unendlichen Datenströme der Computercodes lesen, wie wir andere Texte lesen, ihre Kontrollstrukturen dekodieren, so wie wir einen Roman oder einen Film dekodieren müssen.

Ordnung im Netz. Zentral für die Netzcomputertechnologien ist das Konzept des Referenzprotokolls. Ein Protokoll ist eine Sammlung von Verfahren, die die mannigfaltigen Netzwerkbeziehungen regeln. Protokolle, die beispielsweise das Internet regeln, sind in dem enthalten, was sich Request-For-Comment-Dokument (RFC) nennt. Es handelt sich hierbei um Definitionen der Protokolle und Maßregeln des Internets. Die Handhabung der RFCs wird von der Networking-Abteilung im Informatikinstitut an der Universität von Südkalifornien (ISI) verwaltet. Sie ist offen einsehbar für jeden, der, um Hardware oder Software zu entwickeln, Know-How der Spezifizierungen braucht. Das ISI selbst steht unter der Verwaltung der Internet Engineering Task Force, einer international operierenden, technokratischen Gemeinschaft von Netzwissenschaftlern, und der Internet-Society, einer altruistischen, aber gleichwohl technokratischen Organisation. Der Öffentlichkeit gegenüber vertritt sie die Ansicht, dafür zu garantieren, dass » eine offene Entwicklung und Evolution der Internetnutzung zum Wohle aller Menschen auf der ganzen Welt« möglich ist. Einige wenige Netzprotokolle, die der besseren Kommunkation im World Wide Web (einem Netzwerk innerhalb des Internet) dienen, werden vom World Wide Web Consortium geregelt. Dieses internationale Konsortium wurde im Oktober 1994 ins Leben gerufen, um gemeinsame Protokolle zu entwickeln, wie etwa Hypertext Markup Language (HTML) und Cascading Style Sheets. Anwendungen von anderen Netzprotollen wurden für andere Nutzer entwickelt.

Um das Konzept dieser Computerprotokolle besser zu verstehen, muss man sich das Netz in Analogie zum Autobahnsystem vorstellen. Es gibt viele verschiedenen Wege, die es jedem von uns ermöglichen, von A nach B zu fahren. Dabei gelten konventionelle »Straßenverkehrsordnungen«, die eine Fülle von Verhaltensmaßregeln innerhalb eines heterogenen Netzwerks regeln. Sie werden von Informatikern Protokoll genannt. Protokolle sind somit voluntaristische Regulierungen in einer pfadabhängigen Umwelt. Protokolle arbeiten auf einem Code-Level. Ihnen sind Informationspakete beigefügt, damit man sie transportieren kann. Sie kodieren Dokumente, damit man sie effektiv zergliedern kann, und sie kodieren Kommunikationen, damit Geräte an verschiedenen Orten effektiv kommunizieren können. Protokolle sind rein formeller Natur, das heißt, sie bleiben dem Inhalt der Informationen gegenüber relativ indifferent. Das Protokoll ist dabei nicht synonym mit der Informatisierung oder der Digitalisierung. Während Kenntnisse der Informatisierung grundlegend für ein Verständnis der New Economy sind, bedeutet der Begriff Protokoll etwas völlig anderes. Es ist ein zergliedertes Managementsystem, welches der Kontrolle innerhalb materieller Beziehungen dient.

Kodierte Kontrolle. Es ist allgemein verbreitet, das Internet als einen unvorhersehbaren Datenstrom zu beschreiben, der rhizomatisch ist und keine zentrale Organisation aufweist. Man beschreibt es ungefähr so: Da neue Kommunikationstechnologien auf der Eliminierung eines zentralen Befehlsstandes und hierarchischer Kontrollorgane basieren, folgt daraus, dass wir Zeugen eines allgemeinen Verschwindens von Kontrolle als solcher sind. Das entspricht aber überhaupt nicht der Wahrheit. Hardt und Negri unternehmen in Empire Anstrengungen, um diesen Mythos auf der sozialpolitischen Bühne zu zerstreuen. Während das Empire die Sphäre ist, in der politische Kontrolle innerhalb der Dezentralisierung funktioniert, ist es das Protokoll, durch das technologische Kontrolle ausgeübt wird.

