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Nr. 49/2002 - 27. November 2002
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Swoosh in der Volkskammer

Mit dem Sportartikelhersteller Nike als Sponsor steht dem Berliner Palast der Republik nun wirklich mal eine Revolution ins Haus. von hilmar poganatz und martin schwegmann

Wir haben nichts gegen eine Zwischennutzung, wollen aber vom finanziellen Aufwand verschont bleiben«, mit diesen Worten wird der Sprecher der Berliner Oberfinanzdirektion, Helmut John, in der Berliner Zeitung zitiert. Damit scheinen auch die letzten Fragen zur Zukunft des Palasts der Republik beantwortet zu sein.

Denn nachdem die Expertenkommission »Historische Mitte Berlins« im April den Abriss des ehemaligen Sitzes der DDR-Volkskammer und den Bau eines dem historischen Stadtschloss ähnlichen Gebäudes beschloss, war lange Zeit unklar, was an dem Ort geschehen soll, bis der vom Bundestag beschlossene Wiederaufbau des 1950 gesprengten Schlosses finanziert werden kann.

Seither wird über eine mögliche Zwischennutzung debattiert, und immer wieder taucht die Frage auf, wer eine Bespielung der Bauruine bis zum Wiederaufbau des Stadtschlosses finanzieren könnte. Der Bund als Eigentümer befürwortet ein »Kulturkonzept«, solange es den Staat nichts kostet.

An Interessenten, welche die historische Bedeutung, die zentrale Lage oder sogar einen gewissen DDR-Hype nutzen wollen, mangelt es nicht. Zu ihnen gehören Institutionen wie die benachbarte Staatsoper Unter den Linden oder das Deutsche Technikmuseum, junge Künstler wie der Dirigent Christian von Borries, der eine Oper aus Elementen Wagners und Stockhausens aufführen will, die ewigen Location-Scouts der Berliner Szeneclubs, und auch so abseitige Bewerber wie das Forum Junge Bewegungskultur, das im Palast Skateboard fahren, Streetball spielen und Partys veranstalten will.

Die besten Chancen für den Zuschlag aber scheint zurzeit der Sportartikelkonzern Nike zu haben. Durch eine gezielte Indiskretion wurde bekannt, dass das Unternehmen plant, der Hauptsponsor für die Zwischennutzung des Palastes zu werden. Wenn es so weit käme, wären wohl auch die Architekten des EU-Forschungsprojektes Urban Catalyst (UC) zufrieden.

Das Projekt um den Berliner Architekten Philipp Oswalt hat sich als Koordinator der vorgeschlagenen Aktivitäten, die je nach der Finanzlage des Bundes über mehrere Jahre andauern könnten, mit einer viel beachteten Ausstellung ins Spiel gebracht (www.zwischenpalastnutzung.de). »Wir haben die existierenden Projekte verknüpft und um subkulturelle Komponenten erweitert«, so Oswalt.

Ohne Urban Catalyst wäre das Herzstück der DDR angeblich beinahe als Abstellplatz für Baustellengeräte vermietet worden. »Da sind wir ihnen aber zum Glück in die Quere gekommen«, sagt der Architekt. Nach der vier Jahre dauernden Asbestsanierung, die im ersten Quartal des kommenden Jahres beendet sein soll, bleiben vom ehemaligen DDR-Bau nur noch das Stahlskelett und die Fassade erhalten.

Aus Oswalts Büro kommt nicht nur die Idee, statt des gesamten Gebäudes nur den Volkskammersaal für Veranstaltungen herzurichten, sondern auch die dazugehörige Kostenschätzung von 1,3 Millionen Euro und der Plan einer Finanzierung über Sponsoren. »Die 16 Millionen, von denen SPD-Bausenator Strieder einmal sprach, halte ich dagegen für völlig aus der Luft gegriffen«, meint Oswalt.

Die Finanzierung soll nach den Plänen von UC entweder durch eine kommerzielle Nutzung gesichert werden oder indem man den Palast »einem finanzstarken Konzern für ein Auftaktevent oder eine regelmäßige Bespielung, etwa dreimal im Jahr für eine Woche« überlasse. Dabei profitiere der Sponsor »von der Symbolhaftigkeit des Ortes«, heißt es auf der Website von UC.

Dieser Sponsor wurde allem Anschein nach bereits gefunden. »Der neue Sport-Palast - Nike soll die Asbestruine sponsern«, lüftete schon Ende Oktober die B.Z. das wohl gehütete Geheimnis. »Ein Sponsor hat die grundsätzliche Bereitschaft geäußert, ein solches Engagement zu übernehmen und bis zum Mai 2003 umzusetzen«, sagen auch die Leiter von UC, allerdings ohne Namen zu nennen. Nike selbst zeigte sich gegenüber Berlins meistverkaufter Zeitung offener: »Es gibt erste Gespräche«, ließ der Firmensprecher Patrick Kammerer wissen, der Palast sei schließlich »ein außergewöhnliches Objekt«.

