Bündnis des Grauens
Die Nazis und der Islamismus in Palästina. Von Matthias Küntzel
Wer die Frühgeschichte des Nahostkonflikts unabhängig von der PLO-Historiografie und ihren Nachbetern analysiert, wird mit dem frühen Islamismus in Palästina und einer folgenreichen Einflussnahme Nazi-Deutschlands konfrontiert. Die Schlüsselfigur für beides war Amin el-Husseini, der Mufti von Jerusalem. Er hielt sich von 1941 bis 1945 in Berlin auf, konferierte mit Adolf Hitler und gründete die muslimisch-bosnische SS-Division. Seine wichtigste Sorge galt der Gefahr, Juden könnten der Shoah entkommen: 4 000 jüdische Kinder, die freikommen sollten, schickte man auf seine Veranlassung in den Tod.
Niemand aber hatte die muslimisch-jüdische Konfrontation erfolgreicher geschürt als der Mufti, der die höchste religiöse und politische Autorität des palästinensischen Nationalismus gewesen war. Unter seiner Ägide wurde der antizionistische Kampf islamisiert und zur religiösen Pflicht verklärt. Wer sich den antijüdischen Vorgaben des Mufti nicht beugte, wurde in den Freitagsgebeten der Moscheen namentlich denunziert und bedroht. Stolz schilderte el-Husseini darüber hinaus in einem Brief an Adolf Hitler, wie er in unermüdlicher Anstrengung dafür gesorgt habe, dass »die Palästina-Frage alle arabischen Länder in gemeinsamem Hass auf die Engländer und Juden vereinigt«.
Seit 1937 honorierte Deutschland diese Aktivitäten mit Waffenlieferungen und Geld. Die Ausgangsbasis der Kooperation war ein vom Nationalsozialismus formulierter Antizionismus, dem der eliminatorische Antisemitismus von vornherein eingeschrieben war. 1920 wurden die »Protokolle der Weisen von Zion« erstmals in deutscher Sprache publiziert. Alfred Rosenberg, einer der Chefideologen der NSDAP, zog schon 1921 in seinem Buch »Der staatsfeindliche Zionismus« die aus diesem Machwerk abgeleitete Konsequenz: »Zionismus ist ... ein Mittel für ehrgeizige Spekulanten, sich ein neues Aufmarschgebiet für Weltbewucherung zu schaffen.« In »Mein Kampf« führte Adolf Hitler 1925 aus: Die Juden »denken gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, ... sondern sie wünschen nur eine mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete ... Organisationszentrale ihrer internationalen Weltgaunerei«.
Trotz dieser Verbindung war in Palästina kein anderer Politiker so umstritten wie Amin el-Husseini. Schließlich wollten gewichtige palästinensische Fraktionen nicht auf Juden schießen, sondern mit ihnen reden. So trat der einflussreiche Clan der Nashashibi in allen Phasen des Konflikts für eine moderate Politik gegenüber den Zionisten und den Briten ein.
Wer mit den Juden verhandeln wollte, wurde von Banden des Mufti liquidiert. Diese Praxis erreichte im »arabischen Aufstand« von 1936-1939 ihren Höhepunkt. In den bis heute gängigen Legenden der PLO werden die Gewaltausbrüche jener Jahre als »Guerillakrieg« und »palästinensischer Widerstandskampf« glorifiziert. Die Wirklichkeit sah anders aus. »Der Mufti schaltete bewusst mit äußerster Härte seine Gegner innerhalb des palästinensischen Lagers aus«, konstatiert Abraham Ashkenasi. »Innerhalb des palästinensischen Lagers ist es zu mehr Mord und Totschlag gekommen als gegen Juden und gegen Briten.« Zudem wurden in den von den Banden des Mufti kontrollierten Gebieten neue Kleiderordnungen und Sharia-Gerichte eingeführt und »unislamische« Abweichler liquidiert. Die ägyptischen Muslimbrüder fachten diesen Terror an und riefen die Bevölkerung Palästinas dazu auf, alle Angehörigen und Freunde der Nashashibis zu töten, während sie das Vorgehen des Mufti als Jihad-Fanal glorifizierten.
Weitaus wichtiger war die Schützenhilfe, die der Mufti vom Nationalsozialismus erhielt. Seit 1937 hatte Nazi-Deutschland seinen »Aufstand« mit Waffenlieferungen und Finanzhilfen unterstützt. Mehr noch, die Entscheidung, ihn von 1937 bis 1939 fortzusetzen, fiel maßgeblich in Berlin. »Der Mufti gab selbst zu, dass es seinerzeit nur durch die ihm von den Deutschen gewährten Geldmittel möglich war, den Aufstand in Palästina durchzuführen. Von Anfang an stellte er hohe finanzielle Forderungen, denen die Nazis in sehr großem Maße nachkamen.« (Klaus Gensicke: »Der Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini und die Nationalsozialisten«, Frankfurt/M. 1988) Das langfristige Kalkül der Nazis wurde 1938 von Alfred Rosenberg benannt: »Je länger der Brand in Palästina anhält, um so mehr festigen sich die Widerstände gegen das jüdische Gewaltregime in allen arabischen Staaten und darüber hinaus auch in den anderen moslemischen Ländern.«
Auch in seinem Kampf gegen jedes Zweistaatenmodell wurde der Mufti von den Nazis bestärkt. Während die Nashashibis und der zionistische Weltkongress den 1937 von Großbritannien vorgeschlagenen Teilungsplan für Palästina unterstützten, lehnte el-Husseini jedwede jüdische Staatsbildung in Palästina kategorisch ab. An seiner Intransigenz scheiterte der Kompromiss.
