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Nr. 49/2002 - 27. November 2002
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Jihad und Judenhass

Der Antisemitismus ist keine Beigabe zum Islamismus, sondern dessen Kern. Von Matthias Küntzel

Was treibt die Islamisten in Jerusalem, Bali und New York zum suizidalen Massenmord? Die gängige These vom »Verzweiflungstäter« ist offenkundig falsch. Erstens ziehen nirgendwo sonst Menschen aus ihrer hoffnungslosen Lage die Konsequenz, sich in voll besetzten Bussen oder Restaurants in die Luft zu sprengen. Zweitens sind die testamentarischen Videobotschaften der Attentäter nicht von Verzweiflung, sondern von Stolz und Begeisterung gekennzeichnet. Drittens haben Islamisten friedliche Lösungen im Nahostkonflikt nicht gefördert, sondern in Blutbädern ertränkt.

Aufschlussreicher ist der Blick zurück. Nur im Kontext seiner 70jährigen Geschichte lässt sich der gegenwärtige Islamismus deuten. Als sich jüngst ein Sprecher der Hamas über die strategische Schwäche »der Juden« mokierte, »mehr als andere das Leben zu lieben und es vorzuziehen, nicht zu sterben«, knüpfte er unmittelbar an Hassan al-Banna, den Gründer der Gesellschaft der Muslimbrüder an. »Nur derjenigen Nation«, dozierte al-Banna im Jahre 1938, »welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt.« Schon damals wurde von den »Truppen Gottes«, wie die Muslimbrüder sich nannten, dieser Todeskult zelebriert. Wann immer ihre Bataillone in semifaschistischer Formation durch die Straßen Kairos marschierten, erklang ihr Lied: »Wir haben keine Angst vor dem Tod, sondern wir ersehnen ihn ... Lasst uns für die Erlösung der Muslime sterben!«

Die Muslimbrüder waren es, die 1928 den Islamismus als erste islamische Massenbewegung begründeten. Sie waren es, die im Kontext der Weltwirtschaftskrise den kriegerischen Jihad und das Ideal des Märtyrers für die Neuzeit entdeckten. Für den gegenwärtigen Islamismus sind die Muslimbrüder das, was die Bolschewiki für die Kommunisten des 20. Jahrhunderts waren, der ideologische und organisatorische Bezugspunkt, der das Nachfolgende inspirierte und bis heute inspiriert.

Zwar hatte sich die Bruderschaft als regressive Bewegung gegen die britische Herrschaft und die »kulturelle Moderne« konstituiert. Sie forderte die Abschaffung von Zins und Profit zugunsten einer diktatorisch durchgesetzten Interessengemeinschaft von Arbeit und Kapital. Sie agitierte als Kampfbund eifernder Männer für die Unterjochung der islamischen Frau. Sie revoltierte gegen alle sinnlichen und materialistischen Versuchungen der kapitalistischen und kommunistischen Welt. Doch die Kampagnen der Muslimbrüder nahmen nicht den Imperialismus oder seine ägyptischen Statthalter, sondern den Zionismus und die Juden ins Visier. Nicht als antikoloniale, sondern als antijüdische Bewegung wurden sie zur Massenorganisation. 1936 zählten sie 800 Mitglieder, 1938 waren es 200 000. Dazwischen konzentrierten sich, angespornt vom Mufti von Jerusalem in Palästina, ihre Aktivitäten auf antijüdische Massendemonstrationen, Judenboykotts und antisemitische Hetzkampagnen.

Von Anfang an war das Denken der Muslimbrüder von einer antisemitischen Struktur geprägt, welche alle Erscheinungen des Lebens einem Opfermythos unterordnet und binär codiert. Man wähnte das Gute - den orthodoxen Islam in seiner ursprünglichsten Form - im Existenzkampf mit dem Bösen - den Hedonisten, den Zionisten oder der Suez Canal Company -, um durch Abgrenzung vom wesenhaften Feind die homogene Gemeinschaft zu schmieden. Seit 1936 hatte diese Denkstruktur ihr am besten geeignetes Objekt gefunden und sich in antijüdischen Pogromen ausgetobt.

Doch erst nach dem 8. Mai 1945 erreichte die ideologische Annäherung der Bruderschaft an die Nazis durch die Übernahme der antijüdischen Weltverschwörungstheorie ihren Höhepunkt. Im November 1945 kündigte sich die Verschiebung des antisemitischen Zentrums von Deutschland in die arabische Welt erstmals an. Die Muslimbrüder verübten anlässlich des Jahrestages der Balfour-Deklaration ihr bis dahin größtes antijüdisches Pogrom. Sie steckten Synagogen in Brand, plünderten Häuser und Geschäfte, töteten sechs Menschen und verletzten hunderte. Die Ausschreitungen brachten zum Ausdruck, was sich seither als islamistische Konstante erwies: Die Vernichtung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland wurde wenn nicht gebilligt, so doch ignoriert. Auf der Grundlage ihrer Weigerung, die Shoah als Verbrechen anzuerkennen, wurde der 1947 gefasste Beschluss der Vereinten Nationen zur Gründung Israels verschwörungstheoretisch interpretiert: als - so al-Banna - »internationaler Komplott, ausgeführt von den Amerikanern, den Russen und den Briten unter dem Einfluss des Zionismus«.

Seither gilt den Islamisten als Gewiss-heit, was Ussama bin Laden im November 2001 so formulierte: »Die jüdische Lobby hat Amerika und den Westen als Geiseln genommen.« Als wichtigste globale Ambition dieser »jüdischen Lobby« wird die Zerstörung des Islam imaginiert. Mit ihr wähnen sich die Islamisten in einem Kampf um Tod oder Leben, in dem sie »dem Feind das größtmögliche Grauen bei relativ geringen Verlusten für die Islamische Bewegung« (Ayman al-Zawahiri) beizubringen suchen.

Suizidale Massenmorde wie am 11. September 2001 sind die Fortsetzung islamistischer Politik mit anderen Mitteln. Als Nahziel will man den Rückzug der USA aus der arabischen Welt erzwingen, um Israel auslöschen und die panarabische Sharia-Diktatur errichten zu können. Gleichzeitig haben die Septembermassaker die Islamisten an die Spitze der Pseudogegner des Kapitalismus katapultiert. Von Nazis gefeiert und von Globalisierungsgegnern unterstützt, konzentrieren sie die Unzufriedenheit mit Zuständen, die aus der Totalität des Kapitalismus resultieren, auf das »amerikanisch beherrschte« Israel und die »von Juden dominierten« USA.

»Hitlers islamistische Erben« (Jehuda Bauer) verfügen über große Finanzmittel, global organisierte Netzwerke und eine kohärente Ideologie. Sie haben den emanzipatorischen Antikolonialismus durch einen eliminatorischen Antisemitismus ersetzt, der die Welt ein weiteres Mal durch die Vernichtung alles »Jüdischen« erretten will. Dennoch will man gerade in Deutschland von dieser Dimension der islamistischen Weltanschauung nichts wissen. Die Tatsache, dass die folgenden Textauszüge hier erstmals auf Deutsch publiziert werden, spricht für sich. Oder wird der Blick gerade deshalb vermieden, weil uns hier tatsächlich »die Fratze der eigenen Geschichte« entgegenblickt?



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