Die Adoptierten
Brief an eine frühere Gönnerin | Katha Schulte
Es geht um die Jungs. Ich schreibe Ihnen, weil ich es selbst kaum glaube: Ich habe sie adoptiert. Nicht als Einzelne natürlich, sondern im Ganzen. Im Ganzen sind sie auch viel deutlicher erkennbar, während ich lange gebraucht habe, bis ich erst einzelne unterscheiden konnte. Das Schöne an adoptiert ist ja, dass es wahr bleibt, das bleibt auch adoptiert. Es bleibt immer und für immer an - statt - von. Das Schöne an adoptiert ist, dass es immer einmal und zwar jederzeit heißen kann, du bist doch nur adoptiert, und das schöne an adoptiert ist, es wird eines Tages geschehen und der Tag wird kommen.
Ich habe sie mir adoptiert als die Suppe, in der ich mich mit ihnen aufhalten kann, und in der wir ausgehalten werden. Die Suppe ist eigentlich die Arbeit: Wir sitzen in der Arbeit, die um uns herumsitzt. Ich weiß nicht, ob Sie es wussten, aber ich habe nicht immer gewusst, dass es jemals so kommen würde, und dass es diese Form von Arbeit überhaupt gäbe. Ich kannte diese Arbeit nur als Gedankeninhalt einer gleichsam geometrischen Struktur, seit meiner Schulzeit kannte ich dieses Schema als Zukunftsphantasma einer älteren Literatur, der Ort dieser Arbeit war meist die Welt der Schreiber und Kopisten; sie besteht darin aus Stücken, die verteilt und umverteilt werden, in einem Apparat ohne Ausgänge.
Wir haben früher, Sie und ich, gesprochen über die Wege, die man gehen kann, und Sie sahen für mich, bestimmte Wege, die ich einschlagen könnte, denn Wege, das waren Ihre Worte nicht meine, aber ich wusste weder damals etwas von dieser Arbeit, noch weiß ich heute etwas von einer anderen Arbeit mehr. So konnte ich denn wahrscheinlich zur Adoption freigegeben werden, welche ich selber vornahm. Denn umgekehrt die Jungs würden mich nicht adoptieren, auch wird bei ihnen eine vollkommen andere Sprache gesprochen. Sie akzeptieren mich nicht als ihresgleichen, und dies allein weil ich eine junge Frau bin, wie sich das jedenfalls in ihrer Sprache darstellt. Ich sage natürlich auch nicht meine Jungs, weder zu ihnen noch auch nur zu mir selbst, denn wir befinden uns in einer Situation, in der wir uns vor Vertraulichkeiten hüten müssen. Tatsächlich ist dies der Hauptanteil der Arbeit, Gesichtsarbeit, auch wenn es nicht derjenige ist, für den wir bezahlt werden und dessen wir uns rühmen; Sie werden sich besser noch als ich an den Begriff der Gesichtsarbeit erinnern: face work. Wie man sich innerhalb der Verhältnisse ein Gesicht zulegt oder jedenfalls es wahrt. Da sich die Arbeit aber erneuert in ihrem geschichtlichen Gang, hat auch das face work bei uns ein anderes Aussehen, als es zumal sein Begriff noch nahelegt.
Es gibt gelegentlich den Fall des misslungenen Gesichts. In der gestrigen Hitze sehe ich einen dieser Kollegen noch sitzen, in diesem hitzigen, stickigen, nicht lüftbaren Tag: Er sieht total sauer aus und völlig verzweifelt. Obwohl er wahrscheinlich 42 ist und ein Mann, und obwohl er von lauter Leuten umgeben ist, die alle stehen, und auf ihn, der als einziger sitzt, sehen, weil neben ihm der steht, der hier den Vortrag hält, kann er nicht verhindern und nicht von sich abwehren, wie ein völlig verdrossenes Kleinkind dreinzuschauen und vor sich hin zu starren.
Er ist ja im Unterschied zu uns von zweierlei umgeben, nicht nur von der Hitze, sondern auch noch von seinem schweren Körper, ich muss mich verbessern, von dreierlei umgeben: drittens vom Büro.
In diesem Misslingen der Gesichtsarbeit habe ich etwas erkannt, das ich das Denkmal der Angestellten nenne.
