Zerspringen wie eine Windschutzscheibe
Zwei kurze Texte | Félix Guattari
Bereits Anfang der neunziger Jahre stellte der französische Philosoph Félix Guattari über einer Analyse neuer Medien und Technologien fest, wie Kontrolle das Soziale bis hinein ins Molekulare modelliert. Für Guattari stößt die massenmediale Macht mit der endlosen Montage von Wirklichkeiten allerdings an Grenzen, markiert durch kollektive wie individuelle Praktiken der Aneignung.
Zwangsmodell oder schöpferische Modellierung
Im Anschluss an Michel Foucault und ohne Anspruch auf eine allgemeine geschichtliche Interpretation der Machtformationen lassen sich Souveränitätsgesellschaften, Disziplinargesellschaften und Kontrollgesellschaften unterscheiden. Der Souverän erhob seinen Anteil an den Produkten der menschlichen Arbeit mit Hilfe von Machtinstanzen, die die sozialen Gemeinschaften überwölbten und übercodierten, während jene dabei doch eine gewisse territoriale Identität und Autonomie bewahrten - Ethnien, Dorfgemeinschaften, Körperschaften. Die soziale Modellierung blieb auf diese Weise den Instrumenten und Dispositiven der ökonomischen Ausbeutung relativ äußerlich.
Im Zuge der kapitalistischen Disziplinierung »deterritorialisieren« die Arbeitsteilung, die wachsende Bedeutung der energiegetriebenen Maschinen sowie die semiotischen Instrumente, die die Ökonomie bestimmen, die früheren sozialen Einheiten und bringen an deren Stelle produktive Räume hervor, die zugleich Dispositive des materiellen, institutionellen und mentalen Einschlusses erzeugen. Der Kapitalismus modelliert das Soziale in seinen kleinsten Details neu, angefangen von den Staatsapparaten über die kollektiven Einrichtungen bis hin zu den individuellen Verhaltensweisen und Affekten.
Verallgemeinerte Kontrolle. Die städtische Maschine ihrerseits fungiert als eine Art Proto-Computer, der im Verlauf der Entwicklung und entsprechend der Bedürfnisse des Systems duale Gegensätze zwischen dessen ausgebeuteten Klassen und dessen »Eliten«, dessen angestammten Bürgern und dessen Ausgeschlossenen, dessen Normalen und dessen Wahnsinnigen hervorbringt.
Im Zeitalter der verallgemeinerten Kontrolle wird die Modellierung noch totalitärer und hegemonialer. Die Erzeugung von Subjektivität vollzieht sich nicht mehr ausschließlich über große Zusammenhänge und über die Massen, sondern über eine molekulare Programmierung. Der Katechismus des neuen Computergottes wird nicht mehr von Mund zu Mund übermittelt, sondern er wirkt direkt auf die nervlichen und psychischen Modulstrukturen - das Kind, das von der Wiege an Leitschemata aufsaugt, die ihm über das Fernsehen vermittelt werden und die sowohl seine Wahrnehmung als auch seine Einbildungskraft sowie die Werte modellieren, auf die es sich bezieht; der Arbeiter, der im Räderwerk der Produktionsstätten gefangen ist, die sich auf den Computer und auf numerische Befehle aller Art stützen; die Verhaltensweisen des Konsumenten und des Wählers, die in einer negativen Rückkopplung durch Werbung, Umfragen und Fernsehhypnose ferngeleitet werden.
Neuzusammensetzung sozialer Praktiken. Die Kontrollgesellschaft ist durch eine Art kollektiven deterministischen Trieb bestimmt, der jedoch paradoxerweise trotzdem von innen ausgehöhlt ist, und zwar aufgrund der unvermeidbaren Notwendigkeit, einen minimalen Grad an Freiheit, Kreativität und Erfindungstätigkeit in den Bereichen der Wissenschaften, der Techniken und der Künste zu erhalten, ohne den das System in eine Art entropische Starre versinken würde. Dieses Regime einer Modellierung, die von außen programmiert ist, ist daher vielleicht nicht mehr als eine Phase, die sich angesichts einer Modellierung notwendig auflöste, die von innen durch kollektives Handeln und kollektiven Ausdruck wieder aufgenommen würde, wobei letztere systematisch die fragliche Dimension der Kreativität entwickelten. Ein solcher Fortgang hängt einerseits von der Entwicklung der Wissenschaften, der Techniken und der Künste ab und andererseits von der Neuzusammensetzung angemessener sozialer Praktiken.