1947 wurde anlässlich des UN-Teilungsplans für Palästina die zweite große Chance einer Einigung vereitelt. Mit größter Vehemenz sorgte der Mufti im arabischen Lager für die Ablehnung des UN-Beschlusses, um stattdessen den Krieg gegen den jüdischen Staat vorzubereiten. Der skandalöse Umstand, dass der in Europa als Nazikriegsverbrecher gesuchte el-Husseini erneut als Sprecher aller Palästinenser reüssieren konnte, erhielt so historisches Gewicht. Es waren in erster Linie die Muslimbrüder, die dem Mufti zuvor ein Aufenthaltsrecht in Ägypten und neue Handlungsspielräume erkämpft hatten; 1947 hatten sie Amin el-Husseini zum offiziellen Führer der Muslimbrüder in Palästina gekürt.
Für große Teile der arabischen Welt wurden mit dem Mufti aber gleichzeitig auch der Nationalsozialismus und dessen Antisemitismus rehabilitiert. Scharenweise strömten die in Europa gesuchten Nazis in die arabische Welt, um dort entweder im Bereich »Agitation und Propaganda« ihre antisemitische Mission fortzusetzen oder sich an der Entwicklung ägyptischer Raketen zur Zerstörung Israels zu beteiligen. Massenhaft wurden hier in den folgenden Jahrzehnten die »Protokolle der Weisen von Zion« verbreitet und mit Unterstützung der ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser und Anwar al-Sadat stets neu verlegt; beide waren einst Mitglieder der Muslimbruderschaft.
Der Mufti blieb bis 1974, als er starb, von der Nazi-Variante des Antizionismus beseelt. Er stand als Pate und Finanzier hinter der 1959 gegründeten Fatah und setzte 1968 Jassir Arafat inoffiziell als seinen Nachfolger ein: »Amin el-Husseini hatte den Eindruck, dass Arafat der richtige Führer für die palästinensische Nation war. Er fand, er sei fähig, die Verantwortung zu tragen.« (J. und J. Wallach: »Jassir Arafat«, München 1994)
Mithin standen die zionistische Bewegung und der Staat Israel von Anfang an einer Bewegung gegenüber, die sich nicht von Rationalitätskalkülen, sondern von einer auf Elimination setzenden Vernichtungswut auf Juden leiten ließ. Während der jüdische Fundamentalismus im Zionismus immer in der Minderheit blieb, war der islamistische Fundamentalismus in der palästinensischen Nationalbewegung in den maßgeblichen Jahren dominant.
An dieses Erbe knüpft die Hamas heute an. Sie hat den Antizionismus der Nazis übernommen und islamistisch radikalisiert. Und sie hat nach dem Vorbild des Mufti ihre Widersacher, die so genannten Kollaborateure, zu Hunderten einfach abgeknallt. So wurden auch während der ersten Intifada weitaus mehr Palästinenser von Palästinensern als von isralischen Truppen getötet. Viele dieser über 940 Morde, die zwischen 1987 und 1993 verübt wurden, gehen auf das Konto der Hamas, wobei oft schon ein Verstoß gegen das islamistische Homogenitätsgebot (»moralische Verfehlung«) mit dem Tode bestraft wurde. Zudem setzt die Hamas die Obstruktionspolitik des Mufti gegen jeden Ansatz einer friedlichen Lösung konsequent fort.
Die wichtigsten Entscheidungen zur Torpedierung einer arabisch-jüdischen Verständigung wurden aber bereits in der Phase der Kooperation der Nazis mit dem Mufti getroffen: die Ausschaltung der palästinensischen Politiker, die ein Zweistaatenmodell befürworteten, die Einschwörung der arabischen Welt auf den eliminatorischen Antizionismus und die Islamisierung des Konflikts. Das ist evident. Um so verblüffender ist die Hartnäckigkeit, mit der man gerade diese Kooperation hierzulande in ein viel sagendes Schweigen hüllt. So wie im Hause des Henkers über den Strick nicht gesprochen werden darf, setzt sich hierzulande das Schweigen über die Nazi-Verbindungen des Mufti als Schweigen über den islamistischen Antisemitismus fort.
Von Matthias Küntzel erschien kürzlich das Buch »Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg« im Verlag ca ira (180 S., 13,50 Euro; Bestellungen unter www.isf-freiburg.org).
Veranstaltungen mit Matthias Küntzel über »Djihad und Judenhass«:
Innsbruck: 9. Dezember, 20.00 Uhr, Treibhaus, Angerzellgasse.
Duisburg: 10. Dezember, 20.00 Uhr, Kulturzentrale Hundertmeister.
Hannover: 11. Dezember, 19.30 Uhr, Volkshochschule Hannover.
Gießen: 16. Dezember, 19.30 Uhr in der »Alten Universitätsbibliothek«, Bismarckstr. 37.
Frankfurt/M.: 17. Dezember, 20 Uhr im BCN-Cafe der FH Frankfurt am Nibelungenplatz.
Der Autor kann unter MatKuentzel@aol.com kontaktiert werden.