Ein Denkmal ist ja zuallererst auch einmal ein Zustand. Wenn vom Arbeiterdenkmal die Rede ist, dann mag das einmal der in Aktion erwischte und eingefrorene Muskelmann aus der Morphologie des sozialistischen Realismus gewesen sein, den Hammer schwingend als bestünde er nur aus Hammerschwingen und Entschlossenheit, aber recht eigentlich kennen wir das Arbeiterdenkmal so: Mann lehnt an einer Maschine, eine Zigarette rauchend. Das Arbeiterdenkmal ist der Zustand des Mannes, der wartet, dass die Arbeit vorbeigeht. Ganz abgesehen davon, dass er die Erfindung der Maschine bezeugt. Es ist darin ein erholsamer Gedanke von Arbeit enthalten, auch wenn Arbeiterdenkmal natürlich nur als Schimpfname für die Faulen verwandt wird, die darauf kein Anrecht haben.
So sagt regelmäßig der eine Angestellte zum Kollegen in der Küche, der in eine Tasse Kaffee hineindenkt, Was stehst du da wieder rum wie so ein Arbeiterdenkmal, und zwinkert mit dem ganzen Oberkörper statt mit den Augen, und beide lachen das scheppernde Lachen, als hätte es sich in sie eingeschlichen.
Eigentlich aber ist die Gesichtsarbeit anders geregelt. Ich glaube, die Angestellten gehören noch zu denen, die wissen, was das ist, die Fremde des Gesichts. Die Regelung ist einfach, wir lassen unser Gesicht in Richtung des anderen Gesichts weisen, sehen aber daran vorbei. Oder wir sehen kurz das Gesicht an, wie um zu erkennen, um welches es sich handelt, und ziehen aber im Moment, wo wir es ansprechen, die Augen wieder ein wie die Schnecke die Fühler. Dieses ins Leere reden nenne ich den ersten Satz der Ordnung der Angestellten. Anders halten wir es mit denen, die wir nicht adoptiert haben. Da schauen wir genau in das Gesicht hinein, mitten hinein, als suchten wir darin den Verbündeten, den wir in ihm vermuten.
Die Jungs haben auch eine Krücke, das ist der Kaffee. Manche sprechen es sogar Kaffée, als hätten sie einen vorzüglichen Melangierten vor sich, aber ich glaube seitdem ich das gesehen habe an keinerlei Kaffeehauskultur mehr. Ist Ihnen übrigens einmal aufgefallen, wie bitter Zucker wird, wenn man zuviel davon in den Kaffee rührt? In Deutschland ist das Kaffeetrinken die Droge des Stillhaltens. Sie trinken ihn im Büro. Über die Koffeinbrücke sind die Adoptierten mit der Arbeit verbunden, das ist der zweite Satz. Kaffee ist immer gut, so lautet denn auch die Devise eines Kollegen, er wird nicht müde sie zu wiederholen, der Kaffee hält ihn wach, wenn möglich mehrmals am Tag. Für 90 Prozent der Deutschen sind oft mehr als vier Tassen täglich unverzichtbar, das ist die Statistik.
Und dann innerlich, intern zerrüttet werden, vom jahrzehntelangen Kaffeekonsum vollständig und irreversibel zerrüttet, das ist das Lebenswerk des Kaffees an den Adoptierten. Er ist von zweifelhafter Rezeptur, nicht eigentlich genießbar. Manch einer greift, an Kaffee traurig getrunken, von oben in die heiße Tasse hinein; mit zweifelhafter motorischer Fähigkeit lässt das Nervengift ihn zurück.
Sie sind nur so kaputt wie ihr Kaffee, wegen ihres Kaffees. Aber weder mein Kaffeehass, noch meine Kaffeetheorie sind der Anlass meines Schreibens an Sie, sondern es geht um die Arbeit und die Frage der Adoption, und ich frage mich, ob ich dabei etwas übersehe, und ferner soll es auch noch um die Lähmung gehen, von der ich Ihnen später werde zu berichten haben. Wenn ich auch glaube erkannt zu haben, dass ohne Kaffee und im übrigen Zigaretten die Frage der Arbeit gar nicht zu denken ist, und der Verhältnisse, von denen jeder sagt, dass er sie nicht gemacht habe.
Sie und ich, wir sind doch immer mehr oder weniger stillschweigend davon ausgegangen, dass eine Sache oder Unternehmung nur so viel wert sei, wie das, was dabei auf dem Spiel steht. Unsere heutige Arbeit, zu der ich allerdings keine Alternative sehe, zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass die Frage des Einsatzes gar nicht mehr behandelt wird. Die Arbeit ist; fraglos; ein vollkommen selbstreflexives Tun.
