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Nr. 46/2002 - 6. November 2002
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Echter Rock'n'Roll

Ohne seine toughe Ehefrau Sharon würde Ozzy Osbourne heute auf Jahrmärkten Fledermäusen den Kopf abbeißen müssen. Eine Huldigung von elke wittich

Fast jedes ehemalige kleine Mädchen kennt sie, diese seltsamen Probleme, die mit dem Großwerden zusammenhängen. Im eigenen Körper gehen extrem eigenartige Dinge vor sich, die einen komplett ratlos machen, während die erwachsene Umwelt schon probate Lösungen parat hat. Zu diesem ekligen Environment gehören ganz unbedingt Amtspersonen wie Lehrer, die verwirrten Kindern mit Brüsten gern bei der Identitätssuche behilflich sein möchten. Deren unbeholfene Grabbeleien sind jedoch nichts im Vergleich zu den Lehren, die all jene selbst ernannten weiblichen Vorbilder absondern, die da draußen auf ihre hilflosen Opfer lauern. Zum Beispiel die der Schwarzeralice, für die selbst absolutes Dummbrattlertum noch okay ist, wenn es nur von jemandem mit einem Loch im Schritt vorgetragen wird. Andere Frauenvorbilder dagegen propagieren abseitige Dinge wie Silikonbusen, die richtige Gesinnung, beige Cordhosen, blondierte Haare, Nichtsingenkönnen oder Geschlechtertheorien.

Keine dieser selbst ernannten Gender-Ikonen sprach allerdings bisher den wichtigsten Punkt jugendlich-weiblicher Identitätsfindung an. Wie schaffe ich es, erwachsen zu werden und mich gleichzeitig nicht pausenlos zu schämen? Dem Musiksender MTV gebührt die Ehre, für alle Zeiten Schluss gemacht zu haben mit der femininen Bereitschaft, grundlos rot zu werden, bevor man morgens überhaupt richtig aufgewacht ist und eine Chance hatte, sich an den letzten Abend zu erinnern. MTV featuret nämlich in der global erfolgreichen Serie »The Osbournes« weitgehend unbemerkt das weibliche role model schlechthin: Sharon Osbourne, die Frau des gleichnachnamigen Rockers Ozzy. Sie zeigte in den bisherigen Folgen der Reality Soap ausgiebig, dass es völlig okay ist, eine Frau zu sein, dabei zu wissen, wo es lang geht, und gleichzeitig exakt das zu tun, wonach einem gerade ist.

Sharon, deren Alter in der Fachpresse mit 48, 51 oder 53 angegeben wird, entblödete sich in der ersten Staffel nicht, zumindest potenziell in die Flasche Whiskey ihres minderjährigen Sohnes zu pinkeln, zudem scheute sie sich nicht, den blöden Kindergarten-Techno hörenden Nachbarn vor laufender Kamera die Fensterscheiben einzuwerfen.

Dabei war Sharon im Gegensatz zu ihrem Ozzy absolut behütet aufgewachsen. Ihr Vater, Don Arden, galt seit dem Ende der fünfziger Jahre in der Branche als mächtiger britischer Svengali. Er managte unter anderem Gary Moore, Gene Vincent, die Small Faces und Black Sabbath. 1979 hatte die Band von ihrem abgewrackten Sänger jedoch genug und feuerte ihn. Sharon Osbourne übernahm das Management für Ozzy, Gerüchten zufolge verlangte ihr Vater aber, dass sie ihn aus dem trotz des Rauswurfs immer noch bestehenden Vertrag herauskaufe.

Sharon war damals, da sind sich die meisten Zeitzeugen einig, ein »dickes, verängstigtes Ding«, das hinter einem der Schreibtische ihres Vaters saß und den Arbeitsplatz als Basisstation für ein komplett anderes Leben sah. Sie sei komplett paranoid gewesen, als sie Ozzy zum ersten Mal traf, wird berichtet. Um ihm zu imponieren, habe sie den Black Sabbath-Gitarristen Tony Iommi zum Essen eingeladen und ihm während des Rendezvous ein hübsch verpacktes Päckchen, das ihre eigenen Exkremente enthielt, überreicht.

Die Osbournesche Ehe begann mit immensen Schulden, mindestens eine Million Pfund mussten die beiden an Don Arden zahlen. Ozzy war zu diesem Zeitpunkt vollständig am Boden. Er war ständig betrunken und nahm gleichzeitig jede verfügbare Droge, sodass der ehemalige Star kaum noch zurechnungsfähige Momente hatte.

Sharon passte sich ihm zumindest beim Alkohol weitgehend an. Sie seien die definitiven Vorläufer von Sid Vicious und Nancy Spungen gewesen, sagte sie im vorigen Jahr in einem Interview mit dem britischen Guardian. »Unsere Kämpfe waren legendär. Wir prügelten uns selbst in aller Öffentlichkeit. Bei einem Auftritt rannte Ozzy sogar einmal während eines Gitarrensolos von der Bühne, um sich mit mir zu schlagen. Danach ging er wieder ans Mikrofon, als sei nichts geschehen.«

Es gab aber noch üblere Erfahrungen. Nach einem Gig in Japan wurde Sharon von einem Groupie geweckt, das ins Doppelbett gestiegen war. Ozzy hatte vergessen, dass seine Frau mit auf Tour gekommen war. »Heute finde ich das lustig. Damals war es das nicht«, sagt Sharon heute. »Unserer Beziehung hatte anfänglich niemand eine Chance gegeben. Das sagte man mir damals sogar ins Gesicht. Sie erwarteten von Ozzy, eines dieser vorgeschriebenen 'Trophy-Wives' zu haben, eben so eine blonde Beauty mit dicken Titten. Stattdessen nahm er mich, die dunkelhaarige, fette Halbjüdin.« Auf Tour habe sie sich so immer »den Weg freischlagen« müssen.

