Fernsehen macht fit
Liegestütze vor der Waschmaschine, Bankdrücken unter Küchenstühlen:
Wie die heimische Wohnung zum Abenteuerspielplatz wird.
Sport im Selbstversuch, Teil I: Kraftsport. von knud kohr
Gleich nachher gehe ich zum Fitnessstudio an der Ecke, um ein Probetraining zu vereinbaren. Wahrscheinlich wollen zwei Prozent der Weltbevölkerung »gleich nachher« zum Probetraining, um es im Laufe des Tages aus fadenscheinigsten Gründen auf »gleich morgen« zu verschieben. Genau das wird mir nicht passieren. Denn ich bin ja schon Kraftsportler. Seit über zwei Jahren, eine lange Zeit, ohne ein Studio von innen gesehen zu haben oder auch nur eine Trainingsbank für zuhause zu besitzen.
Es begann am 4. August des Jahres 2000, morgens im Badezimmer. Ich hustete gerade die Folgen der täglichen zehn Zigaretten aus der Lunge, ließ meinen Magen mit den Resten des Bifteki von gestern ringen, als mir im Spiegel ein unschönes Bild erschien. Der Mann mit den tiefen Augenringen war 34 Jahre alt und kombinierte bei ca. 80 Kilo Gewicht dünne Ärmchen mit einem weiß-grauen Bauchansatz. Im Ganzen ähnelte er stark den Herzinfarktopfern, die in Vorabendserien immer mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden.
»Es ist noch zu früh zum Sterben!«, schoss es mir durch den Kopf. Und dann: »Sport!« Das aber war im konkreten Fall gar nicht so einfach. Nicht nur, dass ich von Geburt an einen Hüftschaden habe, der Jogging zur schmerzhaften Angelegenheit und Kampfsport zum peinlichen Anblick für alle Beteiligten werden lässt, meine Augen reagieren auch noch allergisch auf das Chlorwasser von Schwimmbädern.
Kurzerhand fasste ich alles zusammen, was hier und jetzt lebensverlängernd wirken konnte. Liegestütze bringen starke Schultern, soviel war klar. Von Situps bekommt man dieses komische Muster auf dem Bauch. Bei Thomas Gottschalk gab es vor Jahren eine Wette, für die kräftige Leute sich mit angewinkelten Beinen gegen eine Mauer lehnten und dabei furchtbar angestrengt aussahen. Und der Actionheld Jackie Chan legte mal mitten im Interview mit Harald Schmidt die Beine hoch und machte eine Art umgekehrter Liegestütze.
Die Beine hochlegen kann man auch auf dem Klobecken, wenn man sich mit den Händen auf dem Badewannenrand abstützt. Zögernd tat ich das. Und die anderen Sachen auch. Das dauerte gute zehn Minuten, und danach tat jeder Muskel weh.
So begannen ab sofort die Tage, und wann immer die Muskelschmerzen geringer wurden, erhöhte ich die Anzahl der Übungen. Zwei Wochen später wurde ich enttarnt. Meine Freundin passte mich vor dem Badezimmer ab: »Knud, seit einiger Zeit stöhnst du jeden Morgen im Badezimmer herum, und kommst danach mit rotem Kopf zum Frühstück. Gibt es etwas, was ich wissen muss?«
Warum sollte ich leugnen? Noch am selben Tag schenkte sie mir eine Ausgabe von Men's Health. Ich selbst schenkte mir eine Ausgabe der Sportrevue. Beide zusammen bilden bis heute meine komplette Fachliteratur. Mehr ist auch nicht notwendig. Die Tipps in den Muskelblättern wiederholen sich in ähnlicher Penetranz, wie in den Frauenmagazinen zur Jagd auf den Traummann geblasen wird. Aber für mich bedeuteten diese Hefte den Schritt aus der Anonymität.
Rückblickend betrachte ich die zweite Trainingsphase als mein Meisterwerk. Unterstützt von einer befreundeten Kung-Fu-Kämpferin, besorgte ich mir ein Paar Fünfkilohanteln fürs Brusttraining, ein fahrradschlauchähnliches Physioband, das man in alle Richtungen ziehen und zerren kann, sowie einige Gelenkbänder für so genannte Callanetics.