Ich will Ihnen das an einem Beispiel vorführen, das eine meiner Kolleginnen betrifft. Ich nenne sie die nicht Adoptierbare. Eine winzige Person, deren einziges äußeres Verhalten im Echo sprechen besteht. Sitzen wir mittags am Tisch und essen Suppe, kommt sie hinzu und sagt Suppe, oder Suppe hm lecker. Ist es heiß sagt sie heiß. Esse ich hingegen Brot, sagt sie manchmal Suppe und ich hm? Ich kann wiederum hm nicht so sagen, dass ihr auffällt oder einfällt, dass an unserem Gespräch etwas im Argen ist, sondern sie sagt dann hm, hm. Es müsste vielmehr ihr einfallen, oder ihr müsste etwas einfallen. Sind mehrere am Tisch und führen ein Gespräch, dann geht sie oft im Hintergrund herum und sagt gelegentlich pointiert hm!, so dass ich im Anfang unserer Bekanntschaft dachte, es sei ein Schmunzeln oder ein Zustimmung oder Ablehnung bedeutendes Geräusch bezüglich des jeweiligen gerade stattfindenden Gesprächsinhaltes oder -verlaufs, aber da das Hm-Sagen ihrerseits keinerlei erkennbare Systematik erkennen lässt, denke ich mittlerweile, es handele sich dabei um ein sogenanntes Raucherinnen-Räuspern, wie es bei Raucherinnen in wiederkehrenden Malen vorkommt und womit sie sich den räusperig gewordenen Hals freiräuspern, wie es auch gleichzeitig als ohnehin sich räuspern wollendes Räusperbedürfnis ein willkommener Anlass sein mag, sich zu einem im Hinter- oder Vordergrund ereignenden Gespräch als mit anwesende Kommentatorin mit anwesend zu zeigen, die auf diese Weise also gleichsam mit in dem Gespräch vorkommt, ohne jemals mehr als ihre schlechthinnige Anwesenheit dabei bekanntzugeben und zu kommentieren.
Was mir hingegen durch ihr redundantes Dasein seitdem auffällt, ist, dass wir welche sind, die Suppe essen beispielsweise, und ich weiß beim besten Willen nicht, ob etwas daran gut oder schlecht ist. Und das ist das Fragliche.
Ich habe die Jungs in dem Moment adoptiert, wo mir gekündigt wurde. Es sieht um Stellen nicht gerade günstig aus, und mir wurde bewusst, dass ich die Arbeit brauche. Ich kann nicht ausschließen, dass ich selbst adoptiert wurde. Wir adoptierten einander als diejenigen, die die Arbeit brauchen. Die Kündigung kommt nicht von uns selbst. Wir nehmen die Arbeit, und dass auch die Arbeitgeber sie nehmen, wird allein in einem solchen Augenblick sichtbar. Die Arbeitgeber allerdings sieht man nicht. Die Arbeit, die wir durch Langsamkeit vollständig ausfüllen, hat den Effekt, dass keinerlei Zeit übrigbleibt. Selbst vom Urlaub bleibt so gut wie keine Zeit übrig. Eine Zeit, die der Frage gilt: Wie willst du leben? Hatte ich einmal diese Frage, ist am nächsten Tag alles gleich wieder zerschlagen gewesen vom Rasen der Einwände; so war es einmal an einem viertägigen Feiertag: ein endloses Stocken und Warten. Ins Freie bin ich nicht gegangen, nichts geschah, nur der Titel für einen Arbeitslosenroman: 50 Zigaretten sind kein Tag.
Stellen Sie einem Vorgesetzten, wo Sie ihn sehen, die Frage, wie willst du leben, er nimmt sich keine Zigarette und antwortet, genau so. Und ich weiß, dass er weiß, dass seine Vorgesetztheit und sein Vorsatz genau so aussehen müssen; dass er die Frage nicht verstehen darf.
Auch dieser Zusammenhang übersetzt sich mir gewissermaßen halbautomatisch in Kaffee. Der Kaffee, der überall und jederzeit und doppelt konzentriert zu unserer Verfügung steht, bewirkt, dass wir mental irgendwie zerfallen, wir stellen keine Zusammenhänge mehr her, die Gedankeninhalte werden mangelhaft verschaltet. Ironischerweise könnte man sagen, dass der Kaffee der einzige von uns ist, der sich konzentriert, und ironisch muss ich auch festhalten, dass das, was wir hier tun, neuerdings als Content Management bezeichnet wird. An mir selbst kann ich feststellen, dass die Übelkeit, die der Kaffee bewirkt, sich auf die mentalen Funktionen ausbreitet. Denke ich beispielsweise an die Möglichkeiten beim Schach, an die vollständige Information, die bereits im ersten Zug enthalten ist, dann wird mir schlecht und ich muss davon absehen.