Trotzdem kokettieren Negri und Hardt mit der hippen Sicht auf die neuen Technologien. Sie schreiben, dass innerhalb des Internet »eine unbestimmte und potenziell unbeschränkte Anzahl miteinander verbundener Knoten nicht mit einem zentralen Kontrollpunkt kommunizieren«. Ferner stellen sie fest, dass es genau diese dezentralisierte Architektur ist, »die die Kontrolle über das Netzwerk so schwierig macht.« Aufmerksame LeserInnnen werden schon bemerkt haben, dass sie an dieser Stelle moderne Formen der Kontrolle meinen, nicht imperiale. Was sie über das Empire an anderer Stelle sagen, sollte auch für die neuen Medien gelten.


Zergliederung und Fokus

Eine dezentralisierte Architektur ist dazu bestimmt, imperiale, d.h. protokollarische Kontrolle über das Netz zu vereinfachen. Tatsächlich ermöglichen die unterschiedlichen Internetprotokolle, dass Kontrolle ausschließlich von solch einer untergliederten Architektur abgeleitet werden kann. Diese Ansicht bestätigen Hardt und Negri, wenn sie schreiben: »Der Übergang zur Kontrollgesellschaft bedeutet keineswegs das Ende der Disziplin. Tatsächlich dehnt sich der immanente Disziplinargebrauch in der Kontrollgesellschaft immer umfassender aus.«

Warum sollte das auf diesem technologischen Level überhaupt der Fall sein? Das Protokoll basiert auf einem Widerspruch zwischen zwei gegensätzlichen Technologieformen: Eine zergliedert die Kontrolle radikal auf autonome Schauplätze, die andere fokussiert sie in klar definierte Hierarchien. Ich behaupte nun, dass die Spannung zwischen diesen beiden Technologiefeldern erst die Bedingungen für die Existenz der protokollarischen Kontrolle schafft.

Die erstgenannte Technologie, die dem Internet sein Image als unkontrollierbares Netzwerk gibt, leitet sich vor allem aus der Familie der Protokolle ab, die unter dem Begriff TCP/IP bekannt sind. Transmission Control Protocol (TCP) und Internet Protocol (IP) sind die wichtigsten Protokolle für die eigentliche Übersendung von Daten von einem Computer auf einen anderen im Netzwerk. TCP und IP arbeiten zusammen, um Verbindungen zum Netzwerk einzurichten und Dateien effektiv durch solche Verbindungen zu schicken. Durch den besonderen Aufbau von TCP/IP kann jedes Gerät des Netzwerks mit jedem anderen »sprechen«. Daraus ergibt sich wiederum ihre antihierarchische, unübersichtliche Struktur. Oder wie es ein Bedienungshandbuch formuliert: »IP benutzt ein anarchisches und äußerst zergliedertes Modell, mit dem jedes Gerät gleichwertig zu jedem anderen Gerät im globalen Internet ist.«

Die zweite Technologie, die sich auf die Kontrolle durch klar definierte Hierarchien stützt, wird Domain Name System (DNS) genannt. Die DNS ist eine riesige, dezentralisierte Datenbank. Sie enthält Informationen, wie man eine Netzwerkadresse mit einem Netzwerknamen erfasst. Diese Erfassung wird für jede Transaktion im Netzwerk benötigt. Um beispielsweise die Seite »www.rhizome.org« im Internet zu besuchen, muss uns der Computer erst den Namen »www.rhizome.org« , der ja selbst geografisch ungenau ist, in eine spezifische Adresse beim Netzwerk übersetzen. Diese spezifischen Adressen werden IP-Adressen genannt. Sie sind als eine Serie von vier Ziffernkombinationen geschrieben: etwa 206.252.131.211. Jede DNS-Information wird kontrolliert wie eine hierarchische, umgekehrt wuchernde Baumstruktur. An der Spitze dieser baumartigen hierarchischen Struktur sind einige wenige sogenannte Root Server, die die Oberkontrolle haben und untergeordnete Kontrolle an niedriger gestellte Abteilungen in der Hierarchie delegieren. Die Adresse www.rhizome.org wird umgekehrt zergliedert, man beginnt mit dem »org«. Theoretisch erhält der Root Server ein Ersuchen des Users und leitet den User zu einer anderen Maschine, die Einfluss auf die »rhizome« Unterabteilung hat, welche nun wiederum die IP-Adresse für die spezifische Maschine namens »www« zurückgibt. Diesen Prozess der Ableitung einer IP-Adresse von einem Domain wird Resolution genannt.

