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Nr. 42/2002 - 09. Oktober 2002
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Ian McEwans »Abbitte«

Vorher ist schöner

Private Katastrophen zerschlagen das Leben desjenigen, der sie erlebt, gnadenlos in ein Vorher und Nachher. Es gibt dann die unbeschwerte Zeit vor dem schrecklichen Ereignis und die düstere Zeit, die auf das Desaster folgt. Wobei aus Sicht des Opfers zwischen beiden Blöcken erst mal kein Zusammenhang herstellbar ist, sodass es für eine Weile orientierungslos durch die eigene Biografie taumelt, deren Dramaturgie es nicht mehr überblickt.

In seinem neuen Roman »Abbitte« bedient sich Ian McEwan dieser Dramaturgie des harten Schnitts und mutet dem Leser damit einen gewaltigen Klimawechsel zu. Vorher scheint die Sonne, es ist heiß, alle sind jung und drängen sich in einem Landhaus im England des Jahres 1935 um den Pool. Nachher herrscht Krieg, Hunger, Elend, die Bande der geschwisterlichen Gemeinschaft sind zerrissen, und jeder leidet auf seine Art.

In Gang gesetzt wird das Laufwerk der Katastrophe von der 13jährigen Briony Tallis, die in jenen schicksalhaften Tagen heftig pubertiert und phantasiert. Mit der schamlosen Neugier, wie sie nur einer jüngeren Schwester eigen ist, verfolgt sie das erwachende Liebesleben der älteren und ist auch prompt zur Stelle, wenn Cecilia in der Bibliothek des Elternhauses zum ersten Mal Sex mit Robbie hat. Robbie, diesen netten Jungen von nebenan, der für beide Schwestern immer so etwas wie ein Bruder war, hält Briony plötzlich für einen gefährlichen Triebtäter, der verscheucht gehört; das unbeholfene Liebesspiel der beiden zwischen Buchregalen für einen Kampf auf Leben und Tod; und sich selbst für die Regisseurin im großen Welttheater.

Noch in derselben Nacht spielt sie Schicksal und stürzt mit ihrer Behauptung, Robbie habe ihre Kusine Lola vergewaltigt, die schwer verliebte Schwester, deren völlig schuldlosen Freund sowie sich selbst ins Unglück. Auf dem Scheitelpunkt der Katastrophe blitzt zwar sekundenlang die Möglichkeit auf, dass der dunkle Schattenriss, den das Mädchen bei seinem nächtlichen Ausflug zunächst für einen windbewegten Busch gehalten hatte, gar nicht zu Robbie gehört. Doch mit ihren Anschuldigungen katapultiert sie sich so zielsicher ins Zentrum familiärer Aufmerksamkeit und behördlicher Fürsorge, dass sie sich der Sogwirkung des Ereignisses nicht mehr erwehren kann. Robbie wandert schuldlos ins Gefängnis. Erst Jahre später, wenn die Gewissensbisse ihr keine Ruhe mehr lassen, wird Briony vor sich selbst und der Schwester zugeben können, dass Eifersucht ihren Blick auf die Szenerie trübte und Hysterie ihre Phantasie explodieren ließ.

»Abbitte« ist ein echter Ian McEwan, ein Roman, der Leser und Kritiker ins Schwärmen bringen wird , weil er all die Bilder, Figuren und Finten besitzt, für die die Geschichten des Briten berühmt sind. Viele Motive des inzestuös gefärbten Jugenddramas erinnern an seinen Welterfolg »Der Zementgarten«, und die erzählerische Raffinesse kennt man aus dem Roman »Amsterdam«. Mit der adoleszenten Briony des ersten Teils, deren Perspektive sich die Erzählung über weite Strecken zu Eigen macht, hat er zudem eine bezaubernde Mädchenfigur geschaffen.

Großartig ist es, wenn er Briony bei einem Streifzug durch die Landschaft davon träumen lässt, wie sie bei der kommenden Olympiade in Berlin zum umjubelten Star in der bis dato noch völlig unbekannten Disziplin »Nesselpeitschen« wird. Das ist aber zugleich auch der Makel des Romans, dessen grauer zweiter Teil gegen den fiebrigen Zauber des ersten Teils nichts mehr ausrichten kann. Es ist wie im richtigen Leben: Vorher ist schöner.

heike runge


Ian McEwan: Abbitte. Diogenes, Zürich 2002, 534 S., 24, 90 Euro



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