Ein Übriges tut außerdem der Computer, wenn man ihn wenigstens nur als Verschiebeanstalt für so genannte Inhalte benutzt. Wenn ich nicht allein leben würde, wäre morgens mein erster Begriff, das erste Medium, das mich in den Wachzustand empfängt: Körper. Da dem nicht so ist, ist es manchmal das Telefon. Das ist, wenn das Telefon mich mit seinem Klingelton weckt, ich mich aber um keinen Preis und niemals vom Telefon wecken lassen will, niemals direkt aus dem Schlaf und der Unterwelt in ein telefonisches Gespräch hinein geweckt werden möchte. Der dazu sich fertig im Kopf einstellende Satz heißt: sich auf das fernmündlichste besprechen.
Normalerweise wache ich aber in den Computer hinein auf. Sätze fetten, kopieren und einsetzen, Dokumentenordnung, Dokumentenflucht. Das ist aber auch noch nicht das Aufwachen selbst, es ist eine endlose Brandung zwischen Schlafen und eigentlichem Wachen, eine endlose Spinnerei, die ich unlängst erstmals ins Wache mitgenommen habe, die durch das Augenöffnen, das Zulassen des Lichteinfalls und von dem Licht zugelassen werden, endgültig beendet und verneint wird. Im asozialen Brandungszustand des Computers nehme ich noch die fraglose Flachheit der Matratze, des Kissens, unter Schulterblättern und Rücken wahr, und es kommt bereits das draußen lauernde Tageslicht an, die Insistenz des Lichtes, das mit mir ein nicht abzusagendes Rendezvous hat, Anspruch auf mich.
Anspruch auf mich. Ich sitze hier natürlich inzwischen lange nach Feierabend, denn bei der Arbeit habe ich den Brief begonnen.
Irgendetwas hat mich so sauer gemacht, vorhin, bevor ich beschloss, an Sie zu schreiben, dass ich mit der Bleistiftspitze die Schreibtischunterlage zerstochen habe, an die zwanzig Mal. Da lagen nun die Löcher, wie von unten aus der Schreibtischunterlage kommend.
In aller Ruhe habe ich an den Amokläufer gedacht. Das Denkmal, das der Amokläufer schafft, muss er nicht mehr denken; nein Denken ist seine Sache nicht, er will Löcher reißen, in die undenkbare Welt, schwarze Löcher durch die es ihn hinausreißt, hineinreißt, habe ich gedacht, und mit ihm die Toten, für ihn sind sie: die Toten, nicht: die Leichen, das Denkmal stellt er vor die Anderen hin, Menetekel seiner Welt für die FremdWelt. Seine Welt: Gewogen und für zu leicht befunden.
Ich weiß so wenig wie wahrscheinlich irgend jemand, warum ein Mensch Amok läuft, aber es wird so sein, dass er durch jegliches Koordinatensystem hindurchrast, und ich habe eine Ahnung warum die Jungs eben nicht Amok laufen, obwohl sie doch vom beschädigten Leben so schwer angegriffen sind. Sie arbeiten mit dem Computer, aber sie werden von ihm in keiner Weise angeeignet, weil sie vom Computer noch nie auch nur irgend etwas begriffen haben, und auch das Internet haben sie nicht als irgendeine Netzphantasie vor sich, sondern als eine Art außerordentlich kompliziert aufgebauten Notizblock, der überhaupt nicht zu handhaben ist, und den sie wie das extrem teure Spielzeug irgendeines reichen Spinners ratlos zwischen den Fingern gedreht und beiseite gelegt haben. Einige Seiten des Notizblocks sind herausgerissen und können nötigenfalls eingesehen werden, das wars. Ich bin sicher, für die Jungs ist der Monitor flach geblieben, er entwickelt nicht den Sog in die x-te Dimension, sie können sich nicht hinein verlieren.
Aber bestimmte Abmachungen und Verträge von früher laufen im Hintergrund ihrer zerfahrenen Verrichtungen mit und liefern das Raster, in dem sie festgemacht sind. Sie werden aus einem Programm veralteter Übereinkünfte und Verbindlichkeiten generiert. Näher komme ich nicht ran, deutlicher kann ich es Ihnen nicht machen, die Software ist verschüttet und mir als Nachgeborener nicht zugänglich, auch nicht durch Adoption. Das muss ich Ihnen mitteilen, Sie haben mich schließlich vor allem gelehrt, in Strukturen zu denken, und ich bemerke: ich habe dafür hier keinerlei Verwendung. Ich kann die Arbeitsverhältnisse erkennen und den Kaffee, aber die Software, auf der die Jungs laufen, ist für mich nicht aufzuschließen.