Außergewöhnlich genug, um nach dem Grund für die Sponsorenrolle Nikes zu fragen, findet der Berliner Architekt Friedrich von Borries, der seine Untersuchungen zur Rolle Nikes bei der kommerziellen Nutzung des öffentlichen Raums jüngst auf der Stadtplanerkonferenz »Urban Drift« präsentierte. »Nikes Werbestrategie basiert darauf, öffentliche Räume umzubewerten. Dabei nutzt der Konzern ursprünglich subversive Methoden der Medienguerilla der siebziger Jahre«, erläutert von Borries.

Berlin, Nikes »Testgebiet«, sei voller Beispiele: die Bolzplatzkampagne aus dem Jahr 1999, bei der Nike verkommene Fußball-»Käfige« mit Schildern in seine »Just do it«-Ideologie einfügte, das Sportereignis »Subgroundbattle« aus dem Jahr 2001 in einem U-Bahn-Schacht am Reichstag und die Einrichtung von Clubs und Lounges, die erst beim zweiten Hinsehen als Werbeveranstaltungen zu erkennen sind. Das jüngste Beispiel für die gleichzeitig subtile wie aggressive Strategie des Konzerns war kürzlich am Bahnhof Alexanderplatz zu sehen, der mit Nike-Slogans und -Symbolen vollkommen zugepflastert wurde.

»Nikes perfide Strategien simulieren eine urbane Widerstandsbewegung«, sagt von Borries. Damit würden Protestgefühle der jugendlichen Zielgruppe aufgenommen und in Konsumwünsche umgewandelt: »Nike zu tragen vermittelt dann das Lebensgefühl einer jugendlichen Protestbewegung«, so von Borries.

Der Kritiker stützt sich auf eine bekannte These der kanadischen Globalisierungskritikerin Naomi Klein (»No Logo«), der zufolge Logos und Marken in westlichen Gesellschaften einen fast schon religiösen Stellenwert einnehmen. So ist auch das Kaufhaus »Niketown« am Berliner Tauentzien »eine Kathedrale für Turnschuhe« (Jungle World, 15/99). »Niketown ist tatsächlich aufgebaut wie eine Kirche. Man tritt ein und steht in einem Kirchenschiff, das sich bis zu einer Videoleinwand erstreckt, welche dem Altar entspricht«, beschrieb Tobias Rapp den zweistöckigen Tempel mit seinen Galerien, Kapellen und Heiligenbildern.

»Niketown« mag einen Hinweis darauf geben, wie die Eröffnungsveranstaltung am Palast der Republik aussehen könnte. »Konzerne wie Nike müssen am Palast ihren Mehrwert sehen«, beschrieb Tim Renner, der Vorstandsvorsitzende von Universal Deutschland, auf einer Podiumsdiskussion die Sicht der Unternehmer und fügte hinzu: »Dann sind wir schnell beim Swoosh im Ährenkranz.«

Urban Catalyst kann das nicht schrecken: »Wäre man denn bereit, wegen dieser Einwände auf das ganze Projekt zu verzichten?«, fragt der UC-Planer Klaus Overmeyer. Man müsse sich entscheiden, was erträglicher sei, die Außenwerbung oder eine Nutzung des Innenraums durch den Sponsor.

Kritik ganz anderer Art kommt indes aus dem Kulturausschuss des Bundestags. »In Berlin herrscht wahrlich kein Mangel an abartigen Veranstaltungsstätten, und ein dringender Bedarf nach künstlicher Beatmung des einstigen Sitzes der Volkskammer der DDR ist schlicht nicht vorhanden«, schimpfte dort der kulturpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Günter Nooke. Auch Peter Gauweiler und Vera Lengsfeld kritisierten die Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die sich zuvor für eine Zwischennutzung ausgesprochen hatte. Dabei musste sie sich auch gegen den Vorwurf verteidigen, sie wolle eigentlich den Schlossbau verhindern.

Bei geschätzten Neubaukosten von 670 Millionen Euro kommt dieser Einwand häufig. »Tatsächlich hat unser Projekt in anderen Städten festgestellt, dass Zwischennutzungen teilweise in permanente Nutzungen übergehen«, räumt Overmeyer ein. UC sehe sich jedoch ausdrücklich nicht als »Schloss-verhinderer«. Vielmehr müssen die »urban catalysts« sich nun als »urban capitalists« bewähren, wie es die Süddeutsche Zeitung treffend formulierte.

Auch das schmeckt nicht jedem, ist doch Berlin gerade auch für Nichtberliner zu einem beispielhaften Ort für subkulturelle Raumnutzung geworden. Spätestens die absehbare Vermarktung des »Symbols der verunglückten deutschen Einheit« (Kultursenator Thomas Flierl) wird jedoch vielen Bewunderern der Off-Szene vor Augen führen, dass auch Ost-Berlin nicht mehr so »alternativ« ist wie es mancher gerne sähe.

*

Philipp Oswalt und Klaus Overmeyer sind zwei Berliner Architekten, die zusammen mit Philipp Misselwitz das Forschungsprojekt Urban Catalyst koordinieren. Das Projekt befasst sich mit der Reaktivierung brach liegender öffentlicher Räume in europäischen Städten.