Wenn eine kontrollierende Instanz die Verbannung aller Webpages im Netz mit der Endung »org« wünschen würde, könnte sie dies im Handumdrehen durch eine einfache Modifikation der Information tun, die in dem Dutzend Root Server stecken, welche rings um den Erdball verteilt sind. Ohne grundlegende Unterstützung der Root Server würden alle untergebenen Abteilungen des DNS-Netzwerks unbenutzbar. Diese Realität sollte unser Bild vom Internet als unkontrollierbares Rhizom gerade rücken.

Versteckt und privilegiert. Jedes Netzwerk wird über zahllose, versteckte Protokolle verfügen. Nehmen wir beispielsweise eine typische Transaktion im World Wide Web. Eine Webpage, die Texte und Grafiken (ihrerseits protokollarische Artefakte) beinhaltet, wird mit der Hypertext Markup Language (HTML) markiert. Das als Hypertext Transfer Protocol (HTTP) bekannte Protokoll fasst dieses HTML-Objekt zusammen und erlaubt, dass es von einem Internethost bedient wird. Aber sowohl Client als auch Host müssen an TCP festhalten, um sicherzustellen, dass das HTTP-Objekt in einem Stück ankommt. Schließlich ist ja auch TCP innerhalb des Internetprotokolls versteckt, das wiederum dafür verantwortlich ist, die eigentlichen Datenpakete von einer Maschine zur nächsten zu schicken. Das gesamte Bündel (das primäre Datenobjekt, welches innerhalb jedes nachfolgenden Protokolls zusammengefasst ist) wird nach den Regeln des einzigen »privilegierten« Protokolls weiter transportiert. Damit sind wiederum die technischen Medien (Kabel aus Fiberglas, Telefonkabel, Frequenzen) gemeint.

Das Protokoll als solches ist materiell und immanent. Das heißt, es folgt keinem Modell von Befehl und Kontrolle, das den Befehlshaber außerhalb der Befehlssphäre platziert. Doch während das Protokoll in seinem spezifischen Milieu immanent ist, enthalten protokollarische Objekte niemals ihre eigenen Protokolle. Deshalb beherbergt TCP/IP auch HTTP, welches wiederum HTML beherbergt, welches sodann ASCII-Text beherbergt und so weiter. Neue Header werden auf jedem Level hinzugefügt.

In jedem Abschnittswechsel kann man ein Datenobjekt auch an der Kreuzung von zwei deutlich erkennbaren Protokollen identifizieren. Wenn man HTML sehen will, muss man es anschauen, und zwar genau dann, wenn es sich mit HTTP kreuzt. Sonst findet man beim Blick auf HTML lediglich seine eigenen internen Protokolle: Texte und Markierungen.

Die Funktionalität des Computerprotokolls entspricht der Logik des Empire, im Besonderen dem Modus des imperialen Kommandos: als Management der Befehlsökonomie. Das Befehlsprotokoll weiß von Beginn an, dass »Kontingenz, Mobilität und Flexibilität die wahren Mächte des Empire sind.« Die flexiblen Netzwerke und Flüsse, die in der Welt von Manuel Castells und anderen Befürwortern des Maschinenzeitalters der dritten Art ausgemacht werden, sind nicht bloß Metaphern; sie sind sogar direkt in die technischen Anforderungen des Netzwerkprotokolls eingebaut. Durch seine Konstruktion kann das Internetprotokoll nicht zentralisiert werden.

Wege zur Macht. Die Heimat des Protokolls ist das zergliederte Netzwerk. Ein zergliedertes Netzwerk unterscheidet sich von anderen Netzwerken, sowohl zentralisierten als auch dezentralisierten, in der Anordnung seiner internen Struktur. Ein zentralisiertes Netzwerk besteht aus einem einzigen zentralen Machtpunkt (einem Host), um den kreisförmig Knoten gebunden sind. Der zentrale Punkt ist mit allen Satellitenknotenpunkten verbunden, die selbst aber jeweils nur zum zentralen Host Verbindung haben: »Alle Wege führen nach Rom.« Im Unterschied dazu hat ein dezentralisiertes Netzwerk unzählige zentrale Hosts, jeder von ihnen mit einem eigenen Geflecht aus Satellitenknotenpunkten. Ein Satellitenknotenpunkt hat vielleicht Verknüpfungsmöglichkeiten mit einem oder mehreren Hosts, aber nicht mit anderen Knotenpunkten. Die Kommunikation verläuft sowohl bei zentralisierten als auch dezentralisierten Netzwerken nur innerhalb einer Richtung: immer vom zentralen Stamm zu den ihn umgebenden Wurzeln.