Die Kündigung, für die meisten von uns, wurde später übrigens aus mir nicht bekannten Gründen zurückgezogen, und der Betrieb eine kurze Zeit darauf neu organisiert. Ich bin mittlerweile seit sieben Jahren dabei, die Jungs jedoch sind hier alt geworden. Damals wollte man sie voneinander trennen, was einen von ihnen dazu zwang, beherzt an den Mann heranzutreten, der die Belange des Arbeitgebers vertritt. Er wolle, so der Kollege, wenn schon, dann mit den anderen zusammensitzen, das seien die von früher. Früher waren die von früher, jetzt ist er womöglich allein. Wenn er jetzt mit denen von früher sitzt, sind womöglich alle von früher jetzt allein. Gleichzeitig und zusammen. Aber wer soll das wissen. Wer kann zu ihm sagen, das mit denen von früher sei womöglich eine so genannte Lebenslüge. Kann ich von seiner Lebenslüge sprechen, wo er sich die Frage nach einer solchen Lebenslüge womöglich nie stellt, wie er auch nicht fragt, was die Wahrheit seines Lebens ist?
Es muss seit diesem Zeitpunkt ungefähr sein, dass ich bei mir das Entstehen einer merkwürdigen Behinderung feststellte. Wenn ich in einem Buch von einem Schüler las, der im nationalsozialistischen Deutschland von einem Lehrer Prügel bezog, dann kam mir ein Kind in den Sinn, das zum Erzieher sagt, »Es hat mir nicht geschadet«, diesem das Erzieherwort aus dem Mund nehmend, dem dann der frivole Part des Echosprechens bleibt, »Es hat ihm nicht geschadet«, und lacht; und ich wusste nicht, was ich davon hielt. Eine Sektion meiner Persönlichkeit war von einer Lähmung befallen, ich wusste nicht, was ich von der Prügelstrafe hielt; erinnerte mich daran, was ich davon hielte, aber nicht aus welchen Gründen, ich hatte keine Ahnung, woher was nehmen für eine kategorische Aussage. Auch die Gegenargumente konnte ich nicht erkennen, nur dass ich wusste, sie sind Legion; weil ich nicht weiter fand und die ethische Lähmung nur ebenso zur Kenntnis nehmen konnte wie einen gezeichneten Witz »Prügelstrafe - Ohne Worte«, dachte ich an mich und dass ich kränklich im Bett läge ohne Dämmerzustand.
Ich hatte die Augen geschlossen und den Mund leicht geöffnet, um zwischen den Hustenanfällen besser zu atmen. Weil Winter war einerseits und wegen der Erkrankung der Bronchien andererseits, war die Heizung aufgedreht und waren die Fenster geöffnet. Ich hatte die Augen geschlossen, und wie ich das getan hatte, sah ich einem leichten Schlaf entgegen. Die Luft war gut und ging flach ein und aus. Ich dachte an den abkömmlichen Teil von mir und was für eine Amputation da vorgenommen worden sein mochte und wie der Phantomschmerz in Wirklichkeit nur ein flaues Zaudern war. Ich hielt die flache Bewusstlosigkeit nur für ein vorübergehendes Aussetzen im Werk der Integrität, wie ich dem Schlaf zu sank, ging ich in flockigen Kreisen. Wie konnte der denkende Mensch ohne den moralischen, es war keine schwer wiegende Überlegung, kein Requiem, wie ich weder müde war noch wach. Ich legte die Hände auf die leicht erhabenen Knochen seitlich unterhalb des Nabels, es war die schönste Haltung für den flach liegenden Menschen, wenn nicht des Menschen überhaupt, so legt er sich auf dem fliegenden Teppich zurecht, und oben die Brüste und der Kopf, die Haare, und atmete leicht durch den offenen Mund. Es brummte im Zimmer, und ich dachte an das Brummen und an das flache Niederfallen der Matratze, ich sah auf der Innenseite meiner Lider sich in hellschwarz auf dunkelschwarzrotem Grund eine Form abzeichnen: ein sich verschiebendes Weidenkätzchen, den einzigen Flecken auf einer roten Haut, der wanderte, ein Weidenkätzchen so was, ich brummte und schloss die Hände um die beiden Knochen unter meinem Bauch, es brummte in meinem Mund, eine Hornisse im Winter, ich atmete durch den Mund, es stach, tief unten im Rachen, wo eigentlich der bewusstlose Teil anfängt, und es schwoll gegen die gegenüberliegende Seite der tauben Luftröhre zu
- ich hustete und war auf den Beinen und fand mich irgendwo wieder -
Oh die gute Luft, das war irgendwie mein Gedanke; ich bin also nicht tot, aber die Lähmung blieb.
Katha Schulte lebt und arbeitet in Hamburg.