Zur Zwischennutzung des Palastes hat das Berliner Team Vorschläge gemacht, eine Machbarkeitsstudie erstellt und mögliche Sponsoren für die Finanzierung von Bausicherheitsmaßnahmen angesprochen. Unterschiedliche Nutzungsideen wurden vor kurzem zusammen mit den Ergebnissen der Machbarkeitsstudie in einer Ausstellung präsentiert.

Philipp Oswalt ist außerdem der Autor des Buches »Berlin - Stadt ohne Form. Strategien einer anderen Architektur« (Prestel, München 2000), vgl. Jungle World, 09/01.


Der leere Palast weckt viele Begehrlichkeiten. Warum darf gerade Urban Catalyst vorschlagen, wie und von wem die Ruine genutzt wird?

Overmeyer: Zunächst einmal sind nicht wir diejenigen, die bestimmen oder vorschlagen, wer den Palast zwischennutzen darf. Es hat bereits vor uns eine Reihe von Projekten mit Ideen für eine Zwischennutzung gegeben. Als wir uns im Februar dieses Jahres zum ersten Mal zusammen mit potenziellen Nutzern und Vertretern der Kommune und des Bundes trafen, kam uns relativ schnell eine Sonderrolle als Verknüpfer der einzelnen Projekte zu.

Die in der Ausstellung präsentierten Vorschläge sollen eine Zwischennutzung nicht eingrenzen, sondern die mögliche Bandbreite an potenziellen Nutzungen aufzeigen und zu weiteren Vorschlägen ermuntern. Geplant ist, dass ein Kuratorium geeignete Nutzungen auswählt. Eine noch zu gründende Betreibergesellschaft kümmert sich um die Organisation, die Finanzierung und begleitet die baulichen Maßnahmen, die für eine Zwischennutzung erforderlich sind.

Kritiker wie der Dirigent Christian von Borries befürchten einen »Ausverkauf«. Ist die Furcht vor einer Kommerzialisierung des Palastes berechtigt?

Oswalt: Unsere Machbarkeitsstudie ging ja von Borries' minimalistischem Szenario einer Baustellennutzung aus, für das er auch schon eine Finanzierung hatte. Aber ein öffentlicher Veranstaltungsort braucht einen Brandschutz. Deswegen muss man die gleichen Bauauflagen erfüllen, egal ob man den Saal für 100 oder 800 Leute öffnet, und daraus ergibt sich alles weitere.

Natürlich ist diese Nutzung keine typische Berliner subkulturelle Bottom-Up-Geschichte. Doch die Diskussion ist öffentlich. Schließlich ist der Palast ein symbolisch aufgeladener Ort von großem gesellschaftlichen Interesse. Nachdem die Jahre der Hauptstadteuphorie passé sind, könnte der Rohbau nun umbewertet werden, zu einem Rohdiamant der Stadtentwicklung, als temporärer Katalysator für andere Formen der Nutzungen und der Stadtentwicklung. Eine Entstaatlichung dieses zentralen Ortes kann zwar nicht rein subkulturell ablaufen, kann aber durchaus einen kulturellen Freiraum schaffen.

Diese »Entstaatlichung« überlässt den Ort also nicht den Interessen der Sponsoren?

Oswalt: Nein, wir versuchen eine Mischfinanzierung aus einem Förderverein, Spenden und Sponsoren zu bekommen. Die Sponsoren sollen keinen Einfluss auf das Gesamtprojekt haben. Klar begrenzte Werbemaßnahmen im Außenraum wird man jedoch ertragen müssen, denn ein Großkonzern ist kein Wohltätigkeitsverein. Deshalb muss es ein Regelwerk geben, dass hierfür klare Grenzen formuliert

Der US-Konzern Nike, der als möglicher Hauptsponsor gehandelt wird, ist besonders in Berlin für sein pseudosubversives Marketing bekannt, mit dem es den öffentlichen Raum in »Nike-Erlebniswelten« umcodiert. Ist es überhaupt realistisch, Sponsoren dieses Formats reglementieren zu können?

Oswalt: Sicher kann man diskutieren, ob es besser ist, einen Konzern zu nehmen, der ein komplettes Lebensgefühl vermitteln will, oder einen, der rein produktorientiert wirbt. Wir haben mit mehreren möglichen Sponsoren verhandelt, die uns für das Projekt als Partner geeignet erscheinen.

Doch die eigentliche Entscheidung liegt beim Eigentümer. Nach der Vorstellung von Adrienne Goehler, die zu ihrer Zeit als Kultursenatorin die Zwischennutzung als Empfehlung der Schlossplatzkommission durchsetzte, soll der Sponsor das ius primae noctis erhalten, das Nutzungsrecht des Eröffnungsabends und der ersten Woche. Wir haben auch andere Modelle erwogen. Angesichts der kalkulierten Kosten wird man voraussichtlich die Kooperation mit ein bis drei finanzkräftigen Sponsoren benötigen.



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