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Nr. 44/2002 - 23. Oktober 2002
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Die Superloser

Deutsch. Super, was der Verein für deutsche Sprache mal wieder herausgefunden hat. Und zwar hat er unter dem Stichwort »Verlierer sprechen denglisch« eine Liste mit Firmen zusammengestellt, zum Großteil natürlich irgendwelche New-Economy-Klitschen, die sich erstens bei ihrer Namensgebung nicht streng an das deutsche Reinheitsgebot gehalten und zweitens bankrott gemacht haben. So hätten nach der Logik des Sprachbewahrervereins die 47 deutschen Unternehmen überleben können, hätten sie einen deutschen Firmennamen gehabt. Die Brainpool TV AG etwa hätte sich demnach einfach nur Gehirnschwimmbad Fernseher AG nennen müssen, die Edel Music AG Edel Musik AG - man beachte den himmelweiten Unterschied -, und schwupp!, wären auch heute noch ihre Aktien begehrt. Scheiße happens.



Der schon wieder

Nobelpreisträger I. Günter Grass ist jetzt dort gelandet, wo er hingehört: im Museum. Eben erst wurde in Lübeck, also dort, wo man auch auf den Spuren Thomas Manns wandeln kann, das Grass-Haus eröffnet. An diesem Ort der Geschichte kann man Manuskripte, Zeichnungen und Gedichte einsehen oder sich die Skulpturen des Meisters ansehen, die überall rumstehen. Es stellt sich natürlich die Frage, ob es jemals einen derart verregneten Sonntagnachmittag in Lübeck geben wird, dass man beschließt, sich den Besuch des Sammelsuriums anzutun.

Und es ist auch nicht jedermann erwünscht. »Herr Ranicki kommt in diesem Haus nicht vor«, ließ Grass bereits verlauten. Was das wohl bedeuten mag? Vielleicht, dass Grass definitiv nicht gewillt ist, mit Marcel Reich-Ranicki in seiner neuen Museumsbude eine WG zu gründen. Die beiden haben nämlich ein ausgemachtes Abwaschproblem.



Nasenterror

Stinkliste. In den USA hat ein Hersteller von Lufterfrischern eine Umfrage gesponsert, die eine Hitliste der übelsten Düfte erstellte. Auf Platz eins schafften es tatsächlich die Stinktiere, die 59,7 Prozent der Befragten für das größte Übel auf der nach oben offenen Stinkerskala halten. Einen souveränen zweiten Platz konnten sich die faulen Eier sichern, die regelmäßig in den hintersten Ecken der Kühlschränke vor sich hin gammeln. Gefolgt von lecker vollen Windeln, die den dritten Rang einnehmen. Weitere hohe Platzierungen erzielten Toilettengerüche und der Gestank einer Kuhfarm. Etwas abgeschlagen fanden sich verwestes Fleisch, Abflusskanäle und »der Typ, mit dem ich arbeite«.



Die schon wieder

Leni Riefenstahl. Weil Meldungen über Leni Riefenstahl inzwischen eigentlich auf dem Jungle World-internen Index gelandet sind, weil man die Frau sonst gar nicht mehr loswird, hier nur ganz kurz: Das vom Kölner Verein Roma wegen des Verdachts der Volksverhetzung angestrengte Verfahren gegen Leni Riefenstahl wurde eingestellt. Dabei ging es um die Behauptung der spät berufenen Tiefseetaucherin, sie habe nach dem Zweiten Weltkrieg sämtliche »Zigeuner-Komparsen« aus ihrem Film »Tiefland« wieder gesehen. Es gilt als sicher, dass nicht wenige von ihnen in deutschen Konzentrationslagern umgekommen sind. Riefenstahl verpflichtete sich nun, ihre Äußerung nicht mehr zu wiederholen. Der Prozess wurde mit Rücksicht auf ihr Alter und wegen des angeblich mangelnden öffentlichen Interesses eingestellt.



Noch was dazu

Nobelpreisträger II. In der Zeit wurde der neue Nobelpreisträger Imre Kertész, der derzeit in Berlin sein neues Buch schreibt, unter anderem auch zu Martin Walser und dessen äußerst umstrittenen Roman »Tod eines Kritikers« befragt. Kertész, der vorab anmerkte, das Buch nicht gelesen zu haben, äußerte sich dazu folgendermaßen: »So weit ich weiß, ist das Vorbild für diese Figur Herr Reich-Ranicki. Herr Reich-Ranicki ist kein Adonis. Das ist wahr. Aber es gibt sehr schöne Juden. Warum soll es antisemitisch sein, wenn diese Romanfigur unansehnlich ist? Die Figur ist unsympathisch, und zufällig ist sie Jude. Aber in erster Linie ist sie Kritiker. Und die meisten Juden sind keine Kritiker. Warum darf ein Autor seinen Kritiker nicht hassen?« Und weiter: »Ich glaube nicht, dass Reich-Ranicki der Prototyp für den Juden schlechthin sein soll, das wäre wirklich schrecklich. Ich glaube auch nicht, dass Martin Walser alle Juden unsympathisch findet. Er findet diesen einen Juden unsympathisch. Diese Freiheit muss es geben. Deutschland ist reif genug dafür.«



Wie es wirklich war

»Baader«. Die Zeit ließ Astrid Proll, die Mitglied der RAF war und mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin im Untergrund lebte, »Baader«, den neuen Film von Christopher Roth, rezensieren, der eben angelaufen ist. Allerdings schrieb Proll nicht im Feuilleton, sondern auf den Spaßseiten der Wochenzeitung, dem »Leben«. Sie zerlegt den Film und stellt fest, dass Baader »nicht immer getroffen« sei, außerdem habe der echte Baader überhaupt keine Anzüge getragen. Das ist besonders dramatisch, da es im Film eigentlich um nicht viel mehr geht als um Baaders Anzüge. Wobei man auch noch anmerken muss, dass der Glamour, den Roth mit seiner Inszenierung versprach, sich definitiv nicht einstellt. Bei diesem traurigen Haufen hätte man wirklich nicht gerne mitmachen wollen, mit diesem Gefühl verlässt man das Kino. Frank Giering als Andreas Baader ist alles andere als ein Jean-Paul Belmondo, und so richtig cool und nicht nur radical, sondern auch chic kommt eigentlich niemand rüber. Prolls Besprechung endet dann auch mit der Bemerkung, hier hätten Filmautoren »aus einem Drama eine Komödie gemacht, die ihnen misslungen ist«.



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