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Nr. 46/2002 - 6. November 2002
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Mir wäre das Dichten egal

Thomas Brasch war ein Meister der Durchstreichung. Zum Todestag des Autors. von felix klopotek

Braschs Filme Die Filme »Engel aus Eisen« und »Domino« von Thomas Brasch wurden beide Anfang der Achtziger gedreht und in beiden spielt Katharina Thalbach mit. Brasch porträtiert in seinen Filmen Menschen in Krisensituationen und Opfer von Identitätskrisen.

Als am 3. November des vergangenen Jahres in Berlin der Autor, Stückeschreiber, Lyriker, Übersetzer und Regisseur Thomas Brasch 56jährig starb, da rafften sich die Feuilletons zu Nachrufen auf. Brasch war in den neunziger Jahren nur am Rande präsent. Ein schmales Büchlein veröffentlichte er, »Mädchenmörder Horst Brunke«, ein 90seitiges Exzerpt eines 10 000 Seiten großen, undruckbaren Entwurfes, ein paar kaum gespielte Theaterstücke, ein paar eigenwillige Shakespeare-Übersetzungen für seinen Freund Claus Peymann. Mitte der neunziger Jahre vermutete selbst sein Lektor, dass er aufgehört habe zu schreiben. Aber Brasch war zu bekannt in den siebziger und achtziger Jahren in West- und Ost-Deutschland, als dass man seinen Tod einfach so abhaken konnte.

Die Nachrufe sammelten ein, was Brasch in den 35 Jahren seines Lebens als Autor produzierte, und kolportierten seinen legendären Lebenswandel: Knast im Osten, Ruhm im Westen, verheiratet mit Katharina Thalbach, vertritt den deutschen Film in Cannes, weltweite Aufführung seiner Stücke; aber auch Suff, Schreibhemmungen, gefolgt von Schreibexzessen. 10 000 Seiten Mädchenmörder.

In der Tat fällt es schwer, seinen Werdegang und die Texte, die er sich abrang, einzuholen und in ein paar prägnanten Begriffen zu fassen. Im posthum veröffentlichten Gedichtband »Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer« weisen die Herausgeber Katharina Thalbach und Fritz J. Raddatz darauf hin, dass die Gedichte nicht datiert gewesen seien. Martina Hanf, die Herausgeberin des ebenfalls posthum erschienenen Stückebandes »Liebe Macht Tod« stellt fest, dass viele Stücke und Fragmente nur ungefähr zu datieren sind, obendrein habe Brasch ältere Stücke »übermalt« oder mit neuen Szenen collagiert. Es scheint, als ob sich Brasch einer vorschnellen Kontextualisierung entziehen wollte, lag doch bei seiner Biografie nichts näher, als ihn einzuordnen: Das ist der gefallene Sohn eines Apparatschiks, ein Opfer der DDR, der diesem Land noch in einer Art Hassliebe verfallen ist.

Geboren wird Thomas Brasch 1945 im britischen Westow. Seine Eltern sind Emigranten, jüdische Kommunisten. 1946 gehen sie in die SBZ. Der Vater macht in der DDR Karriere, avanciert in den sechziger Jahren zum stellvertretenden Kulturminister. Der Sohn studiert Journalistik an der Leipziger Karl-Marx-Universität und Dramaturgie an der Filmakademie in Babelsberg. Aus beiden Institutionen wird er geschmissen. Sein Vietnamprogramm »Seht auf dieses Land« (1966) wird nach der Generalprobe abgebrochen und verboten. 1968 protestiert er offen gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei, deswegen kommt er in den Knast, sein Vater muss zurücktreten. 1969 kommt er auf Bewährung frei, muss sich in der Produktion bewähren, schreibt aber weiter, in erster Linie Stücke.

Er wird von Helene Weigel entdeckt, darf am Berliner Ensemble arbeiten, verliebt sich in Katharina Thalbach, freundet sich mit Heiner Müller an, ab und zu bringt er auf irgendeiner Probebühne auch mal ein Stück zur Aufführung. 1975 folgt seine erste Veröffentlichung, ein schmaler Gedichtband in der Reihe »Poesiealbum«. Eine zweite Auflage des Bandes wird nie genehmigt. Im Herbst 1976 solidarisiert er sich mit Wolf Biermann, und weil danach erst recht nicht mehr an Veröffentlichungen im Osten zu denken ist, reisen er und Thalbach ihm wenige Monate hinterher. In einem seiner letzten Interviews bezeichnet Brasch ihn als »Arschloch, das sich damals Kommunist nannte«.

Im Westen folgt dann der Durchbruch. Sein erster Prosaband, »Vor den Vätern sterben die Söhne«, wird ein Bestseller, die Nachfolgebände können an den Erfolg anknüpfen. Brasch wird mit Preisen überhäuft, seine Stücke werden an den großen Häusern inszeniert, er dreht Filme, in denen Stars wie Bernhard Wicki oder Tony Curtis mitspielen.