Das zergliederte Netzwerk funktioniert vollkommen anders: »Das Empire hat kein Rom«. Zergliederte Netzwerke haben im Empire überhaupt ihren angestammten Platz. Ein Punkt in einem zergliederten Netzwerk ist weder ein Dreh- und Angelpunkt noch ein Satellitenknotenpunkt. Im Netzwerk ist nichts enthalten, außer intelligenten Endpunktsystemen, die sich selbst determinieren. Wie ein Rhizom baut jeder Knotenpunkt in einem zergliederten Netzwerk direkte Kommunikation mit einem anderen Knoten auf, ohne sich auf hierarchische Vermittlung zu berufen. Um die Kommunkation zu initialisieren, müssen die beiden Knotenpunkte dieselbe Sprache sprechen. Und deshalb definieren sich zergliederte Netzwerke durch die gleichen Sprachen, die gemeinsamen Protokolle. Ein gemeinsames Protokoll führt zu einer Netzwerkverständlichkeit, während nonkompatible Protokolle zu Netzwerkmissverständnissen führen. Wenn auf zwei Computern beispielsweise das DNS-Protokoll läuft, wird es ihnen möglich sein, effektiv miteinander zu kommunizieren. Aber den gleichen Computern ist es nicht möglich, mit einer Maschine fremder Bauart zu kommunizieren, auf der das NIS-Protokoll von Sun Microsystems oder das WINS-Protokoll von Microsoft läuft.

Protokollarische Kontrolle spiegelt die Bewegungen des Empire wider. Der Begriff Empire gehört zur sozialen Theorie, der Begriff des Protokolls zu ihrer technischen Analyse. Hardt und Negri stoßen in ihrer Untersuchung auf die »Symptome des Übergangs«. »Der neue Feind ist nicht nur gegenüber den alten Waffen resistent, er gedeiht geradezu auf ihnen und bedient sich somit seiner Möchtegern-Gegenspieler, indem er ihre Waffen gegen sie wendet. Lang lebe die Differenz! Nieder mit den essentialistischen Binärcodes!« Ein dezentralisiertes Netzwerk ist genau das, was dem Internetprotokoll seine Effektivität als dominantes Protokoll beschert. Genau wie das Empire würde das Protokoll kläglich scheitern, ließe es sich zentralisieren, hierarchisieren oder essenzialisieren.


Produktion von Lebensformen

Wir wenden uns nun Michel Foucault zu, um die entscheidende Eigenschaft des Protokolls zu klären, die besondere Existenz des Protokolls im »privilegierten« physischen Bereich des Körpers. Das Protokoll beschränkt sich nicht nur auf technische Gesichtspunkte. Wie Gilles Deleuze gezeigt hat, greift das Protokoll auch auf das Funktionieren von Körpern innerhalb ihrer sozialen Räume über. Körper entstehen als Formen »künstlichen Lebens«, das dividuiert, gesampelt und kodiert ist. Künstliches Leben ist das Protokoll im soziopolitischen Theater, die aktive Produktion von Lebensformen durch andere Lebensformen. Foucault hat dies einmal die »Arbeit am Selbst« genannt. Auf diese Formel beziehen sich auch Hardt und Negri in ihrem Abschnitt »Humanismus nach dem Tod des Menschen«.

Bei Foucault ist der Wunsch, antihumanistisch zu sein, besonders stark ausgeprägt. Das heißt, der Wunsch, Geschichtstheorie zu schreiben, die nicht vom Menschen ausgeht, ist erkennbar. In der Archäologie des Wissens drückt Foucault beispielsweise den Wunsch aus, »eine Methode historischer Analyse zu definieren, die von dem anthropologischen Thema befreit ist, ... eine Methode der Analyse, die von jedem Anthropologismus frei ist«. Foucault nimmt für sich in Anspruch, dass er die Prinzipien der »autochthonen Transformation« aufdecken möchte.

Biopolitik und Biomacht. Der antihumanistische Impuls zeigt sich auch in Foucaults Definition von Diskurs. So schreibt er: »Der Diskurs ist nicht die majestätisch abgewickelte Manifestation eines denkenden, erkennenden und es aussprechenden Subjekts: Im Gegenteil handelt es sich um eine Gesamtheit, worin die Verstreuung des Subjekts und seine Diskontinuität mit sich selbst sich bestimmen können.« Foucaults Interesse gilt nicht einem »anonymen und allgemeinen Subjekt der Geschichte«, sondern einer diffusen subjektiven Logik, die die Logik des Protokolls bereits erahnen lässt.