Dieses komische Wort bezeichnet eine Trainingstechnik, bei der man die Arme, die Beine oder sonstige Körperteile nur wenige Zentimeter weit bewegt, dafür aber mehrere dutzend, später mehrere hundert Mal. Alle diese Übungen hatten einen gemeinsamen Vorteil. Ich konnte sie ausführen, ohne mein Klappsofa vor dem Fernseher auch nur ein einziges Mal zu verlassen. Wenn ich voller Energie war, schuftete ich während einer ganzen Folge »Monitor« oder »Streit um drei«. War ich erschöpft, schaffte ich nur die »Simpsons« oder das »Sandmännchen«.
Als optimale Trainingsbegleitung erwiesen sich auf Dauer Sportübertragungen, bei denen eine Uhr eingeblendet ist, so lässt sich die Zeitaufteilung zwischen der Anspannung und der Entspannung koordinieren. Mittlerweile hatte ich nämlich einiges Wissen über die Physiologie erworben, und trainierte nur noch drei bis vier Mal pro Woche, aber mit höherer Intensität. Wusste, dass die Unterseite des Oberarms Trizeps heißt. Konnte auf Wunsch die Deltoids anspannen. Trank täglich fettfreie Milch.
All das wirkte: fünf Pfund Muskeln in einem Dreivierteljahr! Liegend! Ich beschloss, ein Buch darüber zu schreiben. Dozierte gern - und mit einer Kippe im Mundwinkel - über mein unangepasstes Training. Freunde schoben wortlos schwer zu öffnende Marmeladengläser in meine Richtung. Ich bekam sogar Einladungen zum Möbeltragen. Es war das Paradies.
Das Ende nahte, als ich im letzten Winter mit dem Rauchen aufhörte. In kurzer Folge kamen eine Langhantel, zwei Kurzhantelstangen, diverse Gewichtsscheiben und gelegentlich gar Eiweißpräparate ins Haus, regelmäßige Checks der Hüften und der Wirbelsäule bei einer Orthopädin wurden obligatorisch. Ambitionierter Freizeitsport also, ausgeübt rund ums Klappsofa.
Das konnte auf Dauer nicht gutgehen. In den letzten Monaten nahm das Training geradezu bizarre Verläufe an. Nach wie vor begann ich mit Callanetics und mit dem Physioband, die nun aber nur noch zum Aufwärmen dienten. Danach stellte ich den stärksten Küchenstuhl und einen Plüschsessel in 80 Zentimeter Entfernung voneinander auf, um sie als Ablage für die Langhantel zu benutzen. Mal hob ich die Hantel von oben, mal legte ich mich aber auch unter diese Konstruktion, um das Gewicht von der Brust hochzudrücken. Da der Plüschsessel auf einem drehbaren Fuß steht, kam ich beim Ablegen etliche Male fast zu Tode.
Meine Freundin konnte sich das irgendwann nicht mehr mit ansehen; ich trainierte nur noch, wenn sie im Büro war. Und auch die Nachbarn begannen zu rebellieren. Denn es ist eine Sache, wenn die kleine Fünfkilohantel vom Klappsofa auf die Dielen rutscht. Und eine entschieden andere, wenn eine auf die Schultern gestemmte Langhantel mit 35 Kilo Gewicht auf den Boden donnert. Letztlich ist eine Orthopädin, die sich nach jedem obligatorischen Wirbelsäulen-Check mit ernster Miene bekreuzigt, auf Dauer auch kein erbaulicher Anblick.
Vor ca. sechs Wochen gab ich auf. Mittlerweile hatte ich mir angewöhnt, bei gelegentlichen Arbeitsaufenthalten im Ausland jeden Morgen in die Fitnessräume des jeweiligen Hotels zu springen, um nicht aus der Form zu kommen. Geräte wie Ergometer mit Pulszähler und Butterflymaschinen mit variablem Widerstand, die ich jahrelang aus Prinzip verachtete, wurden mir immer sympathischer. Und manchmal ergaben sich sogar akzeptable Gespräche mit anderen Trainierenden.
Kurz und gut: Jedesmal kam mir die heimische Sammlung von Hanteln danach kümmerlicher, langweiliger vor. Irgendwann machte ich nur noch pflichtschuldig 20 Minuten Gymnastik. Letztlich war es eine einfache Wahrheit, der auch mein Klappsofa und ich nicht entgehen konnten. Wenn man eine Sache wirklich ernst nimmt, muss man sie irgendwann in einer angemessenen Umgebung ausüben. So, und jetzt habe ich ein Vorgespräch im Studio an der Ecke.