Das bereitete sie jedoch wohl kaum auf den absoluten Tiefpunkt in der Beziehung zu Ozzy vor. Im August des Jahres 1989 war der Sänger gerade von einem Friedensfest in Moskau nach Hause zurückgekehrt, hatte aber eindeutig vom dort herrschenden Peace-Spirit nur wenig mitbekommen. Völlig betrunken - Sharon erzählte später, er habe zuvor vier Flaschen zollfreien Wodka geleert - erklärte er seiner Frau: »Ich habe beschlossen, dass du gehen musst!« und versuchte, sie zu erwürgen. Ozzy wurde zu einer Therapie verurteilt, die wohl Erfolg hatte.

Oder lag es an Sharon, die als Managerin ihres Mannes erstaunliche Kräfte freisetzte? Mit einem Vermögen von mehr als 40 Millionen Pfund sind die Osbournes in diesem Jahr erstmals auf der Liste der reichsten Engländer vertreten. Zu verdanken hat das die Familie hauptsächlich Mrs. Osbourne, die zu den besten Geschäftsleuten des Musik-Business gezählt würde, wenn sie nur ein Mann wäre. »Dann würde ich als ganz großartiger tough guy gesehen, so bin ich aber nur die bitch, die Hure, die Fotze.«

Deren Bockigkeit legendär ist. Im Jahr 1996 hatte Sharon Osbourne erfolglos versucht, den Veranstaltern des damals absolut hippen Lollapalooza-Festivals ihren Mann als Haupt-Act aufzuschwatzen. Sie lehnten jedoch indigniert ab, denn etwas Outeres als den abgewrackten Rocker konnte sich zu diesem Zeitpunkt kaum jemand vorstellen. »Okay, dann gründe ich eben mein eigenes fuckin' Festival«, beschloss Frau Osbourne und schritt umgehend zur Tat. Während das Lollapalooza schon seit einigen Jahren nicht mehr existiert, wurde das »Ozzfest« über die Jahre hinweg mit einem jährlichen Umsatz von 20 Millionen Euro zu einem der erfolgreichsten Events in den USA. Mit dessen Hilfe unter anderem Marilyn Manson, Limp Bizkit und Slipknot ihren großen Durchbruch schafften.

In einem ihrer seltenen Interviews erklärt Sharon, wem sie diesen Erfolg zu verdanken hat: »Die beste Lehre für mich war, dabei zuzusehen, wie mein Vater sein Geschäft ruinierte. Er zeigte mir dabei unwissentlich, welche Fehler man unbedingt vermeiden sollte.« Mitte der Achtziger stand Don Arden unter anderem wegen Erpressung von Geschäftspartnern vor Gericht, das Verfahren endete jedoch mit einem Freispruch mangels Beweisen. Sharon Osbourne hat ohnehin nur wenig Mitleid für die Familie übrig: »Mein Vater hat keines meiner drei Kinder jemals gesehen, und wenn es nach mir ginge, wird sich das auch niemals ändern.«

Dabei hat sie von Daddy Arden wohl doch mehr gelernt, als sie zugeben mag. Legendär war die Pressemitteilung, in der die Managerin Osbourne ihre Trennung von den Smashing Pumpkins bekannt gab. »Aus medizinischen Gründen« sei sie erfolgt, »denn Billy Corgan macht mich krank«. Vielleicht habe sie die Meldung anders formulieren sollen, sagte sie später, »aber ich bin gern ehrlich«. Einer Firma, die illegal Merchandising-Artikel von Ozzy anbot, stattete Sharon einst selbst einen Besuch ab. Sie schlug dabei das komlette Computersystem des Unternehmens kurz und klein, wobei ihr Abgang nicht so ganz souverän ausfiel: »Das war schon ein kleines bisschen peinlich: Ich hatte meine Autoschlüssel dort vergessen und musste noch einmal zurückgehen.«

Eine echte tough bitch lässt sich von solchen lästigen Kleinigkeiten aber auf keinen Fall unterkriegen. Und so wird die darmkrebskranke Sharon auch in der zweiten Staffel von »The Osbournes«, die gerade in den USA anläuft, zeigen, wie das geht: Titten haben und rechnen können und cool sein und ein spannendes Leben führen. Ihre blöde Krankheit kann sich da auf jeden Fall schon mal auf das Schlimmste vorbereiten. Um Frauen wie Sharon umzubringen, braucht es schon mehr als einen durchgeknallten Ozzy oder ein paar Krebszellen. Und übrigens, so viel haben wir ehemaligen kleinen Mädchen bei MTV mittlerweile gelernt, das gilt für jede von uns.



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