Daher mein Vorschlag, Foucaults Verhältnis zu den Lebensformen als protokollogisch anzusehen. Das drückt sich am deutlichsten in seinen späteren Arbeiten aus, besonders in den Zwillingskonzepten von Biopolitik und Biomacht. Foucault definiert die erste als »Entdeckungsreise, die im 18. Jahrhundert ihren Anfang genommen hat, um die Probleme zu rationalisieren, die den Regierungspraktiken durch Phänomene präsentiert wurden, die charakteristisch für eine Gruppe von Menschen sind, welche man als Bevölkerung bezeichnet: Gesundheit, Hygiene, Geburtsrate, Lebensdauer, Rasse«. Von daher lässt sich annehmen, dass dieser undefinierbare Brei aus Biometrik und statistischen Analysen zur Gänze unter die Kategorie Biopolitik fällt. Ferner schreibt Foucault, dass Biopolitik »dazu tendiert, die 'Bevölkerung' als eine Lebensmasse und in friedlicher Koexistenz lebende Lebewesen zu behandeln, die bestimmte biologische und pathologische Charakterzüge haben und somit mit spezifischem Wissen und Technologien in Berührung geraten«. Biopolitik führt daher zu einem bestimmten statistischem Wissen über Bevölkerungen. Es ist Wissen über die Spezies.

Dennoch sticht »Technologien« gleichermaßen prominent wie »Wissen« aus Foucaults Definition von Biopolitik heraus. Welche Technologien würden nun im Speziellen mit seinem biopolitischen Szenario korrespondieren? Es sind die zergliederten Formen des Managements, die die aktuellen Computernetzwerke charakterisieren und in denen protokollogische Kontrolle funktioniert.

Neue Barbaren. In Sexualität und Wahrheit kontrastiert Foucault die ältere Machttechnik des Souveräns über das Leben mit einem neuen Modus: »Man könnte sagen, das alte Recht, sterben zu machen oder leben zu lassen, wurde abgelöst von einer Macht, Leben zu machen oder in den Tod zu stoßen«. Er fährt fort: »Die alte Mächtigkeit des Todes, in der sich die Souveränität symbolisierte, wird nun überdeckt durch die sorgfältige Verwaltung der Körper und die rechnerische Planung des Lebens.« Foucaults Definition der Biopolitik ist protokollogisch. Das Protokoll ist für die Kontrollgesellschaft, was das Panoptikum für die Disziplinargesellschaft ist. Das Protokoll ist zwar demokratischer als das Panoptikum, aber es ist dennoch um die Felder Befehl und Kontrolle strukturiert. Deleuze bemerkt dies und fügt hinzu, dass der Austragungsort von Foucaults Biopolitik zugleich der Ort des Widerstands dagegen ist. Damit wir diesen wichtigen Punkt nicht übersehen, wiederholt Deleuze diese Überlegung sogar dreimal nacheinander an einer zentralen Stelle seines Buchs Foucault: »Wenn die Macht das Leben zum Objekt oder Ziel nimmt, so beruft sich der Widerstand gegen die Macht bereits auf das Leben und umgekehrt... Das Leben wird zum Widerstand gegen die Macht, wenn die Macht das Leben zu ihrem Objekt macht... Wenn die Macht zur Biomacht wird, so wird der Widerstand zur Macht des Lebens, zur lebendigen Macht, die nicht in Arten einsperren lässt, in Milieus oder in die Bahnen des jeweiligen Diagramms.« Ist der Widerstand des Lebens eine Möglichkeit, um es mit den zergliederten Formen der protokollogischen Kontrolle aufzunehmen?

Hardt und Negri beantworten diese Frage im dritten und vierten Teil von Empire eindeutig mit Ja. Die neuen Barbaren, die sich »ihre Gaben aneignen«, die eine neue Lebensweise formen und das Empire hassen - sie sind protokollogisch Handelnde, die im Bauch der zergliederten Netzwerke leben. Mein Essay hat keinen dritten oder vierten Teil, keinen Ausblick auf das »formbare und fließende Terrain der neuen kommunikativen, biologischen und mechanischen Technologien«. Aber die Auswirkungen der zergliederten Netzwerke und der protokollogischen Kontrolle für das Projekt der Befreiung sind zweifellos enorm.


Aus dem Englischen von Julian Weber

Alex Galloway ist Webmaster bei Rhizome, einer Plattform für New Media Art (www.rhizome.org). Er lebt in New York.



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