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Nr. 45/2002 - 30. Oktober 2002
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Tod eines Verlegers

Siegfried Unseld. Was für ein Name - Unseld! Für einen Sprachsensiblen muss er aber auch eine schwere Bürde sein, wegen der verneinenden Kraft, die in der Vorsilbe »un« steckt, und auch weil der sperrige Name Assoziationen zum Begriff »unselig« weckt. Siegfried Unseld hat sich von seinem Namen offenkundig nicht einschüchtern lassen. Der Suhrkamp-Patriarch legte eine in der BRD ziemlich beispiellose Karriere hin, sein Einfluss auf das Wohl und Wehe des Landes und dessen Ansehen in der Welt ist gewaltig.

1952 kam er zum Verlag, dessen alleinige Geschäftsführung er 1959 nach dem Tod von Peter Suhrkamp übernahm. Der Frankfurter Verlag, der ursprünglich aus einer Kooperation mit Samuel Fischer hervorging, verlegte Autoren, die Literaturgeschichte schrieben und schreiben. Brecht, Beckett, Bernhard, Johnson gehören ebenso dazu wie die Chefdenker Adorno, Marcuse, Durkheim, Foucault, Derrida und Deleuze. Unter den geschäftstüchtigen deutschen Unternehmern der Wirtschaftswunderjahre war Unseld einer der tüchtigsten, sein Machtstreben gilt als legendär.

Zuletzt zwang ihn seine Krankheit in die Beobachterposition, die Schmähung Marcel Reich-Ranickis durch Martin Walser segnete Unseld jedoch noch ab. Aus Treue zu seinem Stammautor und weil er bis zuletzt an literarischem Sprengstoff interessiert gewesen sein soll, heißt es.

Mit Siegfried Unseld starb in der vergangenen Woche im Alter von 78 Jahren eine Persönlichkeit des Intellektuellenbetriebs, die zwar weniger laut war, als Reich-Ranicki es ist, aber vermutlich einen viel größeren Einfluss hatte (Nachruf folgt).



Nur geträumt?

Reality-Soap. Was macht eigentlich Endemol? Schon lange wurde niemand mehr in den Container gesperrt oder wegen Übergewichts vor der Kamera aufs Laufrad geschickt. Aber jetzt hat sich Endemol wieder was Tolles ausgedacht. Die Produktionsfirma will das Werk Helmut Kohls vollenden und in dem im nordthüringischen Kyffhäuserkreis gelegenen Artern für blühende Landschaften sorgen.

In dem Kaff leben 7 000 Menschen, von denen vor kurzem noch 30 Prozent arbeitslos waren. Das brachte der Gemeinde immerhin den Ruf ein, Deutschlands ärmste Stadt zu sein. Inzwischen hat man sich zwar auf eine Quote von 23 Prozent hochgearbeitet, doch so richtig wirtschaftswunderlich ist das ja immer noch nicht. Deswegen wurde das Örtchen nun auserwählt, mit Hilfe von Endemol zur »Stadt der Träume« zu werden. So zumindest soll Endemols neue Reality-Soap heißen, in deren Mittelpunkt Artern stehen wird.

Das Konzept sieht vor, dass ein Jahr lang die Arterner und ihr Alltag gefilmt werden, was den Ort und seine Einwohner berühmt machen und so Investoren anlocken soll. Je öfter Arbeitslose gezeigt werden, desto weniger wird es von ihnen geben, hat man sich wohl gedacht. Denn das Fernsehen schafft Arbeitsplätze, ein wirklich durchschlagendes Programm, besser als das von Hartz jedenfalls. Noch ist es aber mit der »Stadt der Träume nicht so weit«. »Die Verhandlungen laufen noch«, heißt es.



Freiheit in der Kampfzone

Rechtsstreit. Das Recht, den Islam »die dümmste aller Religionen« nennen zu dürfen, musste sich Michel Houellebecq hart erarbeiten. Wegen seines Ausspruchs wurde der französische Schriftsteller von vier muslimischen Verbänden vor Gericht gebracht (Jungle World, 41/02. Es sprach Houellebecq nun davon frei, rassistische Propaganda zu verbreiten, da er sich vor allem gegen den Islam an sich und nicht gegen die Muslime richte. Außerdem sei das Gericht nur für juristische, nicht aber für moralische Konflikte zuständig.



Im Bett mit Saddam

Friedensbewegung. Jeff Koons, dem weltberühmten Kitschkünstler, gelang mit seinem Kitsch erstaunlicherweise ein Comeback. Nun versucht es auch seine Ex-Frau Ilona Staller, besser bekannt als »Cicciolina«, nochmals. Ihr verdanken wir immerhin diese tollen Pornostills mit Koons, die nicht Schmuddel, sondern Kunst genannt werden müssen. Staller, die es sogar bis ins italienische Parlament schaffte, damals, als es dort noch nicht so unseriös zuging wie heute, hat sich nun niemand anderem als Saddam Hussein als Beischlafpartnerin angeboten. Ob es sich hierbei um Liebe handelt, ist eher zweifelhaft, denn Staller fügte ihrem Angebot, eine heiße Nacht mit Saddam verbringen zu wollen, hinzu: »Ich würde es tun mit zugehaltener Nase und geschlossenen Augen«, und selbst das nur, falls Saddam endlich die UN-Resolutionen befolge. Denn schließlich ginge es ja, so begründet Staller ihren mutigen Vorstoß, um »den Frieden«. Ein Bed-In mit Saddam also, Wandeln auf den Spuren von John und Yoko, Vögeln für den Weltfrieden, toll. Reaktionen aus dem Irak wurden bisher nicht bekannt. Wir als alte Fans von Wilhelm Reich empfehlen natürlich: Saddam, mach' dich locker.



Gratulation trotzdem

50 Jahre alt. Mad, die Zeitschrift, die niemand mehr liest, der älter als elf Jahre ist, wird 50. Das muss man erwähnen, schließlich war das Heft, auch wenn man sich das inzwischen kaum mehr vorstellen kann, echt mal wichtig. Wir erinnern uns: Spy vs. Spy, Don Martin, Käpt'n Hirni und der ganze andere Scheiß, der zumindest lustiger war als Hausaufgaben zu machen. Doch die glorreichen Tage von Alfred E. Neumann sind bekanntlich vorbei. Nachdem Herbert Feuerstein seinen Job als Chefredakteur der deutschen Ausgabe von Mad gekündigt hatte, ging nicht mehr viel. Dann war das Heft eine Zeit lang ganz vom Markt verschwunden, und nach dem Relaunch im Jahr 1998 war alles endgültig todtraurig, in jedem Fall eher »würg« als »lechz«. Vom Anarchohumor vergangener Tage blieb definitiv nichts übrig. So gratulieren auf dem Cover der deutschen Mad-Jubiläumsausgabe Bart Simpson, Bender von Futurama, Spiderman, der Geschenkschlumpf von den Schlümpfen und andere dem ehemaligen Nonsensidol mit der Zahnlücke, Alfred E. Neumann. Alle Gratulanten kommen aus dem Hause Dino, so wie Mad selbst.



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