Nehmen wir zwei Beispiele: Bei der wissenschaftlichen Theorie, die gewöhnlich als ein Korpus von Zwängen begriffen wird, der in sich geschlossen ist, besteht bereits die Tendenz, sich wandelnden Systemen der Modellierung das Feld zu überlassen, die die Definition ihrer Gegenstände und den Status ihrer Verfahren vollkommen offen halten. Im Bereich des Films werden neue Technologien den Zuschauer vielleicht dazu bringen, aktiv am Geschehen teilzunehmen, indem er selbst seinen Blickwinkel, seine Stellung darin, seine Großaufnahmen, seine Nahaufnahmen sowie seine Draufsichten bestimmt. Zuletzt wird er sich dann in die Rolle eines Erzähler-Zuschauers der Handlung bringen. Er könnte so zum Beispiel im Laufe eines Westerns oder eines Krieges, wie demjenigen am Golf, nach seinem eigenen Wohlgefallen das Lager wechseln.
(April 1991)
Eine Neuordnung der technologischen Macht
Vor unseren Augen vollzieht sich derzeit eine Verknüpfung von Fernsehen, Telematik und Informatik, die sicherlich noch im laufenden Jahrzehnt zur Vollendung kommen wird. Die Digitalisierung des Fernsehbildes wird bald zur Folge haben, dass der Fernsehbildschirm zugleich auch Bildschirm für den Computer und den telematischen Empfänger ist. Auf diese Weise werden Praktiken, die heute noch getrennt sind, eine Verbindung miteinander eingehen. Darüber hinaus werden vielleicht auch einige Einstellungen, die heute eher solche der Passivität sind, dazu gebracht, sich zu verändern. Die Verkabelung und der Satellitenempfang werden es uns erlauben, zwischen 50 Programmen hin und her zu zappen, während die Telematik uns Zugang zu einer Unmenge an Bilddatenbanken und kognitiven Informationen verschaffen wird.
Der suggestive oder sogar hypnotische Charakter der aktuellen Beziehung zum Fernsehen wird dahinschwinden. Wir können hoffen, dass sich im Anschluss daran eine Neuordnung der massenmedialen Macht ergeben wird, die derzeit die Subjektivität niederdrückt, und dass sich der Übergang zu einem »nach-medialen« Zeitalter vollziehen wird, in dem es zu einer kollektiven individuellen Wiederaneignung und zu einer interaktiven Nutzung der Maschinen kommt, die zur Information, Kommunikation, Intelligenz, Kunst und Kultur dienen. Durch diese Transformation wird auch die klassische Triangulation von Ausdruck, Referenz und Bedeutung neu gebildet. So ist beispielsweise das elektronische Foto nicht mehr der Ausdruck eines eindeutigen Bezugsgegenstandes, sondern von einer Realität unter anderen erzeugt, die ebenso möglich wären.
Montierte Wirklichkeiten. Die Fernsehnachrichten waren schon immer das Resultat einer Montage, die sich heterogener Bestandteile bedient, wie der Darstellbarkeit der Abfolge der Ereignisse, der Modellierung der Subjektivität gemäß den dominierenden Mustern, des politischen Drucks zur Normierung und der Bemühung um ein Minimum an Bruch, der zur Singularisierung führt. Gegenwärtig tritt in allen Bereichen eine solche Erzeugung immaterieller Wirklichkeit in den Vordergrund und damit vor die Produktion von Dienstleistungen und materiellen Bindungen.
Sollten wir die »gute alte Zeit« vermissen, in der die Dinge unabhängig von ihrer Darstellungsweise dasjenige waren, was sie waren? Aber hat diese Zeit überhaupt jemals irgendwo anders als in der szientistischen oder positivistischen Einbildung existiert? Bereits im Paläolithikum mit seinen Mythen und Ritualen schuf die Vermittlung über den Ausdruck Distanzen zur »Wirklichkeit«.
Wie dem auch sei, alle ehemaligen Machtformationen mitsamt ihren Weisen, die Welt zu modellieren, wurden deterritorialisiert. Geld, Identität und soziale Kontrolle unterstehen nun der Chipkarte. Weit davon entfernt, eine Rückkehr auf den Boden der Dinge mit sich zu bringen, haben uns die Ereignisse im Irak in ein Universum massenmedialer Subjektivität abheben lassen, das uns wirklich ins Delirium versetzt. Die neuen Technologien stoßen zugleich Effizienz und Wahnsinn aus. Dabei mündet die wachsende Macht des Computerengineering nicht notwendig in diejenige des Big Brother. Sie ist nämlich wesentlich gebrochener, als es zunächst scheinen mag. Unter der Einwirkung anderer molekularer Praktiken kann sie zerspringen wie eine Windschutzscheibe.
(Oktober 1990)
Aus dem Französischen von Andreas Niederberger.
Die beiden Texte von Félix Guattari, »Modèle de contrainte ou modelisation créative« und »Vers une ère post-média«, sind erstmals postum in der Zeitschrift Chimères (28/1996: Les Arts de l'Éco) erschienen. Copyright © »Enfants Guattari«