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Nr. 43/2002 - 16. Oktober 2002
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Willkommen im Club

Bertelsmann. Lange Zeit kursierte die Mär, der Medienkonzern Bertelsmann könne auf eine ruhmreiche antifaschistische Geschichte zurückblicken. Zumindest wurde man bei Bertelsmann nie müde, Derartiges zu behaupten. Doch andere behaupteten, Bertelsmann habe sich in der Nazizeit alles andere als eine weiße Weste bewahrt, sondern im Gegenteil gut an der Erbauungsliteratur für das deutsche Volk verdient.

Vor einiger Zeit beauftragte Bertelsmann eine unabhängige Historikerkommission unter der Führung von Saul Friedländer, die Klarheit in die Angelegenheit bringen sollte und die ihren Befund pünktlich zur Frankfurter Buchmesse vorgelegt hat. Das Urteil, das sich aus der umfangreichen Recherche ergibt, fällt ziemlich deutlich aus. Heinrich Mohn, der Vater des derzeitigen Konzernchefs Reinhard Mohn, zögerte nicht, »als die Konjunktur der Kriegsliteratur und die Militarisierung der Gesellschaft Mitte der dreißiger Jahre die Chance boten, mit wenigen Titeln Massenauflagen zu erzielen«.

Mohn wollte seinen christlich motivierten Laden auf jeden Fall »zu einem der umsatzstärksten Buchunternehmen Deutschlands« machen. Deswegen wurden spezielle Wehrmachtausgaben herausgebracht, sodass Auflagen bis 19 Millionen Exemplare erreicht wurden. Damit sicherte sich Bertelsmann sogar noch vor dem Zentralverlag der NSDAP den ersten Platz in der Produktionsstatistik.

Deswegen kann man die Ergebnisse des Kommissionsberichts auch so zusammenfassen: Ohne Hitler hätten wir heute nicht in jeder deutschen Kleinstadt einen dieser unsäglichen Bertelsmann-Buchclubs.



Kirche rettet Goldhagen

Verbot. Daniel Goldhagen hat ein neues Buch geschrieben: »Die katholische Kirche und der Holocaust«. In ihm geht es um die Verstrickung der katholischen Kirche mit dem Naziregime und darum, dass die Kirche gegen den Antisemitismus gar nichts einzuwenden hatte. Die bisher geäußerte Kritik zum Buch ist gleichlautend. Goldhagen rennt offene Türen ein, bringt nichts Neues und bastelt sich die Belege für seine These manchmal zurecht.

Nachdem »Hitlers willige Vollstrecker« ein sensationeller Bestseller wurde, machte man sich um die Erfolgsbilanz des neuen Buchs von Goldhagen schon Sorgen. Ohne wirklich provokante Thesen auch keine Debatte, ohne Debatte keinen Rummel, und ohne Rummel keine Stapelware. Doch nun hat die Kirche Goldhagen den notwendigen Gefallen getan. Per einstweiliger Verfügung ließ sie die weitere Auslieferung des Buchs stoppen. Weil unter einem Foto der Name »Faulhaber« steht, obwohl der Münchner Kardinal darauf gar nicht zu sehen ist. Für den Skandal ist also gesorgt, dank der Kirche als williger Vollstreckerin.



Keine Comics!

Kanon. Die Zeit hat es mal wieder gemacht: einen literarischen Kanon erstellt. Als ob wir nicht so schon genug um die Ohren hätten. Die 82 000 Neuerscheinungen auf der Frankfurter Buchmesse haben wir auch noch nicht verdaut, und da will die Zeit uns nochmals unter die Nase reiben, was wir schon in den vergangenen Tagen alles zu lesen verpasst haben.

Denn die 50 Buchtitel, die uns hier serviert werden, sind nicht etwa irgendein Kanon, sondern sind eine »Zeit-Schülerbibliothek«. Als Anregung für Schüler verstand allerdings auch schon Marcel Reich-Ranicki seinen berüchtigten Kanon, den er im Spiegel veröffentlichen ließ. Und so gibt's dann auch hier den ganzen Kram, mit dem man sich eben so herumschlagen muss im bildungsbürgerlichen Deutschland. Bertolt Brecht, Gottfried Keller, Heinrich von Kleist, »Der Prozess«, »Jakob, der Lügner«, »Aus dem Leben eines Taugenichts«. Die Liste ist so überraschungsfrei wie das Ergebnis des Versuchs, Otto mal rückwärts zu lesen. Den ersten Platz im Kanon hält Bettina von Arnims »Die Günderode«. Da heißt es wohl: Nachsitzen.



Kertész kriegt ihn

Literaturnobelpreis. Die höchste Auszeichnung, die der Weltliteraturbetrieb zu vergeben hat, bekommt man nicht für einen einzelnen Erfolgstitel. Dennoch ist es hilfreich, einen allgemein als herausragend eingestuften Roman veröffentlicht zu haben, will man den Nobelpreis für Literatur bekommen. Günter Grass erhielt ihn vor allem für »Die Blechtrommel«, José Saramago für »Die Stadt der Blinden«, und der diesjährige Preisträger, der ungarische Schriftsteller Imre Kertész, wird insbesondere für seinen »Roman eines Schicksallosen« ausgezeichnet.

Als die Novelle 1975 in Ungarn erschien, fand sie keine Resonanz. Ebenso erging es der 1990 veröffentlichten deutschen Übersetzung des Buches. Erst in der 1996 im Rowohlt-Verlag erschienenen Übertragung von Christina Viragh wurde der autobiografische Roman über eine Jugend im Konzentrationslager zu einem literarischen Ereignis. Die Perspektive der Darstellung ist die des naiv-amoralischen Kindes, das den Leser in seine Welt hineinzieht, und diese Welt ist Auschwitz. Dem Leser bleibt nichts anderes übrig, als sich gegen die Komplizenschaft mit dem Erzähler zu wehren. Denn der Erzähler betrachtet das Vernichtungslager mit derselben unbefangenen Neugier an, mit der kleine Jungs ihre Umwelt betrachten, um herauszufinden, nach welchen Regeln hier eigentlich gespielt wird. Kertesz hat mit seinem »Roman eines Schicksallosen« gezeigt, dass eine Geschichte über den Holocaust bewegend und aufwühlend sein kann, ohne in den Entlastungskitsch abzugleiten, wie ihn Steven Spielberg anzubieten hat.

Nun stimmt es natürlich auch, dass gerade die amerikanische Kultur und insbesondere ihre jüdischen Autoren sich des Holocaust und seiner Folgen angenommen haben, dass hier Weltliteratur entstanden ist und dass der eine oder andere nobelpreiswürdige Schriftsteller in den USA zu finden gewesen wäre. Mit Kertész würdigt die Jury einen Autor, der, wie viele andere osteuropäische jüdische Schriftsteller, nach dem Ende der Nazizeit wieder um seine Geschichte und Identität kämpfen musste.



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