Glückliche Arbeitslose
Avanti Dilettanti
Die Idee ist bestechend einfach. Rund 600 Unternehmen sind auf einer Datenbank gespeichert, inklusive der aktuellen Telefonnummern und Ansprechpartner. Man braucht nur noch seinen Namen einzugeben, und nach dem Zufallsprinzip wird eine Betriebsadresse mit einem von fünfzig Ablehnungsgründen verknüpft. Dann spuckt der Drucker ein Ablehnungsschreiben aus, dass jeden vermittlungswütigen Sachbearbeiter beim Arbeitsamt überzeugen wird. »Leichten Herzens kann dann der Arbeitslose zum nächsten Termin gehen. Der Beweis seiner Bereitwilligkeit ist gesichert«, schreiben die Glücklichen Arbeitslosen über den Zweck des »Stellungsablehnungsgenerators«.
Ihre praktischen Ideen für den Umgang mit Ämtern sind in dem Band »Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche« nachzulesen, der in der Edition Tiamat erschienen ist. In den darin versammelten Aufrufen, Essays und Manifesten werden die Aktivitäten beschrieben, die die Gruppe in den vergangenen sechs Jahren unternommen hat, um dem Arbeitszwang zu entfliehen, sowie die Reaktionen, die sie erhalten haben.
Und die sind nicht immer freundlich. Bei Konservativen stößt ihr überzeugter Hedonismus ebenso häufig auf Ablehnung wie bei vielen Linken. Die einen sehen darin nur den Versuch, sich ein schönes Leben auf Kosten der Allgemeinheit zu gestalten, den anderen fehlt der Klassenkampf. Beide Seiten werfen ihnen vor, im Grunde nur einen exklusiven Lebensstil zu pflegen.
Dabei werden in den Texten immer wieder Gedanken aufgegriffen, die sich angesichts der ökonomischen Entwicklung fast von selbst aufdrängen. Dass die Lohnarbeit nicht mehr für alle reicht, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Daher sei nicht die freie Zeit das Problem, sondern ein gesellschaftlicher Zustand, der Arbeitslosigkeit immer noch mit sozialer Deprivation und Armut bestraft. Wichtig sei es deshalb, die alte Arbeitsmoral zu überwinden und die soziale Relevanz des Müßiggangs zu erkennen.
Zufrieden mit den Glücklichen Arbeitslosen sind vor allem die Feuilletonredaktionen. Denn die Hedonisten haben es geschafft, ein Thema, das bislang nur für düstere Kommentare auf den Politik- oder Wirtschaftsseiten taugte, in ein kulturelles Anliegen zu verwandeln. In kurzer Zeit gelang es der Gruppe, eine erstaunliche Resonanz hervorzurufen. Ihr 1996 veröffentlichtes »Manifest«, das in dem Band abgedruckt ist, wurde in fast allen überregionalen Zeitungen besprochen. Und ausgerechnet Peter Glotz entdeckte darin sogar den Ansatz für einen »neuen Bund der Kommunisten«.
Merkwürdig argumentieren die Glücklichen Arbeitslosen, wenn sie versuchen, eine positive Utopie zu entwerfen. Die Phänomene, denen ihre Sympathie gehört, entstehen in den Regionen, wo die Warenökonomie nicht mehr funktioniert, wie etwa die Tauschringe, die sich in Argentinien nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch gebildet haben. Dagegen könnte man einwenden, dass nicht die bestmögliche Organisation des materiellen Elends, sondern die Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums einmal das Ziel gewesen ist.
Die Glücklichen Arbeitslosen werden solche Einwände kaum beeindrucken. Sie verstehen sich als professionelle Dilettanten in einer Welt, die von dilettantischen Experten zugrunde gerichtet wird. Ihre Vorschläge entspringen einem hemmungslosen Eklektizismus, den sie mit eigenen Erfahrungen verbinden. Und wer will, kann sich davon inspirieren lassen.
anton landgraf
Guillaume Paoli (Hg.): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen. Edition Tiamat, Berlin 2002, 200 S., 14 Euro