Es heißt, hier spreche die lost generation der DDR; es gehe um ein Erbe der Funktionäre, Emigranten und Aufbauhelden, die auf die Einlösung der Versprechen des Sozialismus, der versöhnten und emanzipierten Gesellschaft, pochen und bitter enttäuscht werden.

Aber Brasch ging es nicht um die Schilderung der Wirklichkeit in der DDR, mit dem Zweck, sie als gescheitert und verlogen darzustellen. Deutlich wird das, wenn man die aktuellen (Wieder-) Veröffentlichungen liest. Die Texte müssen sich jetzt ohne die DDR als unmittelbaren Bezugspunkt behaupten.

Brasch ist ein Meister darin, eine Situation zu konstruieren, die man zunächst als melancholisch oder tragisch versteht - und dann streicht er diesen Eindruck durch. Brechts Attacke gegen seine Zuschauer: »Glotzt nicht so romantisch!«, greift er auf und radikalisiert sie, weil ihm, anders als Brecht, nichts an Didaktik liegt: »Ich habe gestern Nacht geträumt/ mir wäre das Dichten egal:/ du Heine, du Brecht, du Ruhm, träumte ich./ du, Brasch/ Ich habe nichts geträumt heut nacht/ und wache auch nie mehr auf.«

In »Vor den Vätern ...« gibt es eine Geschichte, in der der Protagonist, der sich gerade auf seine Republikflucht einstimmt, in das Elend eines alten Mannes verwickelt wird, der sich als alter Spanienkämpfer zu erkennen gibt. Klar, denkt man, typischer DDR-Konflikt, hier ein alter, gebrochener Kommunist, dem das Land alles bedeutet, da ein jugendlicher Rebell, der nur raus will und schon ahnt, dass ihm im Westen erst recht nichts geschenkt wird. Aber das Klischee trügt. Der Alte hat gelogen, er war gar kein Widerstandskämpfer, er ist einfach nur alt und elendig. Obwohl dadurch das Gegengewicht zum Republikflüchtling (der die Flucht nicht überleben wird) wegfällt, steht dieser nicht als Sieger mit erleichtertem Gewissen dar. Im Gegenteil, alles scheint noch auswegloser und trostloser.

Brasch seziert die Realität in einer abgeklärten Sprache, am Gestus Heiner Müllers geschult, aber nicht so fatalistisch, auch wenn der Stoff dem Autor eine solche Haltung geradezu aufzudrängen scheint. Das hat viel mit einem genauen Blick zu tun. Heiner Müller beanspruchte für sich eine umfassende historische Perspektive: Welche Chancen hat der Sozialismus, dessen »Geburtshelfer« in Ostdeutschland der Faschismus und der Stalinismus waren? Brasch fängt noch einmal ganz von unten an, untersucht die Widersprüche in den volkseigenen Betrieben, arbeitet immer wieder in kleinen Schritten durch, was das bedeuten kann: die Autonomie des Individuums.

Katja Lange-Müller schreibt in ihrem Nachwort zu »Vor den Vätern sterben die Söhne«, dass Brasch »Arbeit, entfremdete Arbeit, harte und stupide oder sinnlose Arbeit« in den Mittelpunkt seiner (besten) Texte gestellt habe. Man sollte vielleicht noch ergänzen, dass sie ihre Schärfe noch dadurch gewinnen, dass sie in einer Gesellschaft spielen, in der die entfremdete Arbeit offiziell überwunden ist. Weil der öffentliche Raum der DDR von der richtigen Idee, aber der falschen Umsetzung beherrscht wird, bleibt Braschs Protagonisten nur noch die individuelle Revolte; kein Hippietum, keine Drogenexzesse, sondern Arbeitsverweigerung: »Lieber Kollege Direktor! Heute will ich Ihnen schreiben. Ich bin Herr Ramtur aus der Dreherei und möchte Ihnen einen Vorschlag unterbreiten: Schicken Sie mir bitte jeden Monat mein Gehalt zu. Ich möchte ein Jahr lang nicht arbeiten. Viele Grüße/ Kollege Ramtur.« Und während in den folgenden Briefen Ramtur vernünftig argumentiert, warum es für ihn besser ist, nicht zu arbeiten, bleibt dem Direktor nur die stupide Aufforderung, endlich wieder am Arbeitsplatz zu erscheinen.

Der letzte Brief, den Ramtur an den Direktor schreibt, kommt aus dem Knast. Aber diese Pointe ist nicht so bitter, wie sie scheint, denn vorher wurde klar, dass die Vernunft auf der Seite der Außenseiter ist. Die Macht kann nur brüllen.

Thomas Brasch: Liebe Macht Tod. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2002, 325 S., 14 Euro

Ders.: Vor den Vätern sterben die Söhne, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2002, 136 Seiten, 11,80 Euro

Ders.: Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2002, 206 S., 16,90 Euro



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